Der „Natürlichen Tochter“ habe ich nie Geschmack abgewinnen können; es ist darin allerdings eine hohe Vollendung der Sprache und des Verses, aber es ist eine kalte Pracht. Alles ist verallgemeinert. Auch könnte man sagen, das Stück bestehe nur aus fünf ersten Acten.

Die „Wahlverwandtschaften“ sind mir immer zuwider gewesen. Alles ist hier berechnet und auf das äußerste zugespitzt. Eduard ist ein unleidlicher Geselle und dabei so anspruchsvoll. Auch Mittler, auf den Goethe offenbar Werth legt, ist ein platter Charakter.

Auch in das Lob des „Märchens“ kann ich nicht einstimmen. Es ist für ein Märchen viel zu abstract und allgemein und zu dunkel allegorisirend.

Goethe suchte sich stets mit der Vorsehung in Einklang zu halten, das ist seinem Wesen angemessen; in der Richtung des Trotzigen, Herausfordernden und Anklagenden, was Schiller’s Grundelement ist, bewegt er sich nur höchst selten. Entschieden ist er eigentlich niemals hineingekommen, selbst nicht einmal im „Faust“. Anklänge dieser Art finden sich in dem Gedichte: „Wer nie sein Brot in Thränen aß“; besonders in dem Verse: „Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte“, in dem eine nicht auszudenkende Tiefe liegt. Das ist wirklich erlebt und Ausdruck höchster dichterischer Begeisterung.

Ich habe Goethe in seinen Jugenddichtungen unendlich bewundert und bewundere ihn noch; ich habe so viel zu seinem Lobe gesprochen und geschrieben, daß, wenn ich jetzt so viele unberufene Lobredner höre, ich noch in meinem hohen Alter in Versuchung kommen könnte, zur Abwechselung einmal ein Buch gegen Goethe zu schreiben. Denn darüber wird man sich nicht täuschen können, daß auch er seine Schwächen hat, die die Nachwelt gewiß erkennen wird. Und warum sollte er sie nicht haben? Ihre Erkenntniß kann ihn uns menschlich nur näher bringen und verständlicher machen. In seinen Schriften wird darum früher oder später eine Scheidung eintreten müssen; nicht Alles kann gleich gut und bedeutend sein, und kann von der Nachwelt übernommen werden. Wie viel Gewöhnliches findet sich nicht in den massenhaften Briefwechseln, die man immer noch nicht müde wird herauszugeben, so z. B. in dem mit Zelter. Wirklich bedeutend sind dagegen die ersten Bände des Briefwechsels mit Schiller. Die übermäßige Bewunderung selbst muß nothwendig zu einer Aussonderung des Dauernden führen.

7. Schiller

Schiller’s Entwickelung ist nicht rein herausgekommen; mit seinem größten Werke hat er angefangen. In den „Räubern“ sprach er in der gewaltigsten Weise einen Gedanken aus, und richtete eine furchtbare Frage an die Gottheit: Wie ist mit der göttlichen Liebe und Vorsehung das Elend so vieler Millionen zu vereinen? Die Gewalt, mit der dieser Gedanke verfolgt wird, der Trotz, der darin liegt, wiegt alle Schwächen der Dichtung als Kunstwerk auf. Franz ist freilich als Charakter niedrig und kleinlich, es ist eine misverstandene Nachahmung Richard’s III.; aber wahrhaft erhaben, ja kolossal ist seine Vision des jüngsten Gerichts im fünften Acte. Schwach ist die Motivirung, daß Karl zum Räuber wird auf jenen angeblichen Brief seines Vaters, dessen Schwäche er doch kennen muß; wie großartig dagegen sein Charakter, sein gigantisches Unternehmen, die Welt einrichten zu wollen. Ein Werk von so wirklich titanischer Kraft hat keine andere Dichtungsgattung, keine andere Literatur aufzuweisen. Alle Kraft, welche der Mensch der göttlichen Vorsehung entgegenzustellen vermag, findet sich ausgesprochen; alle dämonische Elemente sind entfesselt, und alle Gedanken menschlicher Opposition gegen Gott lassen sich hier zusammenfassen. Es ist die Poesie des Unglücks, welche mit einer imponirenden Gewalt auftritt. Und doch bei allem Trotze auch welche Milde! Das ist der wahre Dichtergeist, der selbst diese tiefsten und furchtbarsten Probleme in der Weise darzustellen versteht, wie es Schiller hier gethan hat. Denn ein Grundton der Versöhnung geht dennoch hindurch. In dem Charakter Karl Moor’s finden sich bei allem Trotze Züge echt menschlicher Milde und Weichheit. Auch ist in der Scene mit dem Pater und der Charakteristik einzelner Räuber eine Anlage zur Komik, die Schiller später gar nicht weiter ausgebildet hat, was unendlich zu bedauern ist. Es ist ein einziges Gedicht; für mich ist seine Betrachtung unentbehrlich geworden, es ist zu meinem Wesen nothwendig; ich würde es nicht missen können. Die Schlegel theilten meine Bewunderung der „Räuber“ nicht; sie fanden sie roh und barbarisch, was ich nie habe begreifen können. Aber sie verstanden Schiller nicht, und hatten von seiner Großartigkeit keine Ahnung, wie auch noch die Epigramme des ältern Schlegel bewiesen haben; und die schlimmsten sind gar nicht einmal gedruckt. Ebenso die von F. Schlegel nicht.

In der ersten Bearbeitung sind die „Räuber“ nicht hoch genug zu stellen, aber in den spätern hat Schiller selbst seine Dichtung durch seine Verbesserungen verdorben; ebenso manche seiner großartig zu nennenden Gedichte in der Anthologie, welche er später umarbeitete. Wäre er in dieser Weise fortgegangen, so würde er eine der gewaltigsten und furchtbarsten Erscheinungen geworden sein. Aber er erschrak vor sich selbst, er fürchtete seine innerste Natur, und brach darum seine freie Entwickelung ab. Später verdarb die Philosophie seine Poesie, ohne daß er darum ein Philosoph geworden wäre. Mit ihrer Hülfe setzte er sich ein Maß, welches seiner Natur entgegenstand; Goethe dagegen, als er maßvoll wurde, nahm dies aus seiner Natur. Dennoch konnte Schiller auch die seine nicht ausrotten. Uebrigens wäre es meiner Meinung nach besser gewesen, Schiller und Goethe hätten sich niemals kennen gelernt. Sie haben sich gegenseitig in ihrer Entwickelung gehindert und gehemmt, und ihre Eigenthümlichkeit verkürzt; jeder hat von dem Andern etwas angenommen, und darüber von dem eigenen eingebüßt. Sie arbeiteten sich gegenseitig in den Gedanken des Ideals hinein, der doch am Ende etwas ganz Allgemeines ist. Schiller suchte Goethe für die Philosophie zu gewinnen und ihre Hineinziehung in die Poesie, wogegen dieser sich mit Recht entschieden wehrte. Dagegen nahm Schiller von Goethe das Ausgleichen, Abschwächen und Moderiren an, und wandte sich unter diesem Einflusse von seinen ältesten kräftigen Productionen noch mehr ab. Und doch hat er, wenn auch in mildern Formen, von jener Opposition gegen die Weltordnung immer etwas beibehalten, indem er sich den Gedanken des Christenthums und Vaterlandes gegenüber, mehr oder minder bewußt, verneinend verhielt. In allen spätern Stücken wird er immer auf diesen Punkt zurückgeführt, aber er streift nur darum herum, es kommt nicht zum Ausbruch, so namentlich im „Don Carlos“.