Bald mußte ein großer Entschluß gefaßt werden. Es hieß: „Der Junge muß in die Schule!“ Die tägliche Arbeit ließ den Aeltern keine Muße ihn hinreichend zu beschäftigen, oder auch nur ihn stets zu beaufsichtigen. Zunächst brachte man den kaum fünfjährigen Knaben zu einem alten gutmüthigen Ehepaar, das in der nahegelegenen Fischerstraße eine A-b-c-Schule für Knaben und Mädchen im ersten Kindesalter hielt. Noch mußte man Morgens bei regnigem und trübem Wetter das Kind auf dem Arme in die Schule tragen. Da gesellte sich als erster Gespiele ein Pudel zu ihm, in dessen zottigen Haaren es die rothen, erstarrten Hände wärmte. Die beiden guten Alten, das hohe Zimmer mit seinen Bänken, die Kinderscharen, der Pudel erschienen ihm so anziehend, daß es jeden Morgen nach dieser neuen Welt sehnlichst verlangte.
Die Zeit dieses spielenden Versuchs ging bald vorüber. Kraft und Muthwille des Knaben begann in Ludwig zu erwachen, er konnte sich jetzt ältern Spielgenossen zugesellen. Der Vater übergab ihn der sogenannten Französischen Schule für Knaben, die ebenfalls in der nächsten Nachbarschaft, in der Grünstraße lag. Hier wurde neben dem gewöhnlichen ersten Unterrichte auch Französisch gelehrt, freilich ohne sonderliche Gewähr für seine Richtigkeit. Der Schulhalter war ein ehemaliger Schneidergeselle, den sein Gewerbe nach Paris geführt hatte. Hier meinte er hinreichende Kenntnisse der Sprache erworben zu haben, um die berliner Schuljugend im Französischen abrichten zu können, und da er es einträglich genug fand, von seinen Zöglingen einen Thaler Schulgeld monatlich zu erheben, so hatte er ein für alle mal die Nadel mit der Ruthe vertauscht.
Aber nun folgte der wichtigste, entscheidende Schritt, der in ein reiferes Leben hineinführen sollte. Dies war der Uebergang zur gelehrten Schule, zum Gymnasium. Mit dem Entschlusse, den Sohn das Gymnasium besuchen zu lassen, hatte der Vater stillschweigend seine Anerkennung des unverkennbaren Talents ausgesprochen. Diese Anlagen sollten, wenn auch mit Opfern, ausgebildet werden; der Sohn sollte etwas Besseres werden als der Vater gewesen. Die Wahl unter den gelehrten Anstalten war nicht schwer. Einen merkwürdigen und hervorragenden Mann gab es damals unter den berliner Schulmännern, welcher sich bereits ein allgemein anerkanntes Ansehen erworben hatte, Friedrich Gedike. Es war ein rastloser und eigenthümlicher Mann, der durch seine trefflichen Anschläge, seine planmäßigen und erfolgreichen Einrichtungen, allmälig zum Reformator des gesammten Schulwesens geworden war. Man pries sich glücklich einen so aufgeklärten Gelehrten zu besitzen, der ganz den Beruf hatte, die veralteten Formen des Unterrichts nach den Anforderungen der neuen Zeit, die auf dem Gebiete der Schulen an Lehren und Versuchen so reich war, neu zu gestalten. Seit 1779 Director einer städtischen höhern Lehranstalt, des Friedrichsgymnasiums auf dem Werder, hatte er durch seine Geschicklichkeit der früher verwahrlosten Schule binnen wenigen Jahren einen ungewöhnlichen Ruf verschafft.
Es war um Johanni 1782, als der Vater den neunjährigen Knaben dem berühmten Lehrer zuführte, der ihn feierlich für Quinta reif erklärte. Somit war Ludwig ein Gymnasiast, ein Quintaner geworden; er trat in die gelehrte Welt ein. Lateinisch sollte getrieben werden, Griechisch stand in Aussicht, die Anforderungen steigerten sich auf allen Seiten. Er gesellte sich zu einer Schar älterer Knaben, die gewitzigt durch alle Listen und Abenteuer des Schülerlebens, stets bereit waren, ihren jungen Muth an Jedem zu kühlen, der nicht im Stande war ihnen handgreiflich zu beweisen, selbst Quintanermuth könne seinen Meister finden. Wie sauer machten sie nicht manchem Lehrer das Leben; wie manchen Kampf fochten sie nicht in der Schulstube oder auf Straßen und Plätzen aus!
