Ob diese Huldigung angemessen sei, war freilich eine andere Frage. Doch scheint erziehende Weisheit eben nicht die Stärke dieses Lehrers gewesen zu sein. Er gehörte zu jenen wunderlichen Originalen der ältern Schulwelt, deren Gewissen weit, und deren Art und Weise oft die sonderbarste war. In seinen Händen blieb Ludwig fürs erste; die untern Lehrstufen hatte er schnell zurückgelegt, nun fing er an langsamer seines Weges zu gehen, je mehr die Anforderungen, die gemacht wurden, mit seinen Kräften in das rechte Gleichgewicht traten.
Viel Veranlassung zu bedenklichen Zweifeln gab dem Knaben zunächst der Subrector Stilke; das war jener Lehrer, dessen Liebling er im Anfange zu sein schien. Es war ein Mann der strengen, kirchlichen Form. Mit den Schülern pflegte er in der Regel im Tone demüthiger Frömmigkeit und väterlicher Milde zu sprechen. In sanftester Weise rief er die Sträflinge zu sich heran. Wie zufällig klemmte er den Frevler zwischen seinen Knien ein, liebkosend streichelte er ihm die Backen mit den Worten: „Siehst du, mein Kind, das mußt du nicht wieder thun. Du kränkst und betrübst damit deinen guten, alten Lehrer, der dich doch so sehr liebt!“ Diese liebevollen Ermahnungen unterbrach er dann durch einige plötzlich treffende Backenschläge von rechts und links, die unter sanftem Zureden und liebkosendem Streicheln in regelmäßigem Takte wiederkehrten. Wie die Milde des guten, alten Lehrers, ward auch bald seine Frömmigkeit verdächtig. Des Morgens wurde der Unterricht mit einem Gebete, das der Lehrer sprach, eröffnet. Einst kam der Subrector Stilke, der die erste Lehrstunde zu halten hatte, statt um acht, kurz vor neun Uhr. Mit feierlicher Miene trat er vor die versammelten Schüler hin, legte seine Taschenuhr auf den Tisch, und begann das Gebet mit folgenden Worten: „Allwissender Gott, vor dessen Blicken nichts verborgen ist, du weißt, daß meine Uhr heute Morgen unerwartet stehen geblieben ist, und daß ich darum nicht zu rechter Zeit kommen konnte.“
Die heller sehenden Schüler durchschauten bald dieses Wesen. Die Einen bequemten sich ihm augendienerisch, die Andern trieben übermüthig ihren Spott damit. Auch Ludwig blieb in kecken Bemerkungen nicht zurück. Bald hatte er die Gunst seines Subrectors verscherzt, und der Zorn des Lehrers ging endlich in eine Art von Haß über, der keinen Anstand nahm, den leichtfertigen Knaben in allem Ernste des Atheismus anzuklagen. Da diese und andere Anklagen auf alle möglichen Schulfrevel endlich auch zu des Directors Ohren kamen, zog sich allmälig kein geringes Unwetter über Ludwig’s Haupte zusammen.
Während des Unterrichts machte Gedike regelmäßig die Runde durch das Schulgebäude. Im Vorübergehen warf er einen spähenden Blick in die Schulzimmer durch ein in der Thür angebrachtes Schiebefenster. Nicht selten erschien er zum Troste und zur Rettung manches bedrängten Candidaten, und griff als deus ex machina mit gewaltiger Schicksalshand die hervorragenden Häupter der Schulhelden heraus. So stand er auch eines Tages plötzlich in der Mitte der Tertianer, als das Völkchen lustig über Tisch und Bänke setzte. Der Erste, der als Sühnopfer fiel, war Ludwig. Sein Maß war voll; zur Strafe mußte er nach Quarta ins Exil wandern. Für die Schulzeugnisse hatten solche Frevel nicht die besten Folgen. Es gehörte zu Gedike’s eigenthümlichen Mitteln, die Stufenfolge derselben durch grelle Farben zu versinnlichen. So brachte Ludwig zum großen Zorn des Vaters die schmachvolle gelbe Nummer vier nach Hause, auf welche natürlich ein neues, härteres Strafgericht folgte.
