Ich habe öfter den Gedanken gehabt, eine Bibliothek der beliebtesten ältern dramatischen Dichtungen dieser Art herauszugeben; sie würde ein Spiegel des deutschen Geistes sein, und uns die Stimmung der Zeit lebendig vergegenwärtigen. Außer den Dichtungen von Lenz und Klinger würden hier auch die Stücke von Törring und Babo aufzunehmen sein, die doch ihre Vorzüge haben. Fehlt es nicht an rohen Zügen, so doch auch nicht an kraftvollen, und Törring’s „Agnes Bernauerin“ ziehe ich noch immer allen andern Bearbeitungen dieses Stoffs vor, soviel auch seitdem erschienen sind. Albrecht’s leidenschaftliche Rede in der Turnierscene ist vortrefflich. Auch Großmann’s „Nicht mehr als sechs Schüsseln!“ ist hier zu nennen. Es war ein sehr gern gesehenes Stück, bei dessen Aufführung auch der Hof häufig zugegen war, trotz der Ausfälle, die darin vorkommen. Goethe hat Unrecht, dieses Stück geradezu ein gemeines zu nennen. Ebenso gehören Iffland’s „Jäger“ hierher. In der Darstellung des Familiensinns ist dies ein echt deutsches Drama zu nennen; obwol mitunter breit, enthält es doch vieles Treffliche. Es ist unbezweifelt Iffland’s bestes Product, und bei der Schwäche seiner übrigen Stücke kann man sich wirklich wundern, daß er dergleichen zu schreiben vermochte. Alle diese Dramen tragen den Stempel des deutschen Geistes, und würden eine gute Grundlage zu einem deutschen Nationaltheater geworden sein, wozu überhaupt in jener Zeit mehr Aussicht war, als seitdem jemals wieder.

9. Lenz

Als Charakter war Lenz unzuverlässig. Wenn er in einem seiner Briefe erzählt, er habe den Herzog von Weimar aus dem Wasser gerettet, und sei ihm nachher unentbehrlich geworden, so war das gewiß nicht wahr. Ebenso bedenklich sind manche andere Andeutungen, die sich in seinen Briefen finden. Wie charakterlos zeigte er sich nicht gegen Wieland, den er noch im „Pandaemonium Germanicum“ so heftig angegriffen hatte! Auch furchtsam scheint er gewesen zu sein, wenigstens muß man das aus der Mühe schließen, die er sich gab, um zu verbergen, daß er der Verfasser des Stücks „Die Soldaten“ sei. Am schlimmsten für ihn war seine ewige Unruhe, sein unstetes Wesen und Projectenmacherei. Schon in Strasburg schrieb er allerlei über Militärwissenschaften, von denen er doch schwerlich etwas verstand. Auch nach seiner Krankheit, als er nach Rußland zurückgekehrt war, blieb ihm diese Unruhe. Da er sich in dürftiger Lage befand, reichte er der Regierung allerlei Pläne ein, für die er hin und wieder kleine Unterstützungen erhielt. Seine Schriften aus dieser Zeit sind schwach, dunkel und verworren; es erscheint darin nur noch eine gebrochene Kraft. So eitel, voll Selbstvertrauen und Uebermuth er in seiner guten Zeit war, so schwachsinnig, gedrückt und kleinmüthig zeigt er sich nach der Krankheit. Diese war gewiß nur die Folge überreizter Eitelkeit. Eine fixe Idee war es in seiner Krankheit, daß er alle seine Freunde auf eine tödtliche Weise beleidigt habe. Als Klinger ihn bei Schlosser fand, nahm er mit ihm eine Gewaltcur vor, indem er ihn auf einige Stunden in ein Faß mit kaltem Wasser steckte, was auch einige lichte Augenblicke zur Folge hatte. Lenz ist an seiner Charakterlosigkeit zu Grunde gegangen. Ich habe immer die Erfahrung gemacht, daß bedeutendes Talent ohne Charakter dem Untergange sicher entgegenführt. Beides, Talent und Charakter, müssen sich gegenseitig tragen und ergänzen, wenn es zu einer gedeihlichen Entwickelung kommen soll. Daran scheiterte auch Heinrich von Kleist, der doch noch ein ganz anderer Mann war, und ebenso in neuerer Zeit Fouqué.

Aus dem ganzen Kreise, welcher sich in Strasburg um Goethe gesammelt hatte, ist Lenz der Bedeutendste. Er besitzt eine ungemeine Kraft im Individuellen. So roh auch seine Gestalten sind, so kommen sie in diesem Punkte doch mitunter denen Goethe’s gleich. Seine Charaktere haben etwas Grobes, aber sie sind wahr und lebendig, so z. B. der Major im „Hofmeister“, der eine Hauptrolle Schröder’s war. Freilich muß man in ihm keinen Künstler suchen, wie sich schon darin zeigt, daß er seinen Dramen allerlei allgemeine Gedanken der Nützlichkeit unterschiebt, wie die Nachtheile der Privaterziehung, Ehelosigkeit der Soldaten u. s. w.

