Beschränkt waren die Kritiker, welche in der Poesie und Literatur in meiner Jugend das große Wort führten; Alles beurtheilten sie nach ihrer Aufklärung, und auch Goethe wollten sie nicht anerkennen. Von dem neuen Geiste, der durch die deutsche Poesie ging, hatten sie keine Ahnung, und in ihrer Beschränktheit meinten sie ganz unbefangen, wenn sie nur wollten, würden sie Dasselbe und Besseres als Goethe geben können. Sie standen ihrer natürlichen Anlage nach im vollsten Gegensatze zur Poesie überhaupt, und darum konnte man ihre Anmaßung nicht entschieden genug bekämpfen.


Man glaubt nicht wie isolirt ich stand mit den Gedanken und Empfindungen, die ich im „Sternbald“ ausgesprochen habe; nicht etwa blos den berliner Aufklärern gegenüber, sondern auch manche meiner Freunde, z. B. die Schlegel, waren gar nicht mit mir einverstanden. Auch sie waren ganz erfüllt von dem damals geltenden Kosmopolitismus. Ich habe mich von der Richtigkeit dieser Ansicht nie überzeugen können; mir galt das Vaterland als Erstes und Höchstes. Sein Leben und seine Kunst, seine alte, einfache und treuherzige Weise, die man verlachte, weil man sie nicht kannte, wollte ich wieder zu Ehren bringen und im „Sternbald“ darstellen. Ich habe es immer sehr bedauert, daß ich nicht dazu gekommen bin, den „Sternbald“ fortzusetzen; im zweiten Theile sollte sich das innere Wesen des deutschen Lebens noch bedeutender entfalten.


Die „Genoveva“ habe ich mit vollster Begeisterung gedichtet. Das alte Volksbuch war mir zufällig in die Hände gekommen, und hatte mich durch seine Einfalt und Treuherzigkeit besonders angezogen. Auch in diesen verspotteten und verachteten Büchern war ein echt deutscher und natürlicher Ton, der mich unendlich rührte. Dazu kam noch, daß ich das Studium des Jakob Böhme damals mit Eifer betrieb. Das hat auf die Haltung dieser Dichtung keinen geringen Einfluß gehabt. Doch aber machten sich bei mir auch andere Stimmungen als Gegengewicht geltend, denn der „Zerbino“ ist fast gleichzeitig entstanden. Als ich beides unter dem Titel „Romantische Dichtungen“ herausgab, kam es mir nicht in den Sinn, diesem Worte eine besondere Bedeutung geben zu wollen; ich nahm es so, wie es damals allgemein genommen wurde. Höchstens wollte ich damit andeuten, daß hier das Wunderbare in der Poesie mehr hervorgehoben werden solle. Nachher freilich ist das Wort mir selbst bis zum Ueberdrusse gebraucht worden; es wurde dann im katholisirenden Sinne angewendet. Schon bald nachdem ich die „Genoveva“ geschrieben hatte, fing der romantische Wunderglaube an bei manchen Leuten in Berlin guter Ton zu werden, namentlich bei den jungen geistreichen Juden. Ich konnte sicher darauf rechnen, wenn Einer kam, und mir selbst meine „Genoveva“ in dieser Weise anpries, so war es ein junger Jude, der mir dadurch seine Tiefe und Glaubensfähigkeit beweisen wollte.


Nachher hat man mich zum Haupte einer sogenannten Romantischen Schule machen wollen. Nichts hat mir ferner gelegen als das, wie überhaupt in meinem ganzen Leben alles Parteiwesen. Dennoch hat man nicht aufgehört gegen mich in diesem Sinne zu schreiben und zu sprechen, aber nur, weil man mich nicht kannte. Wenn man mich aufforderte eine Definition des Romantischen zu geben, so würde ich das nicht vermögen. Ich weiß zwischen poetisch und romantisch überhaupt keinen Unterschied zu machen. Im „Octavian“ wollte ich keine neue Poesie geben, sondern nur darstellen, wie die Poesie in einer bestimmten Zeit erschienen sei.


Der Gedanke der Ironie hat sich bei mir erst später vollständig entwickelt, besonders seit ich mit Solger in nähern Verkehr getreten war. Vorher ahnte ich mehr die Nothwendigkeit eines solchen Gedankens für den Dichter, als daß er mir zur klaren Ueberzeugung geworden wäre. Diese dunkeln Ahnungen hatte ich namentlich bei dem Studium Shakspeare’s; ich fühlte heraus, das sei es, was ihn zum größten Dichter mache, und von so vielen bedeutenden, höchst trefflichen Talenten unterscheide. In meinen eigenen Dichtungen ist daher die Ironie zuerst mehr unbewußt, aber doch entschieden ausgedrückt; vor allen ist dies im „Lovell“ der Fall. Die directe Ironie herrscht im „Gestiefelten Kater“, von der höhern findet sich etwas im „Blaubart“, und entschieden ist sie im „Fortunat“. Die „Genoveva“, welche als Heilige dargestellt werden sollte, hat freilich nichts davon, aber die Art, wie Golo in seiner Leidenschaft immer tiefer sinkt, streift doch an das Ironische.