Außerdem hat er 16 Skizzen über Kunst in dem lyrischen Tone Wackenroder’s geschrieben, 45 kritisch literarische und literarhistorische Abhandlungen, die er in der Form von Briefen, Recensionen, Einleitungen und Vorreden gab; davon verfaßte er 23 als Herausgeber oder Vorredner für Schriftsteller der neuern Zeit und für verstorbene oder noch lebende Freunde. Dazu kommen 107 dramaturgische Kritiken, Abhandlungen und Anzeigen größern oder kleinern Umfanges, ferner ein starker Band lyrischer Gedichte, und endlich die Anmerkungen zum Shakspeare, und die Bearbeitungen und Uebersetzungen aus dem Altdeutschen, Englischen und Spanischen.

Also neben umfassenden kritischen und literarhistorischen Arbeiten, zahlreichen Uebersetzungen und lyrischen Gedichten stehen 98 vollendete, zum Theil große Dichtungen, in dramatischer oder erzählender Form, und ihnen gegenüber sieben unvollendete! Kann man ein funfzigjähriges Dichterleben besser auskaufen? Fürwahr, es gehört die Verblendung einer übersichtigen Kritik dazu um zu behaupten, Tieck habe seinem Wesen nach nichts vollenden können!

Stets hat man es mit Recht am meisten bedauert, daß er gerade die Novelle, in der die Novelle über sich selbst hinausgeht, und zu einem ebenso tiefsinnigen als großartigen historischen Gemälde sich erhebt, nicht zum Abschlusse geführt habe, den „Aufruhr in den Cevennen“. Es ging ihm auch hier wie öfter; die günstige Constellation, die er abwartete, in der seine Stimmung mit den Umständen zusammentreffen sollte, erschien nicht. Später bedauerte er oft, daß er nicht zur Vollendung gekommen sei, da er den Schluß bei sich ganz durchgearbeitet habe. Er hatte die weitere Entwickelung der Fabel im Kopfe fertig, und bisweilen sprach er davon in allgemeinen Andeutungen. Der alte Parlamentsrath Beauvais, Edmund’s Vater, wird in seinem Zufluchtsorte im Gebirge durch den humoristischen Musikus entdeckt, der sich rühmt ihn durch seine geheime Wissenschaft erkannt zu haben, während ihn der Hund Hektor auf die Spur des Verfolgten geleitet hat. Der alte Beauvais wird gefesselt von den königlichen Truppen fortgeführt, und es ergibt sich Gelegenheit, die Grausamkeit des Marschalls Montrevel und der Verfolger in ihrem ganzen Umfange noch einmal zu schildern. Edmund beschließt seinen Vater mit Hülfe der Genossen zu befreien. Dies geschieht bei jener geheimnißvollen Esche, von der der Jäger Favart im Anfange erzählt. Hier hat einst in den Zeiten der ersten Religionskämpfe ein hugenottisch gesinnter Sohn seinen altgläubigen Vater durch einen Schuß getödtet. Dieser hatte flüchtend den Baum erstiegen, und stürzt nun hinab auf den Sohn, der über seine That wahnsinnig wird. An derselben Stelle befreit jetzt der Hugenott Edmund seinen Vater; der Baum ist entsühnt. Edmund macht sich von seiner Partei los, der er innerlich nicht mehr ganz angehört; er flieht mit Vater und Schwester nach Genf; Christine folgt ihnen. An die Stelle des grausamen Montrevel tritt Villars, der den Abschluß dieser Bewegungen herbeiführt. Dies ungefähr sollte der Inhalt des dritten und vierten Abschnitts sein.