10. Klinger

An Talent stand Klinger entschieden hinter Lenz zurück. Er besitzt allerdings eine gewisse Kraft, aber doch nicht die, von der er unaufhörlich spricht. Sein erstes Werk „Die Zwillinge“ sind trefflich und voll tragischer Gewalt, aber alle seine spätern Tragödien bleiben dahinter weit zurück. Man fühlt wie er sich abmüht groß und erhaben zu sein, was gegen die Fülle bei Lenz sehr absticht. Und wie frostig und kalt sind endlich nicht seine letzten antik gehaltenen Tragödien! Auch die Romane, die er in der Jugend im Geschmacke Crebillon’s schrieb, sind schwach. Hier erscheint er noch als Nachahmer Wieland’s. Dagegen sind seine spätern ernsten Romane finster, abstoßend und gewaltsam. Sein bestes Werk in dieser Gattung ist „Dichter und Weltmann“.

11. Heinrich von Kleist

ist den echtesten deutschen Dichtern beizuzählen. Welche Töne hat er nicht in seinem „Käthchen“ und besonders im „Prinzen von Homburg“ angeschlagen! Dies ist eins der trefflichsten und zugleich nationalsten Dramen, was wir besitzen. Liegt uns auch die mystische Seite ferner, so hat sie doch hier nichts Störendes, und tritt auch weniger hervor als im „Käthchen“. Wie menschlich wahr und anschaulich sind nicht alle Charaktere; so der Prinz selbst, der alte Kottwitz; ganz individuell und doch groß ist der Kurfürst. Der kurze Monolog im fünften Acte: „Wenn ich der Dei von Tunis wäre“, gehört zu dem Ausgezeichnetsten, was unsere dramatische Poesie aufzuweisen hat. Den heiligen Zorn eines verletzten Nationalgefühls hat er in der „Hermannsschlacht“ wahrhaft großartig ausgedrückt. Das allgemeine Unglück des Landes gehörte mit zu seinem persönlichen Schmerze. Schon seine erste Tragödie „Die Schroffensteiner“ enthält viel Schönes, und bewies seinen Beruf zum Drama; freilich ist Anderes darin platt, roh, ja kindisch, wie die Geschichte mit dem Finger. Hätte er den „Robert Guiscard“ vollendet, so würde dies ohne Zweifel die größte seiner Dichtungen geworden sein. Ein wahrhaftes Meisterwerk in der Komik ist sein „Zerbrochner Krug“. Man hat dem Lustspiel unrecht gethan, wenn man es in drei Acte theilte, weil man es etwas zu lang fand. Vortrefflich sind auch seine Erzählungen, und mit Recht hat man immer den „Kohlhas“ anerkannt. Vielleicht ist die „Geschichte der Marquise von O.“ noch vollendeter und abgeschlossener. Erscheinungen dieser Art beachtete man kaum, während die mittelmäßigsten Sachen den reichsten Beifall fanden! Ich darf mich wol rühmen zu ihrer Erhaltung und endlichen Anerkennung wesentlich beigetragen zu haben. In einem eigentlich freundschaftlichen Verhältnisse habe ich zu Kleist nicht gestanden, aber ich habe sein hohes Talent stets geliebt und geehrt, und sein tragisches Schicksal hat mich tief erschüttert.

12. Fouqué

Fouqué hat viel Talent, und besitzt eine reiche Phantasie, aber er hat etwas Willkürliches und Unbegrenztes, und gefällt sich in Erfindung und Zusammenstellung unmöglicher Dinge. Sein bestes Werk ist „Undine“. Später trat das Abenteuerliche und Carikirte immer mehr hervor, so schon im „Zauberringe“. Eigentlich ist er dichterisch am Mangel aller Ironie zu Grunde gegangen, er verlor sich vollständig an seinen Gegenstand, und verlor darüber am Ende die schöpferische Phantasie selbst. Im Mittelalter hatte er die Stoffe für seine Poesie gefunden, aber bald begann er sich und seine Liebhabereien mit dem Gegenstande, den er behandeln wollte zu verwechseln, und dies hielt er dann für Poesie. So wurde sein Dichten zur Caricatur, und er selbst zum Don Quixote der Poesie. Nur hat er nie ein Bedürfniß nach einem Sancho Pansa gefühlt. Und gerade das ist es, was den Don Quixote auch in seinem Irrthum groß macht. Fouqué hat sich bisweilen in seiner Weise gegen mich vernehmen lassen. Wenn er dann recht in den Zug kam, konnte man in der That irre an ihm werden. Uebrigens ist auch das Publicum übel mit ihm umgegangen; zuerst hat man ihn ungemessen bewundert, und jetzt ist er mit Unrecht fast ganz vergessen.