5. Bürger
Bürger’s großes Talent war die populäre Behandlung der Poesie, und darum wird seine „Lenore“ immer ein wahres Meisterwerk bleiben. Auch manche andere seiner Gedichte verdienen volle Anerkennung. Zu bedauern ist, daß er mitunter in einen platten, ja gemeinen Ton verfallen konnte, wie in dem Gedichte von der „Jungfrau Europa“. Dennoch ist Schiller’s bekannte Kritik zu streng, besonders wenn man bedenkt, daß dieser sich doch auch Manches vorzuwerfen hatte. Seine Recension Bürger’s erscheint um so schärfer, wenn man sie mit der unnöthig anerkennenden des weichlichen Matthisson vergleicht. Dagegen war Goethe gegen ihn freundlich gesonnen, und die Erbitterung Bürger’s in dem bekannten Epigramm war ungerecht. Ich habe die Veranlassung dazu von Reichardt erzählen hören, und danach fällt die Schuld bei weitem mehr auf Bürger. Goethe und Reichardt hatten miteinander musicirt; während dessen war Bürger, der Goethe besuchen wollte, in das Nebenzimmer eingetreten. Goethe sieht ihn, und noch erfüllt von der Musik, tritt er ihm mit einer freudigen Begrüßung entgegen. In demselben Augenblicke verbeugte sich Bürger sehr tief. Durch das Sonderbare dieser Lage wird Goethe in Verlegenheit gesetzt, er wird verdrießlich, und eine steife und kalte Unterhaltung beginnt. Darüber wird nun Bürger empfindlich; er entfernte sich bald, und sprach in jenem Epigramm seinen Zorn aus.
6. Goethe
Wie wunderbar ist nicht Goethe’s Entwickelung! Shakspeare ganz entgegengesetzt, aber wie bei Schiller sind seine ersten Werke zugleich auch seine vollendetsten. Wie liebenswürdig und erhaben zugleich, groß und einzig steht er nicht in seinen Jugenddichtungen da, wie ist er da so ganz echter, wahrer Mensch! Man kann sagen, er hatte damals nur große Gedanken. Wie capriciös, wie starr und steif, Launen und Einbildungen unterworfen in seinem geheimräthlichen Alter! Es ist die Natur des steifen pedantischen Vaters, der ein wunderlicher Mann war, welche allmälig in ihm hervorkam. In den lyrischen Gedichten, namentlich in den ältesten, ist ein tiefer Zug der Empfindung, der unmittelbar aus dem Herzen kommt, und einzig in aller Poesie ist; und dieser Zug ist ein echt deutscher. Leider hat Goethe ihn später fast ganz verloren, und je älter er wurde, desto undeutscher wurde er. Man hätte von ihm wünschen mögen, daß er nie nach Weimar und an den Hof gekommen wäre, was freilich in der Regel als sein Glück angesehen wird. Sein Hofleben, seine Titel, sein Regieren hat ihm geschadet; er hätte in der literarischen Welt bleiben sollen, dann würde er sich seinem ursprünglichen Wesen gemäßer entwickelt haben. Noch mehr stieg er nach der italienischen Reise von seiner ursprünglichen Höhe herab. Damals faßte er die allgemeinen Gedanken des Geschmacks, der Classicität und des Ideals auf. Auch mit den Naturwissenschaften hätte er sich niemals einlassen sollen, für die er keinen Beruf hatte, und auf die er in seinem Alter einen höhern Werth legte, als auf seine Poesien. Aber freilich hatte ihm schon Merck die Natur alter Knochen offenbart! Wie verkannte er selbst später seine Jugend! Und wie konnte er sich von einem Manne wie Merck imponiren lassen, der den „Götz“ für unbedeutend erklärte, und ebenso den „Clavigo“? Ein Mann, dessen eigene Schriften unendlich dürftig sind, und ganz in dem sterilen Geschmacke der Mitte des 18. Jahrhunderts.
Eine unbegrenzte Bewunderung habe ich seit meiner Jugend für den „Götz“; an ihm habe ich lesen gelernt und mich zuerst gebildet. Es war mir eine höhere Offenbarung; ich konnte mich nicht davon überzeugen, daß es ein gewöhnliches, geschriebenes Buch sei. Hier ist Alles Leben, Kraft und Natur, man nehme welchen Charakter man wolle. Auch der „Clavigo“ ist in seiner Weise vollendet.
Der „Werther“ ist eine einzige, großartige Offenbarung der Leidenschaft; mit dem klarsten und einfachsten Ausdrucke ist hier das Tiefste gesagt. Alle Andern haben nicht das Wort dafür zu finden gewußt; sie gehen stets um den Brei herum.
