Gedanken ganz anderer Art wurden erregt, wenn diese bleiernen Heere in der That lebendig geworden schienen, und die Trommel in den Straßen Berlins die Soldaten Friedrich’s zu Paraden und Revuen rief. Wenn die Garnison sich in allem Waffenglanze und ihrer ganzen Mustergültigkeit entfaltete, dann fühlte sich der Stolz des berliner Bürgers gehoben, und auch bei den Kindern erwachte die Ahnung, einem noch größern Ganzen als Schule und Haus anzugehören. Unter allen Gestalten, die bei solchen Gelegenheiten öffentlich auftraten, blieb immer die volksthümlichste der alte Fritz selbst. So oft er mit dem dreieckigen Hute und dem großen Krückstocke auf seinem alten Schimmel in bequemem Trabe durch die Straßen ritt, stürzte die Schul- und Straßenjugend von allen Seiten herbei. Eine Schar vorlauter Knaben überschlug sich in tausend tollkühnen Purzelbäumen unmittelbar vor dem Pferde, Mützen und Hüte flogen in die Luft, und unaufhörlich schrie Alles: „Der olle Fritz! der olle Fritz!“ So geleiteten ihn die Scharen die Straßen auf und ab, ohne daß der König eine Miene verzog. Mit demselben Löwenauge, dessen zorniges Blitzen man sehr wohl kannte, sah er gleichmüthig auf das Treiben eines dreisten, aber doch nicht bösartigen Volkswitzes herab. Prächtiger, aber auch steifer ging es her, wenn er sich in seiner großen gläsernen Staatscarrosse zeigte, was nur einige Male im Jahre geschah. In langsam feierlichem Schritte fuhr er dann mit vollem Prachtgespann durch die Straßen; voran die aufgeputzten Läufer, hinten auf der Carrosse die fremdartigen Haiducken, zu beiden Seiten des Kutschenschlages zahlreiche königliche Diener. Ernst und streng saß er selbst hinter den Glaswänden. Jedermann sollte seinen König sehen können. Auch in die Nähe der Roßstraße, des väterlichen Hauses kam dieser Prunkzug; er lenkte die Breite Straße hinab, am Kölnischen Rathhause vorbei.

Als großer Kriegsfürst, der dem verbündeten Europa siegreich widerstanden hatte, erschien der König an der Spitze seiner Truppen, die so manche Schlacht geschlagen, bei Paraden und Revuen. Wenn es vor einem der Thore Berlins, etwa vor dem Halleschen oder dem Prenzlauer, Heerschau und Manöver gab, dann strömte die berliner Bürgerwelt scharenweise hinaus. Auch Meister Tieck nahm sich die Zeit, seine Kinder zu solchen volksthümlichen Schauspielen zu führen. Zwischen der drängenden Menschenmasse, den einherjagenden Ordonnanzen und den manövrirenden Truppen trotzte man stundenlang dem Staube und der Sonnenglut, um den alten Fritz, umgeben von dem glänzenden Gefolge seiner berühmten Generale zu sehen.

Einst war Ludwig bei einem solchen Volksfeste vor dem Prenzlauer Thore durch die hin- und herwogenden Scharen der Zuschauer von seinem Vater getrennt worden. In demselben Augenblick erscholl ein tausendstimmiger Vivatruf; er kündete den König an. In der Mitte seiner Generale ritt er auf dem Feldwege heran, der zwischen höherliegenden Sandhügeln hohlwegartig dem Thore zuführte. Auch Ludwig wollte den alten Fritz sehen und in seinem Eifer nicht zurückbleiben. Behende schwang er sich an der schrägablaufenden Seitenwand des Hohlweges in die Höhe, und faßte in einer Vertiefung festen Fuß, welche der Regen geklüftet hatte. Abgesondert von der Menge stand er Allen sichtbar, wie in einer Nische, über den Häuptern der Andern. Da nahte der König. Unter lautem Rufen schwenkte Ludwig seinen Hut. Plötzlich, in der vollen Begeisterung des Augenblicks, weicht der Sand unter seinen Füßen, er verliert das Gleichgewicht. Wenig fehlte, so wäre er aus seiner Grotte auf die vorbeireitende Generalität gestürzt. Sein lauter Ruf, die unwillkürliche Heftigkeit seiner Bewegungen erregten die Aufmerksamkeit des Königs. Dieser wendete sich halb von der Seite, und ein voller, fragender Blick des großen blauen Auges fiel auf Ludwig. Voll Schrecken gelang es ihm noch zu rechter Zeit das Gleichgewicht wiederzugewinnen, während der König mit seinen Generalen vorüberritt. Es war ein Erlebniß. Ludwig hat diesen tiefen Blick des alten Fritz, der auch auf ihn gefallen war, nie vergessen.

