Da glaubte Ludwig einmal einen Schlupfwinkel gefunden zu haben, der an Stille und Sicherheit alle andern übertreffe. Eines Sonntags, als er dem väterlichen Befehle folgend die Petrikirche hatte besuchen müssen, durchstreifte er nach Knabenart, müßig und gelangweilt, die unbesetzten Theile der Kirche. Bei solchen Streifereien wurde in der Regel irgend etwas Merkwürdiges entdeckt, was bei weitem wichtiger erschien als die Predigt. Er kam in einen entfernten, düstern Winkel des Chors, wo kein Andächtiger saß, weil es unmöglich war, die Worte des Predigers zu verstehen; sie verhallten in weiter Ferne, und selbst Gesang und Orgel tönten nur gedämpft herüber. Hier schien tiefe Stille zu herrschen. Sogleich stieg bei Ludwig, der nur sein Komödienspiel im Kopfe hatte, der abenteuerliche Gedanke auf, hier sei der sicherste Ort dafür. Voll Jubel verkündete er seine Entdeckung den Geschwistern, und sogleich wurde beschlossen, am nächsten Sonntage den neuen Schauplatz zu versuchen. Freilich konnte man nicht mit allem scenischen Zubehör in der Kirche auftreten, darum wollte man sich mit dramatischem Lesen begnügen, und von allen Decorationsstücken nahmen die Kinder nur das unverfänglichste mit, den großen Familienregenschirm, der zugleich als Deckung dienen sollte. Bei der Wahl des Stücks fiel man diesmal nicht auf den „Götz“, sondern ein jüngerer, nicht minder mächtiger Mann bekam den Vorzug, Karl Moor. Es war die Zeit, wo Schiller’s „Räuber“ alle Gemüther erschütterten. Auch Ludwig’s Phantasie wurde von der überwältigenden Macht der kolossalen Dichtung fortgerissen. Er überließ sich diesen Eindrücken um so lieber, als alle Schauer und Entsetzen des Schrecklichen in ganz anderm Maße als durch den „Götz“ entfesselt wurden. Jetzt träumte er nur von Karl Moor und seinen Räubern.
An Ort und Stelle fand man Alles, wie er gesagt hatte. Was konnte einladender sein als dieser vergessene Winkel voll Staub und herabhängender Spinnweben? Wie aus weiter Ferne hörte man die Worte des Predigers herüberschallen. Es war der Propst Teller, der an diesem Sonntage predigte; seine Stimme galt ohnehin für etwas undeutlich. Im Gefühle vollster Sicherheit wurde der Regenschirm aufgespannt; die Kinder kauerten unter demselben nieder, und die Tragödie nahm ihren Anfang. Ungeduldig schlug man gleich die Lieblingsstellen auf. Mit aller Gewalt des tragischen Zornes stimmte Ludwig die verzweifelten Verwünschungen Karl Moor’s aus dem ersten Acte an: „O Menschen, Menschen! heuchlerische Krokodilenbrut!“ Kaum waren die ersten Worte ausgestoßen, als die Kinder vor Schreck über die Wirkungen ihrer Tragik meinten in die Erde sinken zu müssen. Wie rollender Donner hallten die Worte Karl Moor’s aus allen Winkeln der Kirche zurück. Aber von nicht geringerm Entsetzen wurde die Gemeinde ergriffen. Der Prediger stockte, die Kirchendiener liefen voll Bestürzung hin und her, die Ursache dieses furchtbaren Getöses zu erforschen. Die Kinder erholten sich noch rasch genug von ihrem Schrecken, um schleunigst die Flucht zu ergreifen. Wie vom bösen Feinde gejagt, stürzten sie die Treppe hinunter, hinaus auf den Platz, und in vollem Laufe über die Straße. Immer noch meinten sie die Tritte der verfolgenden Kirchendiener hinter sich zu hören. Erst an der Schwelle der väterlichen Wohnung wagten sie wieder Athem zu schöpfen. Angstvoll krochen sie in den heimlichsten Winkel des Wohnzimmers; erst hier hielten sie sich gesichert.
