In seinen Dichtungen erscheint die Kritik oft als eine literarhistorische, und setzt darum die Kenntniß mancher einzelner Beziehungen voraus, und seine Ansichten tragen den Stempel abweichender Eigenthümlichkeit. Daraus hat ein großer Theil seiner Beurtheiler die Meinung hergeleitet, Tieck’s Dichtungen seien unpopulär. Diesen Glaubenssatz hat man mit Vorliebe weiter ausgeführt; er suche das Aparte, Absonderliche, Grillenhafte, er sei ein aristokratischer Dichter für die Geistreichen, für ästhetische Theecirkel, nicht für das Volk. Nimmermehr könne es sich mit seinen Märchen und Novellen befreunden!

Sonderbar! War es denn nicht seine Poesie, die niedertauchte in das erste nächste Element, in dem der Mensch athmet, in die Natur? Was könnte populärer sein als diese! War er es nicht, der den alten vergessenen oder verlachten Volkssagen nachging und sie wieder zu Ehren brachte? Sprach er nicht überall mit Begeisterung gerade von der Größe der Dichter, die volksthümlich waren? Behandelte er nicht in seinen Novellen, was die Geister der Gegenwart erfüllte? Und doch sollte er nichts Volksthümliches haben? Wo diese Vorwürfe nicht aus Unkenntniß, Misverstand oder Parteilichkeit hervorgegangen sind, ist ihr Grund in einer einseitigen Auffassung seiner kritischen Richtung zu suchen. Gegen diese Ansicht spricht die Wirkung seiner Dichtungen im Allgemeinen wie im Einzelnen. Männer, den verschiedensten Lebensstellungen angehörend, wurden von ihnen in früherer und späterer Zeit tief ergriffen, in manchen Charakteren fanden sie sich, ihre eigenen Seelenzustände so klar dargestellt, daß sie sich gedrungen fühlten ihm zu schreiben, und ihn am liebsten zu ihrem Gewissensrathe gemacht hätten. Es waren ihm völlig unbekannte Personen, keine Gelehrte, keine Literaturmenschen. Noch 1842 erhielt er einen Brief eines Bäckers in Karlsruhe, der ihm für den „Jungen Tischlermeister“ als eine dichterische Verherrlichung des deutschen Handwerkerstandes dankte. Es ist Thatsache, daß andere seiner Novellen von Personen, die man sonst ungebildet zu nennen pflegt, mit Eifer und Vorliebe gelesen worden sind.

Und was ist es mit jenem Vorwurfe der Unpopularität? Es gibt Kritiker, die über Schiller den Stab brechen, eben weil er populär sei, die für Goethe’s Größe einen Beweis in seiner weniger populären Haltung finden. Was ist populär, wahrhaft volksthümlich? Nicht dasjenige, was die Tageskritik dazu stempelt, was ein enger Kreis von Menschen, was eine bestimmte Bildungsclasse dafür erklärt; nicht dasjenige, was heute Recht haben muß, weil es morgen Unrecht haben wird, was heute besprochen wird und morgen vergessen ist. Auch nicht im charakterlos Allgemeinen, vielmehr in der Fülle des Eigenthümlichen, in dem Geschlechter und Zeiten sich wiederfinden, liegt das Volksthümliche.

Tieck kannte das Schwierige seiner Stellung zur Gegenwart: „Irgend etwas ist immer in Deutschland an der Tagesordnung“, schreibt er an Solger, „das leere Form, geistlose Mode und übertriebene Einseitigkeit wird, und immer sehen wir einige von den Besten eifrig Theil nehmen und sich verblenden, und dieselbe Nation, die für Viel- und Allseitigkeit schwärmt, kann immer vor irgendeiner neuen Verblendung nicht zur Besinnung kommen. Bei meiner Lust am Neuen, Seltsamen, Tiefsinnigen, Mystischen und allem Wunderlichen, lag auch stets in meiner Seele eine Lust am Zweifel und der kühlen Gewöhnlichkeit, und ein Ekel meines Herzens, mich freiwillig berauschen zu lassen, der mich immer von allen diesen Fieberkrankheiten zurückgehalten hat, sodaß ich (seit ich mich besonnen) weder an Revolution, Philanthropie, Pestalozzi, Kantianismus, Fichtianismus noch Naturphilosophie als letztes einziges Wahrheitssystem gläubig, habe in diesen Formen untergehen können.“

Und so hat er es gehalten bis ans Ende. Stets hat er an die große unsichtbare Gemeinde der Geister geglaubt, die nicht ausstirbt, die lebt und wirkt zu allen Zeiten. Sie entscheidet wer und was volksthümlich sei; Tieck kann ihrem Ausspruche ruhig entgegensehen!

Sechstes Buch.
Unterhaltungen mit Tieck.

1849–1853.

1. Tieck über sich und seine Dichtungen.