Es mag kühn sein dem Dichter gegenüber, der sein Werk fortsetzen wollte, die Ansicht festzuhalten, daß es in sich schon jetzt vollendet, abgeschlossen sei. Ist dem so, möchte man vermuthen, vielleicht eben darum sei es zu einer äußern Fortsetzung nicht gekommen. Die verschiedenen Punkte, durch welche das religiöse Bewußtsein, der Glaube sich hindurch bewegen kann, sind alle berührt; vom Atheismus bis zur schwärmerischen Vision haben alle Formen ihre Darstellung gefunden. Edmund erscheint zuerst als katholischer Fanatiker, der außerhalb seiner uralt historischen Kirche kein Heil sieht, und die Unterwerfung des Glaubensbedürfnisses und Gewissens unter ihre unwandelbaren Gesetze erzwingen will. Er schlägt um, und wird camisardischer Schwärmer; nun findet er das Heil allein in den Visionen und Offenbarungen, die ihm persönlich zu Theil werden. An die Stelle der historisch gläubigen Starrheit tritt schwärmerische Zerfahrenheit, aber er bleibt ein religiöser Verfolger, nur von dem andern Extrem geht er aus. Da lernt er durch den alten Geistlichen das milde und versöhnende Christenthum kennen, das Christenthum der That, das über den Gegensätzen steht, er ahnt, daß er aus einem schweren Irrthum in den andern verfallen sei, er wendet sich innerlich von seinen neuen Glaubensgenossen ab, und auf jenen Weg des Friedens und der Versöhnung fühlt er sich hingezogen. Soweit liegt die Entwickelung in dem was Tieck gegeben hat, klar und deutlich vor. Sollte darin nicht ein wesentlicher innerer Abschluß erkennbar sein?

„Aber Shakspeare!“ ruft die schadenfrohe Kritik weiter; „wie war es mit seinem vielbelobten und lang versprochenen Buche über Shakspeare?“ Ja wol, in seiner überschwänglichen Begeisterung für Shakspeare hat er oft von seinem Dichter und dem Buche über ihn gesprochen. Glaubte er doch hier eine Aufgabe seines Lebens zu finden! Die Einleitung zum „Sturm“ gab er 1796 „als eine Probe einer größern Arbeit über Shakspeare“ und schloß mit einem genauen Programm derselben; das altenglische Theater von 1811 ist ihm ein Supplement, um über Shakspeare in seinem Buche gründlich zu sprechen; die Andeutungen der Vorrede zur „Vorschule“ 1823 hofft er ebendort genügend auszuführen, 1828 in der Einleitung zu Lenz erwähnt er wieder dieses Werkes. Oft sprach er so davon, als sei es vollendet, als werde es binnen kurzer Zeit erscheinen; und rührend war es in seinen letzten Jahren ihn klagen zu hören, wie Krankheit und Widerwärtigkeiten ihn immer noch nicht zur Vollendung seines Buches über Shakspeare hätten gelangen lassen. Wie eine Fata Morgana war die Idee dieses Werks vor ihm hergegangen durch das Leben. Wie oft glaubte er sie zu ergreifen, und stets floh sie von neuem in die Ferne, bis sie an den Grenzen mit dem Leben selbst untersank! Es war ein unablässiges Streben nach einem Ziele, mit gleicher Begeisterung bis an das Ende; ein Streben ohne zu erreichen, die menschliche Schwäche in großer menschlicher Kraft. Seine Gründlichkeit ebenso sehr als das Voraneilen seiner Phantasie ließen diesen Lieblingsgedanken nicht zur Ausführung kommen.

Zu der Gesellschaft in der Phantasusnovelle gehört auch der gelehrte Alterthumsforscher, dem der humoristische Kritiker nachsagt, er gehöre zu den gründlichen Deutschen, welche nie aus den Vorbereitungen herauskommen, und vor lauter Gründlichkeit die Sache kaum an der Oberfläche berühren. Tieck schilderte hier eine Seite seiner Natur. Der Name Shakspeare schloß für ihn alle Poesie, alle Begeisterung, alles Höchste und Größte in sich. Nicht ohne Weihe und lange Vorbereitung glaubte er dieses Heiligthum betreten zu dürfen. Alle Hülfsmittel, deren er habhaft werden konnte, zog er von nah und fern herbei, aber immer noch nicht schienen sie ausreichend. Unaufhörlich las, studirte und erwog er den Sinn des Dichters, aber er glaubte in die Tiefe noch nicht ganz hinabgetaucht zu sein, sie ganz ermessen zu haben. Immer weiter zog er die Grenzen der Aufgabe. Die Entwickelung Shakspeare’s wuchs ihm zur Geschichte des englischen Dramas, der abendländischen Poesie und Cultur empor, die Welt lag in Shakspeare. Dann ward er über seinen Vorbereitungen ungeduldig; er sah in den Keimen schon die vollen Früchte. Im Kopfe hatte er sein Buch fertig, es schien nur nöthig die Hand zu erheben, um es zu vollenden, und die Vollendung galt ihm als Pflicht der Pietät gegen den großen Geist, in dessen Zauberkreis er sich magisch gefesselt fühlte. Er faßte es als Opfer des Danks, das er zu bringen habe. Ebenso sprach er von der Pflicht, ein Buch über Cervantes, über Goethe und Fleck zu schreiben. Er wollte Zeugniß ablegen für die Geister, die auf ihn gewirkt hatten, und alle Welt sollte ihre Größe erkennen, wie er sie erkannte.

