Inzwischen hatte sich im Hause Vieles verändert. Eine Familie war entstanden und begann heranzuwachsen. Der Raum war enger, die Sorgen größer geworden. Im Laufe von vier Jahren hatte die Mutter drei Kinder geboren.
Es war ein hoffnungsvoller Tag, als am 31. Mai des Jahres 1773 um elf Uhr Morgens das älteste Kind in der schmalen, dunkeln Hinterstube, in die nur ein kärgliches Licht vom Hofe hineinschimmerte, zur Welt kam. Dieses Kind, das dem Meister Johann Ludwig Tieck, dem Seiler, geboren wurde, war Meister Johann Ludwig Tieck, der Dichter. Als ältester Sohn empfing er am 6. Juni in der Taufe, zu der mehrere hochadelige Gönner der Familie als Zeugen eingeladen waren, die Namen des Vaters. Am 28. Februar 1775 folgte eine Tochter, Anna Sophie, und am 14. August 1776 der jüngere Sohn, Christian Friedrich. So wuchsen denn drei Kinder im Hause heran, zwei Söhne und zwischen ihnen eine Tochter, und mit ihnen manche schwere und gewichtige Sorge. Denn bald mußte der Vater ahnen, mit diesen Kindern habe ein anderer, neuer Geist in seinem engen Hause Wohnung gemacht. Unter den Augen des Vaters und der Mutter verlebten sie die ersten Jahre. Nur dunkel erinnerten sie sich der Großmutter, die im Hause des Sohnes still als Matrone lebte und bald verschwand, ohne an der Erziehung theilgenommen zu haben.
Bei Ludwig, dem Aeltesten, zeigten sich Vorstellungskraft und Empfindungsvermögen ungemein früh. Die Bilder und Eindrücke, welche er empfing, erweckten in ihm bald eine dunkle Ahnung der Leiden und Freuden, denen das menschliche Herz unterworfen ist, solange es schlägt. Diese ersten Erschütterungen der Seele müssen in dem Kinde ein tief schmerzliches Gefühl hervorgerufen haben, denn im hohen Alter erzählte der Greis davon mit der vollen Lebendigkeit eines gegenwärtigen Eindrucks. Ein Hausfreund hatte einst ein eigenthümliches Schaustück mitgebracht. Es war eine Dose, auf deren Deckel man unter einer Krystalleinfassung ein strahlendes Farbenmuster sah. Von diesem bunten Bilde wurde das Kind mit unwiderstehlicher Macht angezogen. War es eine erste Ahnung der Schönheit der Welt, die es erfüllte? Auf den Augenblick kurzer Freude folgte das Gefühl des ersten Verlustes, als man das glänzende Spielzeug aus seinen Händen nahm. Es war untröstlich, und der Greis Tieck versicherte, schon da zuerst den Schmerz des Lebens empfunden zu haben. Ein anderes Mal hatte die Wärterin das Kind auf die Stufen vor der Stechbahn am Schloßplatze niedergesetzt. Vergnüglich sah es über den Platz nach der Brücke und dem Standbilde des großen Kurfürsten hinüber. Alles machte ihm den heitersten Eindruck, als es plötzlich bemerkte, daß die Wärterin verschwunden sei. In schlecht verstandenem Scherze war sie hinter einen Pfeiler getreten. Da wurde das Kind mitten unter diesen Gestalten von dem Gefühle tiefster Einsamkeit ergriffen. Wenig half das Zureden der hervortretenden Wärterin, und lange konnte es diese dunkle, schreckliche Empfindung nicht vergessen.
Nicht minder früh wollte das Kind in geregelter Weise beschäftigt sein. Auf dem Schoose der Mutter lernte es die Buchstaben kennen, um so schneller, je mehr die Phantasie zu Hülfe kam. Sie schienen zu leben, sie wurden zu lustigen Gestalten aller Art. Kaum vierjährig, konnte der Knabe lesen, und schon trat an die Stelle der Fibel die Bibel, die in ihren geschichtlichen und poetischen Theilen bald sein Lieblingsbuch wurde. Es überkam ihn ein Gefühl von der Hoheit des hier wehenden Geistes; der wunderbar erhabene und doch wieder kindliche Ton, Verstandenes und Unverstandenes, Alles fesselte ihn gleich sehr. Er konnte sich nicht sättigen an diesen rührend-einfachen Geschichten der Erzväter, und schon im Lauf der ersten Knabenjahre hatte er die Bibel mehr als einmal ganz durchgelesen. Wenn dann Nachbarn und Verwandte ihn, auf seinem Fußbänkchen sitzend, in der Bibel eifrig lesen hörten, so schüttelten sie über so frühreifes Wesen bedenklich den Kopf, oder Mancher meinte auch: „Wie geschickt doch das Kind thut, als wenn es lesen könnte!“
Neben der Bibel hatte auch das Gesangbuch der Mutter eine große Anziehungskraft für ihn. Es hatte einen stark vergoldeten Einband, der an den Seiten mit kunstvollem Schnitzwerk in Elfenbein ausgelegt war. Es mochte ein Erbstück ihrer Aeltern oder ein Geschenk des Pfarrers sein, das er seinem Pflegekinde als Andenken mit auf den Weg gegeben hatte. Wie hoch hielt es nicht die Mutter! Und wenn das Kind sie jene alten Lieder lesen hörte, wie hallte der kaum geahnte Inhalt, die bilderreiche Sprache, die doch so einfach war, der Gleichklang des Reimes in seiner Seele wider! So wurde es bald auch mit den Liedern der lutherischen Kirche vertraut.