In diesen Strudel wurde auch Ludwig hineingerissen. Anfangs hatte seine Frühreife, seine Altverständigkeit und Zierlichkeit, denn er galt für ein schönes Kind, ihn zum Gegenstand der Bewunderung und Liebkosung, zum kindischen Spielwerke der ältern Schüler gemacht. Bald aber ward er dieser duldenden Rolle überdrüssig, und begann ebenfalls seine Fäuste zu regen. Da sollte er den gefeierten Director auch als furchtbaren Donnerer kennen lernen.
Einst war in den Lehrstunden ein schriftlicher Aufruf zum Kampfe gegen die elenden Collegiaten, d. h. gegen die Zöglinge des benachbarten französischen Collège, von Hand zu Hand gegangen. Jeder brave Quintaner wurde darin aufgefordert, sich um vier Uhr Nachmittags, mit einem Rohrstocke bewaffnet, auf dem Lustgarten einzufinden. Die Einstimmenden sollten ihre Namen unterzeichnen. Ludwig glaubte nicht zurückbleiben zu dürfen, auch er war ein braver Quintaner. Wirklich traf man zur bestimmten Stunde auf den Feind. Doch plötzlich nahm die Schlacht eine für beide Heere unerwartete Wendung. Auf dem Lustgarten lagen zahlreiche Quadersteine verstreut, die bearbeitet werden sollten. In diesen Engpässen war man sich kaum begegnet, als höhere Kräfte in den Kampf der Helden eingriffen. Hinter jenen Steinen erhoben sich einige handfeste Steinmetzgesellen, die blindlings zufahrend aus der Schar der Collegiaten Einzelne herausgriffen, und an den Zöpfen mit starker Faust in die Lüfte erhoben. Die Werderschen, so unvermuthet durch ein gigantisches Geschlecht unterstützt, nahmen ihres Vortheils wahr, und hieben auf die zappelnden Collegiaten unter lautem Jubel unbarmherzig ein. Einer der Kämpfer, der Sohn eines Bauraths Moser, hatte diese furchtbaren Bundesgenossen in der Stille angeworben. Ludwig konnte in das allgemeine Siegesgeschrei nicht einstimmen. Nie hatte er braven Quintanern solche Tücke und Hinterlist zugetraut. Voll Entrüstung verließ er sogleich den Kampfplatz und ging nach Hause.
Auch ereilte die Nemesis die Verräther früh genug. Das Actenstück, welches den Beweis der Verschwörung enthielt, war in des Directors Hand gefallen. Untersuchung, strengste Strafe waren zu erwarten. Am nächsten Morgen trat Gedike als Richter in die Classe Quinta, der Pedell hinter ihm mit dem Blitze bewaffnet. Nach einer donnernden Strafrede wurden die Uebelthäter nach der Reihenfolge ihrer Unterschriften aufgerufen, verhört und die Strafe an ihnen vollzogen. Mit innerstem Zagen sah sich auch Ludwig von den Schwingungen des verhängnißvollen Stockes näher und näher umkreist. Endlich hörte er auch seinen Namen. „Und Er, einfältiger Mensch“, donnerte Gedike ihn an, „der erst seit wenigen Monaten in der Schule ist, hat sich auch zu solchem Unfug verleiten lassen? Schämt Er sich nicht?“ Die handgreiflich drohende Gefahr gab dem bestürzten Knaben einen unerwarteten Muth. Mit angstvoller Entschlossenheit rief er: „Herr Director, ich bitte Sie, hören Sie mich an!“ Wirklich hielt der Richter in seinem Strafgericht inne, und lieh der Vertheidigungsrede ein geneigtes Ohr. Mit altkluger Beredtsamkeit stellte Ludwig dar, wie sich die Sache eigentlich verhalten habe, und schloß mit einer Berufung auf das Zeugniß seiner Mitschüler. Da diese seine Aussage unterstützten, entließ ihn Gedike mit den Worten: „Das ist sein Glück!“ denen sich eine eindringliche Warnung für die Zukunft anschloß.
