Später hat Solger einen tiefen Abschnitt in meinem Leben gemacht. Sein „Erwin“ ist ein vortreffliches Buch, in dem er auf die Ironie, als auf ein Höchstes hindeutet; ihm habe ich viel zu verdanken. Unter allen frühern Philosophen hatte mich nur Jakob Böhme gefesselt, und eine Zeit lang vollkommen beherrscht. Indeß bin ich auch davon abgekommen, seit ich erkannte, daß auch er willkürlich abschneide, ohne seinen Lucifer mit Gott ausgleichen zu können, und in einer Art von Verzweiflung ende. Solger’s Gedankengang vermochte ich wirklich zu folgen, und auf diesem Wege kam ich wieder in die Philosophie hinein. Vor seinem großen Talente hatte ich die höchste Achtung; es war ein seltener und ausgezeichneter Mann. Ich habe im innigsten Einverständnisse mit ihm gelebt, und ihm meine Arbeiten im Manuscripte oft mitgetheilt. Die Ueberzeugung einer innern mystischen Verbindung zwischen Philosophie und Religion stand bei ihm fest; er hatte diese Gedanken in sich durchgearbeitet, wollte sie aber noch mehr reifen lassen, und sparte ihre Darstellung für sein Alter auf. Im Leben war er durchaus religiös; er hatte das Bedürfniß der Gemeinde, er mußte sich mit ihr versammeln, singen und Predigt hören. Er war der Meinung, daß man sich auch an dem Vortrage schlechter Prediger erbauen könne. Mit Schelling habe ich mich dagegen über die Wahlverwandtschaft unserer Richtungen eigentlich nicht zu verständigen vermocht.


In dem „Jungen Tischlermeister“ habe ich das frühere Leben des deutschen Handwerkerstandes dargestellt, zugleich aber wollte ich eine gewisse Casuistik durchführen. Der Handwerker wie der Edelmann sind sich darin vollkommen gleich, daß sie eine Reihe von Verirrungen durchmachen müssen, um dadurch auf den wahren moralischen Standpunkt zu kommen. Erst durch ihre Verirrungen lernen sie den rechten Weg kennen, und nun erst sehen sie ein, was sie an ihren sittlichen Verhältnissen besitzen. Dies kommt im Leben ja unendlich oft vor, und mit Unrecht haben darum Manche in dieser Novelle Unmoralisches finden wollen.


In der „Vittoria Accorombona“ hat man gar eine sittliche Verirrung sehen wollen, und mir deshalb harte Vorwürfe gemacht. So erzählte mir einst eine sonst verständige Frau, daß sie in ihren Kreisen nicht gestehen dürfe, dieses Buch gelesen zu haben, sie müsse es vielmehr in ihrem Bücherschranke vor fremden Augen sorglich verschlossen halten. Ich kann wol sagen, daß ich diese Prüderie nicht begreife. Es ist mir nicht eingefallen durch lüsterne Schilderungen einen sinnlichen Kitzel hervorrufen zu wollen; das hat zu allen Zeiten meinem Wesen ganz fern gelegen. Ich habe das immer für gemein und durchaus unerlaubt gehalten. Auch ist es nicht meine Absicht gewesen, wie Manche gemeint haben, nach allen jenen Kämpfen den Sieg der Schwäche darstellen zu wollen. Der Papst Sixtus ist vielmehr eine gewaltige Persönlichkeit, die endlich das Werk der Vergeltung für alle frühern Verbrechen übernimmt. Auch Vittoria hat im Gefühle ihrer Kraft die gesetzten Grenzen überschritten, namentlich im Verhältniß zu ihrem ersten Manne. Dieser ist freilich ein schlechter Charakter, aber sie behandelt ihn mit wegwerfendem Uebermuthe. Seine Kläglichkeit macht es ihr möglich, über die Schattenseiten in Bracciano’s Charakter hinwegzusehen. Dieser ist auch nicht rein von schwerem Frevel, aber er ist eine bedeutende Kraft. Manche haben gefragt, warum ich die eingeschalteten Gedichte in Prosa aufgelöst habe. Es war schwer für diese Gedichte die rechte Form zu finden; die nächste würde die Canzone gewesen sein, aber diese ist nicht leicht zu handhaben. Auch wollte ich den gleichmäßigen Fluß der Darstellung durch den Vers nicht unterbrechen.


Als das sogenannte Junge Deutschland aufkam, bildeten sich einige von diesen Leuten ein, daß ich mich an ihre Spitze stellen müsse. Zu Zeiten hatte ich mich über Manches misbilligend, ja kühn und paradox geäußert; ich hatte das mündlich und schriftlich gethan, ich war mit den Schlegel befreundet gewesen, die in der Kritik zuerst den kecken Ton angegeben hatten, und da glaubten diese modernen Schriftsteller, ich müsse auch mit ihnen übereinstimmen. Aber sie kannten mich nicht. Nichts ist mir mein Leben lang verhaßter gewesen als der absprechende Ton des Systems, das mit allem fertig ist; dagegen habe ich mich immer erhoben, es mochte kommen woher es wollte. Und nun gar erst diese Eitelkeit, dieses rohe Zerstören, diese Opposition, die nur sich will! Als es nun herauskam, daß ich mit diesen Leuten niemals gemeinschaftliche Sache machen könne, haben sie mich angegriffen und verfolgt, wie sie nur konnten. Ich habe mich aber nie darum gekümmert.


Die Menschen vergessen, daß ein Wohlthätigkeitsverhältniß eigene Pflichten auferlegt; habe ich einem Fürsten etwas zu danken, so ist es Pflicht der Pietät, nicht in das Geschrei seiner Gegner einzustimmen. Welche Verschiedenheiten auch vorkommen mögen, die Dankbarkeit bedingt meine Stellung, das ist für mich das Erste; bin ich in irgendeinem Punkte anderer Meinung, so behalte ich sie für mich, und schweige. Kommt man dennoch in die Lage sie aussprechen zu müssen, so geschehe das nicht plump und roh, sondern mit Schonung und mit der Rücksicht, welche durch die Pietät geboten ist. Wie viele haben nicht Wohlthaten empfangen und vergessen sie? Ja sie thun groß damit, daß sie die erste menschliche Pflicht einer angeblichen Wahrheit aufopfern!