Wenn Ludwig den Zorn des großen Schulherrn zu leiden hatte, so wurde ihm dafür auch einmal die Genugthuung zu sehen, daß unter Umständen auch diese Macht in ein bedenkliches Schwanken gerathen konnte. Oft geschah es, daß auswärtige Schulmänner den berühmten Reformator besuchten, um seine Weise an Ort und Stelle kennen zu lernen. Einst erschien, von Gedike selbst begleitet, ein ernster stattlicher Mann, in einem langen, grauen Rocke. Er setzte sich als Zuhörer auf eine der Banken nieder, und breitete dabei die bauschigen Schöße seines Rocks mit vieler Würde aus. Einige Buben, die vorher mit einem Kaninchen ihren Muthwillen getrieben hatten, schoben ihm dieses leise in die Tasche, während er aufmerksam dem Gange des Unterrichts folgte. Mit Schrecken fühlte er plötzlich in seinem Rocke etwas Lebendiges rascheln. Entsetzt fährt er in die Höhe und mit den Händen in die Tasche. Die Gegenwart des Schulherrschers konnte einen allgemeinen Aufstand, in den Spott und Schrecken sich mischten, nicht hemmen. Glühend vor Zorn und Beschämung donnerte er dazwischen. Voll Verwirrung bemühte sich der Fremde das Kaninchen aus dem Abgrunde der Tasche heraufzuholen. Da trat einer der boshaften Uebelthäter, sich zierlich verneigend, auf ihn zu und sagte: „Erlauben Sie, mein Herr, daß ich Ihnen behülflich bin. Kaninchen faßt man immer bei den Ohren.“
Dergleichen Vorfälle hemmten indeß weder Ludwig’s Wissenstrieb noch seine fernere Entwickelung. Vielmehr war er dem Schulunterrichte in manchen Punkten voraus. Er hatte bereits die Anfangsgründe des Griechischen von einem nachhelfenden Primaner erlernt. Es war sein sehnlichster Wunsch, den Homer, namentlich die „Odyssee“, von der er Mancherlei gehört hatte, was seine Phantasie ungemein anregte, in der Ursprache lesen zu können. Der Vater, der an Lehr- und Bildungsmitteln herbeischaffte, was ihm in seiner Lage irgend möglich war, ruhte nicht eher, als bis er seinen Ludwig mit der Damm’schen Uebersetzung des Homer überraschen konnte. Dieser nahm das Buch mit Dank an, sagte aber voll altkluger Selbstüberwindung: „Ich bitte Sie, lieber Vater, dieses Buch für jetzt zurückzulegen. Binnen kurzer Zeit werde ich die ‚Odyssee‘ in griechischer Sprache bei Herrn Griese lesen, dann hoffe ich diese Uebersetzung besser nutzen zu können.“
Herr Griese war nämlich ein alter Candidat der Theologie, der kümmerlich von Privatunterricht lebte. Halb aus Mitleiden hatte der gutmüthige Vater ihm die Aufsicht über die häuslichen Arbeiten des Sohnes und die griechischen Lehrstunden übertragen. Dafür aß denn Herr Griese einige Male in der Woche an dem Tische des gastfreien Bürgers. Nur war es übel, auch seine Kenntnisse waren ziemlich kümmerlich, und es dauerte nicht lange, so zeigte sich die volle Ueberlegenheit des Schülers. Vor allem gab der Lehrer bei dem Lesen des Homer, worauf er sich aus einer halbverstandenen lateinischen Uebersetzung vorbereitete, die kläglichsten Blößen. Einst erzählte er seinem Zögling ausführlich, wie Aegisth den Orestes ermordet habe, und dafür nach seinem Tode göttlich verehrt worden sei. „Bester Herr Griese“, rief der Knabe, „das ist unmöglich! Umgekehrt war es!“ Herr Griese stutzte, machte aber doch einige nicht ganz glückliche Versuche, seine eigenthümliche Meinung zu vertheidigen. Im Hintergrunde des Zimmers saß der Vater behaglich in seinem Lehnstuhle, und lachte in sich hinein über seinen klugen Sohn, der bereits den Lehrer aus dem Felde schlug.
Neben dem Griechischen sollte aber das Französische nicht vernachlässigt werden. Auch dafür wußte der Vater ein Mittel. Ludwig mußte den Gottesdienst der französischen Colonie besuchen. Von früher Zeit an hatten die Aeltern mit Strenge auf einen regelmäßigen Besuch der Kirche gehalten. Zuerst hatten sie die Kinder alle Sonntage in die Petrikirche geführt, in deren Sprengel sie wohnten; dann hatte man sie im Vertrauen auf ihren Gehorsam dorthin allein gehen lassen. Endlich meinte der Vater auch diese Stunden nützlich machen zu können. Die Erbauung war hier freilich gering. Oft bestand die hörende Gemeinde aus keinem Dutzend Menschen. In späterer Zeit, als der sogenannte junge Ancillon anfing einen größern Kreis von Zuhörern um sich zu sammeln, zog auch Ludwig diesen geistvollen und feurigen Redner allen Andern vor.
Doch nicht nur in Haus und Schule, zu Zeiten mehr noch draußen, auf Straßen und Plätzen, vor den Thoren sammelten sich die Kinder. Da gab es allerlei lustige Abenteuer, da sah und hörte man, was Alle anging, die Stadt, das Land, man sah das öffentliche Leben jener Tage.
Zu den Volksfesten, an denen die Knaben mit vollstem Jubel theilnahmen, gehörte das Weihnachtsfest und der Weihnachtsmarkt, der Mittelpunkt des berliner Volkslebens. Dann streiften sie einzeln und in ganzen Scharen zwischen den hell erleuchteten Verkaufsbuden auf dem Schloßplatze und in der nahgelegenen Breiten Straße umher. Tausendfaches gab es zu sehen und zu bewundern, manche Gelegenheit zu kleinen Erwerbungen, wenn es auch nur ein Pfefferkuchen oder ein Waldteufel gewesen wäre, und endlich fehlte es auch nicht in dem nächtlichen Dunkel hinter den Buden an stets willkommenen Kämpfen. Bei aller muthwilligen Stimmung hatte das Ganze dennoch einen zauberhaften, geheimnißvollen, ja rührenden Ausdruck. Wie glänzte Alles in dem Lichte festlicher Erwartung! In ihr ging schon Wochen vorher alles Wünschen und Hoffen der Kinderwelt auf. Auch beim Meister Tieck war das Weihnachtsfest eine große häusliche Freude. Es gab einen festlich geschmückten Tannenbaum mit brennenden Lichtern besetzt, und Näschereien, nach denen man sonst das ganze Jahr vergeblich lüstern spähte. Unter allen Geschenken aber strahlten die unerläßlichen Soldaten von Zinn als das Anziehendste hervor, die unter Ludwig’s Händen bald zu belebten Wesen wurden, zu einem ernsten Spielzeug, zu dem er auch in spätern Tagen in heiterer Laune gern zurückkehrte.