Das Theater hat einen großen Einfluß auf mein Leben gehabt. Ich verdanke ihm die genußreichsten Stunden, und bin früher namentlich durch dasselbe sehr gefördert worden, aber später hat es mir auch vielen Verdruß gemacht. In meiner Jugend hatte es für mich einen unüberwindlichen Reiz. Das Drama, ja schon die dialogische Form hat von jeher für mich etwas Anziehendes gehabt. Nachdem ich in meinem Leben so vieles gelesen habe, kommt es wol vor, daß ich manches schlechte Buch, was ich zu lesen angefangen habe, nicht beende. Wo ich aber etwas Dramatisches sehe, da greife ich noch heute zuerst danach, und so schlecht es auch sein mag, ich habe eher keine Ruhe als bis ich es durchgelesen habe. Dem Spiele von Fleck verdanke ich viel. Es war eine Offenbarung des dichterischen Genius, und über manchen Charakter Shakspeare’s habe ich durch ihn neue Aufschlüsse bekommen. Später freilich ist das Theater immer mehr gesunken. Lange Zeit hindurch habe ich selbst mir große Mühe damit gegeben, aber es hat mir viel Verdruß gemacht, und ich habe mich davon überzeugt, daß die Leitung eines Theaters eine schwierige und höchst undankbare Aufgabe ist. Am Ende kann man es beim besten Willen Keinem recht machen. Jeder will mitreden, und die Schauspieler sind sehr schwer zu leiten; in der Regel sind sie eitel, dünkelhaft und eigensinnig. Heute kann ich mich über das Theater eigentlich nur ärgern! Sehe ich eines der vielen schlechten Stücke erträglich spielen, so verdrießt es mich, sehe ich aber ein gutes Stück schlecht darstellen, so ärgere ich mich ganz gewiß. Dennoch kann ich das Interesse dafür nicht loswerden, und es nicht unterlassen, wenn ich gefragt werde, Rath geben zu wollen, oder selbst Rollen einstudiren zu helfen.


Als Vorleser, besonders dramatischer Sachen, hatte ich mir schon in meiner Jugend auf dem Gymnasium einen nicht unbedeutenden Ruf erworben. Später habe ich durch fortgesetzte Uebung dieses Talent weiter ausgebildet, und mir auch manche Regel darüber entwickelt. Auf das Athemholen kommt viel an, und vor allem darauf, daß man es an der rechten Stelle thue. Nothwendig ist es durch die Nase Athem zu holen, das bewahrt die Kehle vor zu starker Luftzuströmung, die bei der Erhitzung des Lesens leicht erkältend wirken kann. Die Stimme wird dann rauh und verliert an Kraft und Ausdauer. Dagegen kann richtige Uebung für die Stärkung und Erweiterung des Organs sehr viel thun. In meiner besten Zeit konnte ich zwei fünfactige Stücke ohne Ermüdung hintereinander lesen. Beim Lesen selbst habe ich stets gesucht über dem Ganzen zu stehen. Obgleich ich im Affecte mit dem jedesmaligen Charakter gewissermaßen Eins werde, so habe ich mir doch selbst dann so viel Ueberblick zu bewahren gesucht, daß ich mich im Augenblicke tadeln konnte ein Wort unrichtig betont zu haben. Das ist die richtige Stimmung für den Vorleser wie für den Schauspieler und Künstler überhaupt; es ist das hier die Ironie. Der Ton des Vorlesers darf nie die Grenzen dessen überschreiten, was ich immer den edlern Conversationston genannt habe. Auch im Tragischen darf das nicht geschehen, sonst wird es falsches Pathos und Manier, Einzelnes wird herausgerissen, und der Eindruck des Ganzen geht verloren. Aber auf dieses kommt Alles an. Das Spiel mit stark wechselnder Stimme zu lesen, oder gar bekannte Schauspieler, wenn auch täuschend, nachzuahmen, ist ein Kunstgriff, der für den Augenblick Effect machen kann, aber doch untergeordnet bleibt. Es ist ganz unkünstlerisch, und hebt die Gesammtwirkung auf. Darum ist mir auch das jetzt so beliebte Lesen mit sogenannter Rollenvertheilung stets zuwider gewesen. Hier wird das Ganze vollständig zerrissen. Einer liest erträglich, ein anderer ganz schlecht, einer fistulirt, ein anderer hat einen knarrenden Baß, fast alle verstehen ihre Rollen nicht. Einmal wurde ich zu einem solchen Lesethee eingeladen. Es war eine Aufmerksamkeit, die man mir erweisen wollte, ich habe aber dabei eine wahre Pein zu überstehen gehabt. In Berlin hat Feßler diese Art des Lesens zuerst in Gang gebracht. Heutiges Tages glaubt Jedermann lesen zu können, aber die Wenigsten verstehen es, und auch ausgezeichnete Leute täuschen sich oft darin. Der ältere Schlegel las lyrische Sachen und seine eigenen Gedichte in sehr angenehmer Weise, Dramatisches dagegen in einem unerträglichen Kanzelton, er glaubte aber sehr gut zu lesen. Mein einfaches Lesen tadelte er, weil es mir am tragischen Pathos fehle.