Das Tiefsinnigste und Erhabenste, was gedichtet worden ist, ist der „Faust“; ich weiß außer dem „Götz“ und den „Räubern“ keine Dichtung, die so gewaltig auf mich eingewirkt hätte. Aber für mich schließt sie schon in den ältesten Fragmenten ab. Wie tief ergreifend und wahr ist nicht Faust’s Seelenschmerz! Die innersten Tiefen der menschlichen Natur schließen sich hier auf; so auch in dem Gespräche mit Wagner. Die Erscheinung des Erdgeistes ist eine der außerordentlichsten Conceptionen, und überwältigend sind jene Verse: „Ich webe am sausenden Webstuhl der Zeit“ u. s. w. Es tritt hier eine zwischen Gott und Mensch stehende Kraft auf, deren Aufgabe es ist, die wechselvolle Welt der Erfahrungen zu schaffen. Was soll nun einem Menschen, der diese erhabenste aller Erscheinungen gehabt hat, ein elender Mephistopheles, der doch am Ende im Wesen der Dinge in dieser Gestalt nirgends eine Stelle findet? Was soll ihm ein beschränktes junges Mädchen wie Gretchen? Was können ihm beide mit ihrem Sein und Reden nach jener Erscheinung noch bedeuten? Wer solche Offenbarung gehabt hat, bedarf dessen nicht mehr. Schon in der Spaziergangsscene mit Wagner liegt ein Abfall. Aber jene ersten Scenen sind und können ihrer Natur nach nur ein Fragment sein; hier ist kein Abschluß. Goethe wollte auch gewiß zuerst keinen geben; es war ein unmittelbarer Erguß. Unter den spätern Scenen nehme ich nur eine aus, es ist Faust’s Gespräch mit Gretchen über Gott: „Wer kann ihn nennen“ u. s. w. Die hier gethanen Aussprüche gehören zum Erhabensten, was sich denken läßt. So auch jenes Wort, welches Goethe Faust in dem ersten Gespräche mit Wagner sagen läßt: „Die ihr Schauen offenbarten, hat man von je gekreuzigt und verbrannt!“ Wie steif und tief abfallend ist dagegen nicht das Epigramm: „Schlaget mir jeglichen Schwärmer ans Kreuz“ u. s. w. Und welchen Abstand nun des zweiten Theils des „Faust“ gegen den ersten! Er ist mir stets unangenehm gewesen, und ich habe mit diesem Allegorisiren und diesen Geheimnissen nie etwas anzufangen gewußt. In seinem Alter sprach Goethe fast wegwerfend von den Offenbarungen seiner Jugend, und schon früher hatte er angefangen, die ältern Dichtungen zu verbessern. Ich habe immer die ältere Fassung der „Stella“ vorgezogen, und wenn man im moralischen Sinne Einwendungen erhoben hat, so kann man dagegen fragen, ob es poetisch berechtigt war, so zu schließen, wie es in der spätern Umarbeitung geschieht. Fernando spielt freilich keine besondere Rolle. Aber Goethe hat in diesem Verhältnisse Empfindungen geschildert, die ihn selbst gewiß häufig bewegt haben. Auch ziehe ich die frühere „Claudine“ und „Erwin und Elmire“ den spätern Bearbeitungen bei weitem vor.
In der „Iphigenia“ ist Vieles herrlich, dennoch vermag ich sie dem „Götz“ nicht vorzuziehen. Die Handlung ist fast zu sehr vereinfacht und verfeinert; im vierten Acte steht sie ganz still. Auch ist der Anfang mit einem Monolog, so herrlich dieser selbst ist, vielleicht nicht ganz zu rechtfertigen. Orest, der Heros, erscheint sogleich in Ketten; das hat etwas Drückendes, dem Heldencharakter nicht Zusagendes. Und niemals hätte sich das exclusive Hellenenthum den Barbaren so gegenübergestellt wie hier; vielmehr ist auch das wieder echt deutsch, wie Vieles in der „Iphigenia“. Auch tritt der Schluß zu rasch ein; es bricht beinahe ab.
Tief erschütternd ist „Tasso“; es ist eine echte Tragödie. In vielen Punkten sprach Goethe hier sein eigenes Verhältniß zum Hofe und Hofleben aus. Nur verschwindet die Prinzessin zu rasch. Es hat etwas Unbefriedigendes, daß man nach der Katastrophe gar nichts weiter von ihr hört. Auch tritt der Charakter des Fürsten aus einer gewissen Unklarheit nicht heraus.
Auch im „Wilhelm Meister“ hat die schließliche Entwickelung etwas Ungenügendes. Wilhelm wird zuletzt doch gar zu praktisch verständig, und sein Charakter immer mehr allgemein symbolisch. Und was will die sonderbare Gesellschaft im Thurme mit ihrem Treiben? Aber ausgezeichnet und ganz in Goethe’s Jugendstil ist der Anfang. Wie tief stehen dagegen nicht erst die Wanderjahre! Ueberhaupt wird Goethe, wenn er recht praktisch werden will, bisweilen ganz gewöhnlich verständig, und es ist tief zu beklagen, daß ein so herrlicher Genius so sinken konnte, wie es in manchem der Fall ist, was er nach seiner italienischen Reise geschrieben hat. Er verleumdet sich selbst, indem er geringschätzig auf die herrlichen Werke seiner Jugend als Barbarei herabsieht.