Alles Reflectiren und Raisonniren hat meiner Natur stets fern gelegen. Ich habe die Dinge immer aus dem Ganzen, aus dem Gefühl und der Begeisterung heraus, aufzufassen und anzuschauen gesucht. Diese Anforderungen haben bei mir mit dem Alter nicht abgenommen, sondern sich gesteigert. Es ist dies meine Individualität.
In meiner Jugend war ich ein einfacher und stiller Mensch, fern von Selbstüberschätzung und ungern im Widerspruch mit Andern. Aber sobald ich etwas wirklich in mir erlebt hatte, und es mir zur Ueberzeugung geworden war, mußte ich es aussprechen, wenn ich eine andere Ansicht in absprechender Weise geltend machen hörte. Dies zog mir mit Unrecht manchen Tadel meiner Lehrer zu, die mich für anmaßend und voll Widerspruch hielten. Später bin ich manchem weich erschienen. Vieles, worauf Andere einen hohen Werth legen, habe ich leichter genommen, weil es mir persönlich gleichgültig war, ob etwas der Art so oder anders eingerichtet wurde. Man konnte mich daher in vielen Punkten für gefällig, nachgiebig, ja lenksam halten. Doch ging das nur bis zu einer gewissen Grenze; denn von jeher hat sich meine ganze Seele dagegen empört, wenn ich bemerkte, daß man darauf ausgehe mich innerlich zu bestimmen, und mein eigenstes Wesen zu beherrschen; das habe ich niemals gelitten.
Der Gegensatz des Scherzes und des Ernstes ist für mein Wesen durchaus nothwendig. Bei der tiefen Schwermuth, bei dem Trübsinn, der mich oft angefallen hat, ist er ein Glück für mich gewesen. Den Sinn für Scherz habe ich mir stets zu bewahren gewußt. Schon in meiner Jugend konnte man dieses doppelte Wesen nicht begreifen, und hielt mich darum bisweilen für närrisch.
Der Protestantismus war in meiner Jugend zur leeren Form geworden, und der religiöse Sinn zum großen Theil entwichen. Die jüngern Geistlichen glichen lange nicht mehr den ältern und würdigen, die sich auch zur Aufklärung bekannten, aber sittlichen Eifer besaßen und an sich selbst arbeiteten. Diese waren achtungswerth; es war ihnen mit der praktischen Moral Ernst, wie Sack, Spalding und Teller. Die jüngern waren Prediger, wie sie auch irgend etwas Anderes hätten sein können; daraus machten sie auch gar kein Hehl. Sie thaten ihre Amtsfunctionen als etwas Aeußerliches ab, und wünschten sich oft sehnlich eine andere Lebensstellung. Verhaßt war mir ihre beschränkte Selbstgenügsamkeit, ihr Abfertigen der Dinge und ihre Besserwisserei, mit der sie glaubten Alles erklären zu können. So konnten tiefere Gemüther wol zum Katholicismus hingezogen werden, der wenigstens dem Gefühle zu genügen schien.
Im religiösen Leben habe ich die sonderbarsten Erfahrungen gemacht. Es sind mir damals und auch später einseitige Eiferer vorgekommen, die, kann man wol sagen, voller protestantischen Aberglaubens und Fanatismus waren. Sie konnten von der katholischen Kirche nicht sprechen hören, ohne darauf zu schelten, und sie in ihren Reden zu verfolgen. Umsonst versuchte ich es sie zu einer billigern und gerechtern Denkweise zu führen, und konnte ihnen kaum begreiflich machen, daß es doch wenigstens Anerkennung verdiene, daß der Katholicismus sich mit den Künsten verbunden, und sie lange Zeit gepflegt und entwickelt habe. Dann plötzlich schlugen diese Leute um, wurden selbst katholisch, gingen weit über alles hinaus, was ich ihnen früher gesagt hatte, wollten mich bekehren, und verfolgten nun mit noch größerm Fanatismus alles was protestantisch hieß.