3. Die Breter, die die Welt bedeuten.

Diese Welt, welche sich hier dem knabenhaften Sinn entfaltete, die er bald verwundert anstaunte, bald handelnd oder leidend seinen Theil daran hinnahm, wollte das sein und bedeuten was sie schien. In ihr lebte man unmittelbar. Aber es gab noch eine Welt, die etwas Anderes bedeuten wollte, und um so mächtiger die Phantasie ergriff und das Gefühl erregte. Dies war die Welt der Breter. In dem Vater lebte etwas von dem Kunstsinne der alten Handwerksmeister. Wie jene Nürnberger fand er Gefallen an der bunten Welt, welche die Dichtung erschließt, an Scherz und Ernst in gebundener und ungebundener Rede, und ihrer Darstellung auf den Bretern. Wie hätte eine solche Vorliebe des Vaters nicht auf den Sohn wirken sollen, in dem Phantasus noch halb träumerisch die Flügel regte, und ihm seine Märchen ins Ohr zu flüstern begann.

Die Erinnerungen an scenische Darstellungen gehen in Ludwig’s frühestes Kindesalter zurück. Einst hatte der Vater das Kind in die Bude eines Puppenspielers mit sich genommen. Auch dergleichen harmlos volksthümliche Kunstgenüsse liebte er. Hanswurst begann seine Späße, er erschien als Schäferknecht, der bei dem Verkaufe der Wolle in der Stadt seinen Vortheil zu machen hoffte. Dann trat ein prächtig gekleideter Prinz auf. Mit den wildesten Geberden der Verzweiflung rief er zu wiederholten Malen: „O Cupido! Cupido! welch ein Tyrann bist du!“ Im Schmerze unglücklicher Liebe überschlug sich die Holzpuppe in eckigen, steifen, seltsamen Bewegungen, daß Arme und Beine klappernd gegeneinanderrasselten. Das fratzenhafte Gebaren dieses Prinzen machte einen entsetzlichen Eindruck auf die Phantasie des Kindes. Es brach in lautes Weinen aus, und um den Ernst des Spiels nicht zu stören, verließ der Vater mit dem Kinde die Bude. Erst als es durch die dunkeln, stillen Straßen getragen wurde, und sich jene bunte, und doch so schreckhafte Welt plötzlich geschlossen hatte, fand es sich wieder.

Als später dieses Grauen vor dem Fremdartigen überwunden war, trat an die Stelle des ersten Entsetzens das lebhafteste Vergnügen an der Welt der Breter. Ludwig war sechs Jahre alt, es war im Sommer des Jahres 1779, als er zum ersten Male in das große berlinische Theater geführt wurde. Mit Pracht wurde eine Oper, „Die neue Arsene“ von Favart, zum ersten Male gespielt. Aber schon rührte sich die Kritik. Das Singen schien ihm verkehrt und langweilig, er wollte Handlung.

Ludwig war in eine neue Welt eingeführt; er hatte eine gewaltige Anregung erhalten, die durch wiederholte Besuche des Theaters lebendig blieb. Die Lust solche Darstellungen in irgendeiner Weise selbst zu versuchen, begann sich unaufhaltsam zu regen. Zuerst griff er nach den Werkzeugen, die dem kindischen Alter am nächsten lagen. Die zinnernen Soldaten, des Vaters deutsche Spielkarten mußten redend und handelnd auftreten. Den herrlichsten Stoff gab sein geliebter „Götz“, den er endlich aus dem Gedächtnisse herzusagen wußte. Dann kamen Papierpuppen an die Reihe, die den Charakteren schon mehr entsprachen. Die Kinder ruhten nicht eher, als bis sie ein vollständiges Puppentheater hergestellt hatten. Friedrich versuchte sich dabei in Malereien und Decorationen, Ludwig entwarf kleine Dramen, und fing auch wol an sie niederzuschreiben, wenn seine Ungeduld die Sachen fertig zu sehen, ihm Zeit ließ.

Endlich geschah der letzte Schritt. Wie, wenn man an die Stelle der Puppen trat, und statt sie darstellen zu lassen, selbst darstellte? Wieder wurde Ludwig Führer der jüngern Geschwister. Die Kenntniß dramatischer Dichtungen hatte sich erweitert; was die Kinder der Art irgend gesehen oder gelesen hatten, versuchten sie sogleich auf frischer That wiederzugeben. Siegreich führte die Phantasie über alle Schwierigkeiten hinweg. Entweder lasen die jugendlichen Schauspieler eine oder mehrere Stellen mit rednerischem Ausdruck aus dem Buche ab, oder irgendein Winkel wurde zur Bühne, auf der sie in abenteuerlichem Putze, den der Kleiderschrank des Vaters oder der Mutter liefern mußte, auftraten. Meistens wurden die dunkelsten und entlegensten Winkel zur Schaubühne ausersehen. Nur in der tiefsten Stille und Einsamkeit konnte man diese Freuden ganz genießen. Nichts störte den Zauber mehr, als wenn das nüchterne Tageslicht diese Helden beleuchtete, oder ihr Spiel durch kritische oder zweifelnde Bemerkungen unterbrochen wurde.