In „Cabale und Liebe“ fehlt es nicht an höchst ausgezeichneten Einzelheiten, aber wie unwahrscheinlich ist es, daß Ferdinand an Luisens Liebe mit dem albernen Marschall glaubt. In einer französischen Bearbeitung, welche ich in Strasburg aufführen sah, hatte man das wohl gefühlt, und daher aus dem Marschall einen Kammerherrn gemacht, der ein ganz verständiger Mann ist, und bei dem Alten Musikunterricht nimmt. Der Alte ist noch der beste Charakter.
„Fiesco“ ist kaum ein Stück zu nennen; es hat entschieden etwas Rohes; so die Scene, wo Fiesco die Julia vor seiner Gemahlin in so furchtbarer Weise demüthigt.
„Wallenstein“, der als gewaltiger Charakter hingestellt wird, ist eigentlich weder gut noch böse, er schwankt hin und her, und sein Handeln kommt nicht zum Durchbruch. Auch hier ist die Motivirung schwach. Das Raisonnement der Terzky ist ein ganz gewöhnliches. Sie sagt Dinge, welche Wallenstein selbst sich tausend Mal gesagt haben muß; überrascht antwortet er darauf: „Von dieser Seite sah ich’s nie!“ Und nun gar die sentimentale Episode, die Schiller aus Herzensbedürfniß hinzufügte! Wie konnte die Terzky glauben, Wallenstein habe auf jener Reise Thekla und Max einander nähern wollen, wenn sie ihn recht kannte? Und diese beide handeln geradezu verwerflich. Handelt ein General so wie Max, der in einem Anfall von Verzweiflung des Kaisers beste Truppen gedankenlos opfert? Konnte er nicht nach Wien gehen, und sich für Wallenstein verwenden? Und Thekla verläßt die kranke Mutter, den gebeugten Vater, um das Grab des Geliebten aufzusuchen! Was will sie dort, da Max nicht mehr lebt? Ihre Pflicht war es, zu bleiben. Auch die weinerliche Herzogin ist ein unangenehmer Charakter. Dennoch ist „Wallenstein“ ein großartiges Werk; der eherne Charakter einer furchtbaren und kriegerischen Zeit ist vortrefflich wiedergegeben. In dieser männlichen und kräftigen Haltung liegt vor allem seine Wirkung, und es wird immer als die erste unter den deutschen Tragödien zu nennen sein.
Auch in der „Braut von Messina“ ist Vieles unmotivirt, obgleich gerade diese Dichtung an schönen Stellen reich ist. Schiller kann eigentlich keinen dramatischen Plan machen, er wird immer anders, als er ursprünglich wollte. Ebenso wenig wollen ihm die Charaktere der Frauen gelingen. Er ist im Motiviren höchst sorglos, und läßt Unwahrscheinliches gelten. Goethe motivirt oft nur zu viel, Schiller zu wenig; nirgends führt er die Handlung entschieden durch, aber wahrhaft groß ist er in der Situation, und bei dieser bleibt er stehen. Wo man Handlung erwartet, tritt die Rede ein und lyrische Ergüsse, die an sich sehr schön sind, aber hier nicht an ihrer Stelle. So sind mir in der „Maria Stuart“ im Anfange des dritten Actes die Anapästen: „Eilende Wolken“ u. s. w. stets wie ein Stich durchs Herz gegangen. Die großen Monologe in der „Jungfrau von Orleans“ werden ihm ebenso zu isolirten Declamations- ja man kann sagen Musik- und Concertstücken. Gerade hierin hat Schiller viele Nachahmer gefunden, die sein rhetorisirendes Pathos aufgriffen, ohne seinen Genius zu haben, und am Ende nur seine Fehler nachzuahmen vermochten.
Den „Wilhelm Tell“ erklärte Schlegel mit Unrecht für Schiller’s bestes Werk. Die überlegte Kälte, mit der Tell zur That schreitet, und die er in dem großen Monologe ausspricht, hat etwas Abstoßendes. Und wozu die Episode des Rudenz und der Bertha?
Viel höher als alle spätere Stücke Schiller’s steht sein „Demetrius“. Es ist ein höchst großartiges Fragment. Hätte er es vollenden können, es würde alles Andere weit hinter sich gelassen haben. Er betrat damit eine neue Stufe der Entwickelung. Ebenso ist es zu bedauern, daß er den „Geisterseher“ nicht beendete, den er als Nebenarbeit behandelte, und auf den er mit Unrecht einen so geringen Werth legte. Das Buch ist meisterhaft geschrieben, und die volle geistige Kraft Schiller’s spricht sich darin aus.
Seine Balladen könnte ich entbehren; für mich sind sie nicht nothwendig, und ich kann sie im Allgemeinen nicht für vollendet halten. Der „Taucher“ erscheint mir sogar unnatürlich; sowol die Schilderung von Naturscenen, die sich überhaupt nicht schildern lassen, als auch in den Motiven und Charakteren. Ich kann nicht leugnen, nachdem ich mich mit Schiller’s ersten titanenhaften Dichtungen so innig befreundet hatte, sind mir dagegen alle spätere nur als Abschwächungen erschienen.
Wenn er soviel populärer geworden ist als Goethe, so hat dies darin seinen Grund, daß er ein echt deutscher Dichter ist. Es ist ein rein deutscher Zug, daß er immer auf große und tiefe Gedanken ausgeht und ihren Ausdruck anstrebt; so auch sein Widerspruchsgeist und der Freiheitssinn, welcher sich durch alle Dichtungen hindurchzieht. Durch seine Großartigkeit und seinen Tiefsinn wird er eine hohe Stelle in dem Leben des deutschen Volkes zu allen Zeiten einnehmen.
8. Die Sturm- und Drangperiode
ist eine bedeutende, ja große Zeit; die Dichter, welche damals neben Goethe auftraten, erregen unser höchstes Interesse. Die Wirkung des „Götz“ war eine ungeheure, und mit dem Beginn der siebziger Jahre fing auch für die deutsche Dichtung ein neues Leben an. Die ursprünglichsten und eigenthümlichsten Seiten des deutschen Charakters traten mit neuer Stärke wieder hervor. Das Naturleben, der Sinn für das Individuelle, der bis zur Isolirung und zum Sonderbaren fortgeht, das Streben nach Unabhängigkeit, das Festhalten an der Familie, Derbheit, die zum Trotze wird, ein unleugbar demokratischer Zug, dies Alles spricht sich namentlich in den Dramen jener Zeit oft in der stärksten Weise aus. Damals kam es auf, daß die deutschen Biedermänner den Fürsten und ihren Rathgebern die bittersten Wahrheiten sagten, oft im gröbsten Tone, und Niemand nahm daran Anstoß, weder das Volk noch die Regierung, ja die Fürsten hörten es selbst mit an.