Ich habe eine Zeit gehabt, wo ich strebte, forschte und grübelte; sie hat mich nicht befriedigt; eine andere, wo ich als Dichter darstellend und gestaltend glaubte dem Räthsel des Lebens näher zu kommen. Ich habe Augenblicke gehabt, wo mir alles im Zweifel unterzugehen schien. Später bin ich immer mehr zu dem rückhaltslosen Anheimstellen an Gottes Macht gekommen. Momente des höchsten Glaubens sind freilich selten; es kommen dann doch wieder Zeiten, in denen alles zu wanken scheint. Jetzt, in meinem Alter, bin ich zu der Resignation gekommen, die sich in ihren reinsten Augenblicken Gottes Willen vollkommen unterwirft und sich in ihn versenkt. Dies ist wahre Religion; wenigstens für mich. Seit ich mich ihr ergeben habe, hat sich mir eine neue Welt eröffnet; sie macht mich frei, ruhig und leidenschaftslos.

2. Deutsche Literatur.

1. Klopstock

Mit Klopstock’s „Messias“ habe ich mich niemals befreunden können. Ich kann ihn für kein großes Dichterwerk halten, und Manches darin finde ich sogar irreligiös. In meiner frühern Zeit, als ich auf dem Lande lebte, war von der „Messiade“ noch viel die Rede; ich beschloß daher sie genau zu studiren, um es für mich mit einem Male abzuthun. Ich habe sie fünf Mal durchgelesen, und wenig Poesie darin gefunden. Es fehlt die Hauptsache, die gegenständliche Kraft; fast Alles ist verschwommen, von den unsichtbaren Dingen, welche geschildert werden, kann man sich keine Vorstellung machen, und die Anschauung geht einem häufig ganz aus. Den Plan und Gedankengang festzuhalten ist sehr schwer; das Ganze hat etwas Verworrenes, wenn es auch an einzelnen schönen Stellen nicht gerade fehlt. Vieles hat Klopstock gewiß erst im Momente des Niederschreibens gemacht. Es ist so viel falsche Sentimentalität und erzwungene Erhabenheit darin, und das wirklich Erhabene ist durch Decoration entstellt. Alles wird oratorisch, Declamation und Exclamation. Diese beabsichtigte Rührung erregt mit allem Aufwande zuletzt eine Art von Schwindel. Handlung und Charaktere werden, besonders in der zweiten Hälfte, immer matter. Vieles ist lyrisch, dithyrambisch, oder gar opernmäßig, nur nicht episch. Die Verse in den lyrischen Chören sind meistens wohltönend und schön; gerade darin liegt Klopstock’s Stärke, aber ihr Inhalt ist dürftig. Für eine solche Behandlung des Stoffs wäre jedes andere Versmaß passender gewesen als der Hexameter. Der Reim und ein strenges Silbenmaß würden ihn genöthigt haben mehr mit Gedanken herauszukommen; jetzt wird sein Hexameter gar zu oft eine nachlässige Prosa. An das Evangelium darf man dabei gar nicht denken. Wie einfach und rührend ist hier alles, und auch wie wahrhaft poetisch, im Vergleiche mit dieser Poesie! Ich finde es ganz begreiflich, daß die Gläubigen in dieser Behandlung der evangelischen Geschichte eine Profanation fanden. Für das wirklich Tiefsinnige und Geheimnißvolle scheint er kaum Sinn gehabt zu haben. Eigentlich hält er sich in dem Gedichte zu keiner Kirche. Vieles ist gegen die Bibel. Er will die Aufklärung seiner Zeit mit dem Glauben verbinden durch Reflexion oder Sentimentalität. Dies verleitet ihn bisweilen zu wahrhaft komischen Misgriffen, z. B. die Art, wie er die Verfinsterung der Sonne vor sich gehen läßt, ist ganz aufgeklärt und auch unpoetisch. Am Ende hat er es mit seinem Gedichte Keinem recht gemacht. Der Gläubige kann nicht damit zufrieden sein, und dem Ungläubigen hat er dadurch nichts klar gemacht.

2. Wieland