Doch wie wuchs ihr Entsetzen, als eine halbe Stunde darauf ein ehrbarer Hausfreund erschien, der auch in der Kirche gewesen war, und unter Kopfschütteln, mit bedenklichem Gesicht, dem staunenden Vater zu erzählen begann: „Herr Nachbar, es ist heute in der Kirche etwas sehr Sonderbares vorgefallen.“ — Er berichtete darauf, die Predigt sei durch ein ungewöhnliches Brausen unterbrochen worden, durch donnerähnliche Töne, die sich kein Mensch erklären könne. Er sprach von Zeichen und Wundern; ob es eine Heimsuchung, ein Erdbeben, oder was es sonst gewesen sei, Niemand vermöge es zu sagen. Der aufgeklärte Vater suchte den besorgten Nachbar zu beruhigen, wenngleich es ihm selbst in diesem dunkeln Falle an jeder Aufklärung fehlte. Nur die Kinder wußten sie; aber sie hielten sich mäuschenstill, und lachten bei aller Angst über den trefflichen Spaß in sich hinein.
Inzwischen war Ludwig als Tertianer selbständig genug geworden, um ihm hin und wieder den Besuch des Schauspiels auf eigene Hand zu erlauben. Neben vielem Gleichgültigen und Vorübergehenden sah man Lessing’s Dramen, Goethe’s und Schiller’s erste Dichtungen mit der frischesten, vollsten Theilnahme auf dem Theater. Hin und wieder machte man sich bereits an die Bearbeitung und Darstellung Shakspeare’scher Tragödien. Unter dem Drucke besonders ungünstiger Verhältnisse hatte sich das deutsche Schauspiel in Berlin emporgearbeitet, im Kampfe gegen die begünstigten französischen und italienischen Bühnen, gegen das Vorurtheil der höhern Classen. Aber gerade dies stärkte seine Kraft. Man wollte zeigen, daß man auch eine volksthümliche Dichtung und Bühne habe. Mit gleicher Begeisterung begrüßten Schauspieler und Zuschauer die jungen Dichtungen, welche die Bühne umzugestalten verhießen. Döbbelin, der Begründer des deutschen Schauspiels in Berlin, war selbst erfüllt von deutschem Sinne und einem aufrichtigen Streben für seine Kunst. Nur trat Alles noch in dem bescheidensten Gewande auf. In dem Hintergebäude eines Hauses in der Behrenstraße lag das Theater. Der Eingang führte über einen Hof. Die Räume der Bühne selbst waren eng, klein, auf das einfachste eingerichtet. Doch rührte sich hier ein muthiger, jugendfrischer Geist; die große Zeit der deutschen Bühne begann sich hier vorzubereiten.
Wie heimisch war Ludwig bald in diesem dürftigen Kunsttempel! So oft es irgend ging, vertauschte er sogleich die Schulbank mit der Zuschauerbank. Mit unwiderstehlichem Zauber zog ihn die Welt der Breter an. Alles, was irgend damit in Verbindung stand, war wunderbar und Gegenstand ehrfurchtvollen Staunens. Welche Wonne, wenn er als einer der ersten Zuschauer in dem leeren, noch halb dunkeln Hause saß, und Hoffnung und Ungeduld in ihm kämpften! Wie steigerten sich allmälig die Schauer geheimnißvoller Erwartung, wenn ein bleicher Stern in der Nacht, ein Talglicht nach dem andern aufging, wenn die Musikanten klimpernd ihre Geigen zu stimmen anfingen, wenn der Vorhang, der noch schweigend die Wunder verdeckte, sich im Zugwinde hin und wieder bewegte. Endlich enthüllten sie sich, und wie erklangen da in der jungen Brust alle Töne von Freude und Leid, Lust und Schmerz, ja des Grausens und Entsetzens!
Unter den Schauspielern selbst aber machte schon damals keiner einen größern Eindruck auf ihn als Fleck, der seit 1783 der Döbbelin’schen Gesellschaft angehörte, wenn er etwa den Othello oder Shylock, Karl Moor, Otto von Wittelsbach oder den Herzog Albrecht in der „Agnes Bernauerin“ spielte.
Alles Geld, was Ludwig von dem Vater erhielt, verwandte er jetzt, ohne dessen Zorn zu fürchten, auf das Theater. Endlich schien das Wunder die Breter zu verlassen und in die wirkliche Welt hineinzutreten. Ludwig selbst war der Günstling einer geheimen Macht, welche seine Theaterlust wohlwollend schützte.