Aber die Kritik erweckte ihn aus solchen Verzückungen. Von Zeit zu Zeit rückte sie ihm die Frage vor, wie es denn mit dem mysteriösen Buche stehe; sie ging zur Vermuthung über, es existire überhaupt wol nur in seinem Kopfe, und meinte endlich, es sei das nicht zu beklagen, sein Buch würde ein antiquirtes gewesen sein, denn längst sei man über ihn und seine Shakspearegrillen hinweggeschritten. An Tieck’s romantischer Kritik wollten Tagesschriftsteller, kritische Philologen und buchgelehrte Literarhistoriker zu Rittern werden.

Jene Vermuthung hat sich als unrichtig erwiesen, und wie weit die neue Kritik mit ihren Behauptungen Recht hat wird sich erweisen, wenn die kritischen Acten über Shakspeare geschlossen sind. Tieck’s Blick ist auch hier bis zuletzt klar geblieben. Wenige Monate vor seinem Tode, als ihm der Band des Collier’schen Shakspeare aus London zugesandt wurde, welcher die neu aufgefundenen Emendationen enthält, sagte er: „Ich kann nichts Besonderes darin sehen; die guten Verbesserungen kannte man schon lange, und die neuen sind entbehrlich.“ Hier stimmte er mit der Ansicht des Kritikers überein, der ihn selbst der schärfsten Censur unterworfen hatte.

Die neue Shakspearekritik ist gegen ihn ebenso undankbar als ungerecht gewesen. Sie selbst steht auf dem Boden, den er und Schlegel geschaffen haben, ihr Dasein verdankt sie zum Theil seiner begeisterten Prophetie, seinen unermüdlichen kritisch dichterischen Betrachtungen des Dichters, in Briefen, Abhandlungen, dramaturgischen Kritiken, literarhistorischen Einleitungen, Anmerkungen, Gesprächen und Novellen. Auch hier mied er die abgemessene Straße des Systems, er wandelte lieber auf den verschlungenen Pfaden des Dichters. Die neue Kritik verlangt Princip, Consequenz, Classification der Zeugnisse, Codices, Ausgaben, Lesarten, es ist die historisch philologische Kritik. Die seine war die intuitive, anschauende des Dichters, durch alle Umhüllungen suchte sie geradeswegs in das Herz der großen Erscheinung zu dringen. Die Worte zählende Kritik machte ihn ungeduldig; wie der Geist zum Geiste sprach wollte er hören. In diesem Sinne hat er für die Erkenntniß Shakspeare’s unendlich viel gethan; mehr vielleicht als sein vollendetes Buch bewirkt hätte.

In der innigen Verbindung von Poesie und Kritik liegt der Schwerpunkt seiner nicht leicht zu fassenden und darzustellenden Eigenthümlichkeit. Man könnte Tieck mit Lessing zusammenstellen. So unendlich verschieden sie sind, deutet gerade dieser Gegensatz auf eine innere Beziehung beider hin. Lessing kam von der Seite der Kritik zur Poesie; ihr allein wollte er Alles verdanken was er vermochte; Tieck erklärte die Poesie für seine unbeschränkte Herrscherin, die wol Gesetze zu geben, aber keine andern als die eigenen anzuerkennen habe. Von der Poesie kam er zur Kritik. Lessing war ein dichtender Kritiker, Tieck ein kritisirender Dichter. Häufig zieht er die Kritik in die Dichtung hinein, in die humoristischen Lustspiele der ersten, in die Novellen der zweiten Periode, seine Ironie trägt ein kritisches Element in sich. Dagegen erhebt sich die Poesie in der Kritik; seine Studien englischer, spanischer, deutscher Dichter ruhen überall auf dichterischer Begeisterung. Seinen Kritiken gibt er gern eine künstlerische Form. Ueber Shakspeare schreibt er Briefe und Novellen, die Charakteristik des Goethe’schen Zeitalters gestaltet sich ebenfalls fast zur Novelle. Die Einleitung zur „Insel Felsenburg“ und andere Kritiken werden zum Gespräch.