Wieland ist heutiges Tages bei weitem mehr vergessen als er verdient. In meiner Jugend wurde er überschätzt. Ich darf wol sagen, daß ich es in meinen Kreisen und in meiner Weise zuerst mit Nachdruck ausgesprochen habe, daß er kein Dichter im großen Sinne des Wortes sei. Ich habe dies früher als die Schlegel gethan. Sie haben diese Ansicht von mir angenommen, doch wurde sie von ihnen übertrieben, sodaß es mir selbst verdrießlich ward, obgleich ich mir auch einige Späße mit Wieland erlaubt hatte. Sie haben ihm Unrecht gethan, zum Beispiel in der höhnischen Concurserklärung, welche im „Athenaeum“ steht. Sein bestes Werk ist gewiß „Idris und Zenide“, was heiter und anmuthig ist. Auch sein „Neuer Amadis“ ist nicht ohne Witz. Weniger einverstanden bin ich mit dem „Oberon“, wo die Schalkhaftigkeit, in der sich Wieland’s ganzes Wesen ausdrückt, sich nicht mit den sentimentalen Scenen vertragen will. Was er in frühester Zeit unter Bodmer’s Einfluß schrieb, ist ganz unerträglich. Auch seine prosaischen Schriften aus späterer Zeit sind gar zu lang, z. B. der „Agathon“, ihre Lectüre wird zur Aufgabe. Besser sind dann wieder manche der letzten Sachen, z. B. „Peregrinus Proteus“. Aber er war der erste, der lesbar und wirklich elegant zu schreiben verstand. Doch ist er kein deutscher Autor, er hat sich nach französischen Meistern gebildet, und ist französirt. Seine Nachahmer stehen darin weit hinter ihm zurück. Wie plump sind nicht die Romane, welche Klinger in diesem Geschmacke geschrieben hat. Persönlichen Verkehr habe ich mit Wieland nicht gehabt, als ich in Weimar war; ich habe ihn nur einige Mal aus der Ferne gesehen.

3. Lessing

Das beste unter den Stücken aus Lessing’s Jugendzeit ist „Der Freigeist“, in dem der gläubige Theolog gegen diesen, und am Ende auch gegen Lessing selbst, Recht behält. Schwach ist sein erstes Stück, „Der junge Gelehrte“, das aber dennoch bei dem damaligen Zustande des Dramas Aufsehen erregen konnte. Eine große Vorliebe habe ich immer für „Miß Sarah Sampson“ gehabt. Ich dachte auch daran, es in Dresden aufführen zu lassen; doch man fand es zu altmodisch. Einige Kürzungen hätten auf jeden Fall eintreten müssen. Die Marwood ist ein höchst bedeutender Charakter, und meisterhaft ist namentlich die Verführungsscene. Der Vater und die übrigen Charaktere sind schwach; aber eine bedeutende Schauspielerin als Marwood würde das Stück gehalten haben.

In der „Emilia Galotti“ ist der vollendetste und in sich selbst einigste Charakter Marinelli; er ist ganz aus einem Gusse, eigentlich die Hauptrolle, und daher auch für den Schauspieler die dankbarste. Ihr zunächst steht an innerer Vollendung der Prinz. Es ist unendlich schwer, diese verführerische und schmeichelnde Liebenswürdigkeit nur einigermaßen wiederzugeben. Einen genügenden Darsteller dieser Rolle habe ich nicht gesehen. Dann folgt die Orsina, die auch ein ganzer Charakter ist. Eine schwere Rolle ist Odoardo. Die mannichfaltigen Uebergänge und Wandlungen seiner Stimmung sind zwar sorgfältig motivirt, aber doch sehr schwer darzustellen, eben weil etwas Berechnetes darin liegt. In dem Charakter der Emilia selbst tritt ebenfalls das Reflectirte zu sehr hervor; sie geht über die Grenzen eines jungen Mädchens hinaus. Aeußerungen, wie „Auch ich habe heißes Blut“, ihre Schilderungen der Gesellschaft bei Grimaldi sind auffallend und stark. So hätte Shakspeare kein junges Mädchen reden lassen. Aber Lessing wollte ihren Tod dadurch motiviren. Sie liebt den Prinzen, oder fürchtet wenigstens ihn zu lieben, daher auch ihre Aufregung gleich in der ersten Scene. Auch ist die Heirath mit Appiani augenscheinlich eine Convenienzheirath. Aber die Katastrophe hat dennoch etwas Willkürliches; die ihrer selbst gewisse Unschuld mußte dies Alles überwinden. Ueberhaupt ist das Stück bei aller Trefflichkeit zu sehr ein zugespitztes Intriguenspiel, um eine Tragödie zu sein; beides verträgt sich nicht miteinander.