Durch eine Unaufmerksamkeit des Logenschließers war einst der Zettel, welcher die Pforten der geweihten Räume öffnete, in seinen Händen geblieben. Welche frohe Aussicht, darauf hin noch eine zweite Vorstellung sehen zu können! In höchster Spannung, zwischen Begierde und innerer Angst schwebend, trat er andern Tages, sein Billet in der Hand, an den Eingang des Zuschauerraums. Und in der That, es eröffnete ihm nicht nur den Eintritt, sondern wurde ihm auch diesmal nicht abgefordert. So ein drittes, ein viertes Mal und öfter, immer übersah ihn der Logenschließer. Wie Fortunat’s Hut schien hier das Billet die Kraft zu besitzen, ihn unsichtbar zu machen, und kaum wäre ihm jener ein größerer Schatz gewesen. Wie einen räthselhaften Talisman hütete er nun seinen theuern Zettel, immer zuversichtlicher erprobte er dessen geheime Kräfte.
Indeß bald sollte der Schleier des Wunders durch die prosaische Aufklärung gehoben werden. Eines Abends, als Ludwig bereits seinen Platz eingenommen hatte, versuchte ein anderer Knabe mit Hülfe natürlicher Unverschämtheit ein ähnliches Wunder zu thun; den Hut unter dem Rocke verborgen, um den Schein zu erregen, als habe er das Parterre nur soeben verlassen, drängte er sich in der Mitte anderer eintretender Zuschauer an dem Logenschließer vorüber. Doch dieser bemerkte ihn. „Halt, Musje! Wohin?“ rief er ihm zu. Der Eindringling schwieg verblüfft. „Du mußt einen alten Mann nicht zum Narren machen wollen“, schalt der Schließer und trieb ihn zum Tempel hinaus. Zitternd hatte Ludwig diese sonderbare Begebenheit von seinem Platze aus angesehen, als er plötzlich zu seinem nicht geringen Schrecken selbst hineingezogen wurde. Unerwartet wandte sich der Schließer zu ihm. „Ihnen, Musje“, sagte er, „erlaube ich es gern, ohne Billet einzutreten; denn ich sehe, Sie sind ein stilles und artiges Kind, das am Theater seine Freude hat.“ Ludwig war aus allen seinen Himmeln gestürzt. Also kein Wunder, kein geheimer Talisman hatte ihm den freien Zutritt verschafft, sondern die ganz menschlich gewöhnliche Gunst eines Logenschließers. Das Geheimniß war verschwunden, und mit ihm ein großer Theil des Reizes. Das unheimliche Gefühl, daß er mit Unrecht hier sitze, beschlich ihn. Endlich drängte er sein Billet dem Schließer wieder auf, und war froh, in die Reihen der gewöhnlichen Zuschauer zurückzutreten.
Doch auch von einer andern Seite nahte die Enttäuschung. Er begann die Armseligkeit der Theaterwelt zu ahnen. Trotz seiner Geringschätzung der Komödianten hatte der Vater dennoch den Verkehr mit denselben fortgesetzt, ja er machte sogar den Beschützer. Es besuchte ihn öfters ein junger Schauspieler, Namens Heinzius, der eine Anstellung beim berliner Theater suchte, und einstweilen mit Frau und Kindern hungerte. Mitleidig lud ihn der kunstsinnige Handwerker zu seinem Mittagstische ein, damit er sich ab und zu satt essen könne. Dann kam der Künstler, um vor seinem Gönner würdig zu erscheinen, mit reiner Halskrause, die er vorher mit Schlemmkreide sauber geweißt hatte. Während er der derben Hausmannskost tapfer zusprach, pflegte er zum Danke allerlei lustige Geschichten zu erzählen, die den Vater in seiner ungünstigen Meinung von den Komödianten meistens bestärkten. Nach langen Jahren sah Ludwig diesen Heinzius wieder. In kummervoller Gestalt, die Guitarre am Bande über der Schulter, durchstreifte er als Improvisator die Tabagien und Vergnügungsgärten Berlins.