So gewichtige Erfahrungen brachte Ludwig nicht umsonst nach Hause. Hier wurde er der Führer der jüngern, gelehrigen Geschwister zu manchem kecken, muthwilligen Streiche. Bruder und Schwester, nur durch einen geringen Unterschied der Jahre von ihm getrennt, wurden die selbständigen Gefährten seines Lebens. Nicht minder früh, nur nach einer andern Seite hin, entwickelte sich Friedrich’s Talent. Auch er wurde später Schüler des Werderschen Gymnasiums, doch das schulgerechte Lernen war nicht seine Sache. Man klagte über seine geringe Gelehrigkeit, seine Trägheit. Konnten ihm die Schulkünste keine sonderliche Theilnahme abgewinnen, so zeigte er dagegen viel Anstelligkeit und Geschicklichkeit nach außen hin, namentlich eine entschiedene Gabe für Zeichnen und künstlerisches Gestalten. Die Schwester war in ihren Anlagen dem ältern Bruder ähnlich. Sie war heiter und lebhaft, keck und leichtsinnig, schnell und scharf in ihrer Auffassung, schlagend in ihren Antworten, besaß einen frühreifen Witz und eine unwiderstehliche Neigung zum Spott. Sie war eine stets bereite und helfende Theilnehmerin der Späße und Anschläge ihrer Brüder, mit denen sie auch muthig die Leiden theilte. Die Kinder stritten und zankten, jagten sich in Haus und Hof mit Katzen und Hunden umher, prellten die geängstigten Thiere in auf- und zuklappenden Regenschirmen, und übten tausend Eulenspiegeleien aus.
Es waren die Jahre gekommen, in denen die Strenge der väterlichen Zucht immer fühlbarer wurde. Auch hier zeigte sich der Vater als Mann von altem Schlage, von ganzem Schrot und Korn. Die volle Gewalt des Vaters und Meisters, Furcht und Gehorsam, das galt in seinem Hause als oberstes Gesetz. Wehe dem Untergebenen, über den sich das Ungewitter seines Zorns entlud, der nicht selten unerwartet in jäher Weise hervorbrach. Da ruhte die Hand väterlicher Züchtigung oft schwer auf Ludwig. Ueberhaupt schien es eine Erziehungsregel des Vaters, gegen die Kinder kurz, streng und abweisend aufzutreten. Niemals lobte er; er ließ gewähren, und seine Billigung sprach er meist durch Stillschweigen aus. Mit scharfem Tadel konnte er bei kleinen Dingen herausfahren, aber doch wieder mit jenem verhüllten Gefühle väterlicher Liebe, das auch durch die Züchtigung hindurchschimmerte. War er einmal bei besonders guter Laune, so zog er die Kinder wieder heran und erlaubte ihnen wol, sich in kleinen Wortwechseln mit ihm zu versuchen, nur mußten sie in den gesetzmäßigen Schranken bleiben. Dazu reizten ihn namentlich Ludwig’s altkluge Fragen und Antworten, den er dadurch als seinen Liebling auszeichnete. Von einem solchen Vorzuge hatte dieser unter der züchtigenden Hand des Vaters keine Ahnung, und er staunte nicht wenig, als ihm in späterer Zeit, da er zum Jünglinge geworden war, der Vater das Geständniß ablegte, er sei eigentlich sein Liebling gewesen.
Indessen fehlte es im fernern Verlaufe des Schullebens nicht an manchem glänzenden Erfolge, der Ludwig bei Lehrern und Schülern in den Ruf eines Genies brachte. Das verdankte er zunächst der Lebhaftigkeit seiner Phantasie und seinem ungewöhnlichen Gedächtnisse, das auch nur einmal Gehörtes oder flüchtig Aufgefaßtes leicht und sicher bewahrte. Erst auf dem Wege zur Schule pflegte er die Lehrstücke zu überlesen. Wie die Buchstaben wurden ihm die Zahlen lebendig. Die Figuren, welche durch verschlungene Rechenexempel gebildet wurden, jede einzelne Ziffer darin, schwebte ihm deutlich vor der Seele. Den Rücken gegen die große Wandtafel gewendet, konnte er sie Stelle für Stelle ohne den mindesten Anstoß wiederholen. Dergleichen hatte der Lehrer in seiner Schulerfahrung noch nicht erlebt, er sah darin eine psychologisch merkwürdige Erscheinung. Er ließ Ludwig in die Mitte des Zimmers treten, auf seinen Befehl erhoben sich die übrigen Schüler von ihren Sitzen und mußten sich drei mal tief verneigen. Es war die erste Huldigung, welche dem Genius dargebracht wurde.