Ich habe „Minna von Barnhelm“ immerdar der „Emilia Galotti“ vorgezogen. Es ist ganz vollendet und abgeschlossen, und eines unserer trefflichsten deutschen Stücke. Der Hauptcharakter entwickelt eine große Liebenswürdigkeit. Die Spannung zwischen Tellheim und Minna kann wol etwas Quälendes haben, sie ist aber nothwendig, um das Schicksal beider abzuschließen.

Der „Nathan“ gehört zu den merkwürdigsten Stücken, aber auch zu denen, die am wenigsten verstanden werden, weder von den Gegnern, und vielleicht noch weniger von vielen Lobrednern und Bewunderern. Steht es auch als Drama nicht sehr hoch, so offenbart sich doch Lessing’s eigenthümlicher Geist darin. Doch wird man ihn hier von einer gewissen Ungerechtigkeit gegen das Christenthum nicht freisprechen können. Er stellte im Nathan das geläuterte Judenthum dar, warum in den Christen nicht auch das geläuterte Christenthum, da ihm doch sonst eine so schöne Ehrfurcht vor echter Frömmigkeit eigen ist?

Von seinen Zeitgenossen wurde Lessing nicht verstanden. Sie überschätzten ihn als Dichter, was er nicht sein wollte, und hatten von seiner wahren Größe und der Tiefe seines Geistes keine Ahnung. Er war nicht nur ein kritisches Genie, sondern mystisch, tiefsinnig, und nie hat es eine reinere und edlere Skepsis gegeben als die seine. Er stand unendlich hoch über seinen sogenannten Freunden, die seinen Namen stets im Munde führten. Ihr Briefwechsel beweist, daß sie häufig gar nicht begriffen, was er will. Was konnte ihm Nicolai sein oder sein Bruder? Was ist selbst Moses Mendelssohn, den er doch hoch stellt, gegen ihn? Ist aber auch Lessing wirklich zum Abschluß gekommen? Seine „Erziehung des Menschengeschlechts“ ist herrlich und tiefsinnig, aber woher hat er hier den Gedanken der Erziehung?

Sein Stil ist ausgezeichnet, das ist sprüchwörtlich geworden. Er ist scharf, schlagend und populär; er scheint so leicht, als könnte ihn Jeder nachahmen, aber er beweist nur, wie unendlich schwer das Einfache ist. Lessing weiß den Leser auch bei den kleinsten und gleichgültigsten Dingen festzuhalten; man muß ihm bis ans Ende folgen. So in den „Antiquarischen Briefen“, wo manches unbedeutend, veraltet und zum Theil unrichtig ist, dennoch liest man sie auch heute noch gern und mit Spannung.

4. Herder

Herder’s Kritik hat einen sonderbaren Gang genommen. Wie frisch und kräftig trat er nicht im Anfange der Genieperiode auf, als er Goethe in Strasburg kennen lernte, und in seinem Alter kehrte er zu der trockensten Reflexion zurück. Wie verkündigte er nicht Genie und Natur, und zuletzt waren ihm Canitz und Andere große Dichter und wahre Vorbilder! In diesem Sinne sind auch alle seine Abhandlungen in der „Adrastea“ geschrieben, und die Allgemeinheiten in den „Briefen zur Beförderung der Humanität“ stechen sehr gegen den nationalen Zug seiner frühern Zeit ab. Es war aber auch etwas Persönliches dabei. In Herder’s Charakter lag etwas Scharfes, ja Bitteres und Misgünstiges, er fühlte sich neben Goethe gedrückt; und als die Schlegel eine unbedingte Anerkennung Goethe’s zu verkünden anfingen, konnte er diesen das nie verzeihen. Goethe kannte diese schroffen Seiten seines Charakters wohl, und hat sich öfters sehr derb darüber ausgesprochen. Bei vielem Trefflichen, was Herder geschrieben hat, ist er doch auch in Manchem überschätzt worden. In den „Ideen zur Philosophie der Geschichte“, von denen einst so viel die Rede war, ist doch viel Gewöhnliches. Ich habe die Schrift „Vom Geiste der hebräischen Poesie“ immer vorgezogen. Ueberhaupt hat Herder zu viel geschrieben, namentlich in der letzten Zeit; wir würden jetzt mit einer Anthologie aus seinen Werken auskommen können.