Doch zu diesen Büchern, die prophetisch die ersten und ursprünglichsten menschlichen Empfindungen erweckten, gesellte sich ein anderes, welches die junge Seele nicht minder mächtig ergriff und ihr den tiefsten Eindruck für das Leben gab. Dies war Goethe’s „Götz von Berlichingen“. Abends, nach gethaner Arbeit, wenn die Kinder schliefen, oder der Aelteste im Winkel kauernd lauschte, pflegte der Vater ein Buch aus seiner Hausbibliothek hervorzulangen, oder auch irgendein entliehenes der Mutter vorzulesen. Freilich fiel die Wahl mitunter auf ziemlich abgelegene Bücher, deren Verständniß in diesem Kreise zweifelhaft war. Er las Fontenelle’s Schrift von der Mehrheit der Welten in der Bode’schen Uebersetzung vor; doch häufiger eins von jenen Dichterwerken, von denen man jetzt soviel reden hörte. So wurde Ludwig in die deutsche Dichtung eingeführt, und es dauerte nicht lange, so bemächtigte er sich selbständig der Bücher, aus denen er den Vater hatte vorlesen hören.
Vor allen aber blieb er bei einem stehen, beim „Götz“. Wie an die Bibel, glaubte er mit ganzer Seele an dieses Gedicht. Es war der erste Eindruck des geheimnißvollen Zaubers der Poesie, den er erfuhr; die Welt der Phantasie wurde ihm zur sinnlich wirklichen. Wie die Patriarchen, Helden und Könige des Alten Testaments lebendig gegenwärtig vor ihm standen, meinte er, auch diese mannhaften Ritter, Götz selber, müßten noch unter den Lebenden sein. Es waren Menschen, mit denen er lebte und verkehrte, wie mit Vater und Mutter und seinen Geschwistern. Wie bestürzt war er nicht, als man seiner kindischen Einfalt lachend, ihn später darüber belehrte, weder dieser Götz, noch irgendeiner seiner Gefährten sei eine lebende Person, diese Geschichte sei eine erdichtete; der Mann, der sie geschrieben habe, heiße Goethe und lebe in Weimar. Für eine Art von Offenbarung hatte er den „Götz“ gehalten, und nun hörte er, sie sei ein Buch, wie alle Bücher sind. Wie gern hätte er diese Aufklärung für die Welt hingegeben, die er dadurch verlor! Fürs erste ahnte er von solchen Enttäuschungen noch nichts, und gehend und stehend, in allen Winkeln des Hauses, wachend und schlafend trug er sich mit den Gestalten dieser Ritter und Frauen, und ihre herzhaften Reden klangen in ihm unaufhörlich nach. Nur durch Eins konnten sie zu Zeiten zum Schweigen gebracht werden, durch die Erzählungen der Mutter.
Wenn im Dämmerlichte des Abends die sonst wohlbekannten Spielstätten die Kinder fremd und geheimnißvoll anblickten, und das laute Treiben allmälig verstummte, dann sammelten sie sich still am Schoose der Mutter, und manche oft gehörte Geschichte mußte sie erzählen. Die Erinnerungen ihrer eigenen Kindheit erwachten. So gleichförmig auch ihre Jugend in dem Pfarrhause verflossen war, dennoch wußte sie Manches davon zu erzählen. In ihrem Munde wurde das Einfache und Natürliche für die Kinder zum Märchen und Wunder, das sich ihrem Gedächtnisse tief einprägte. Von einer alten, unheimlichen Frau in ihrem väterlichen Dorfe erzählte sie, die für die Jugend ein Gegenstand geheimen Schauers gewesen war. Häßlich und böse saß sie allein und schweigsam in ihrer Stube am Spinnrocken, nur einen kleinen Hund litt sie um sich. Ungern entschloß man sich, sie anzureden, und geschah es, so antwortete sie zornig und in einem nur halbverständlichen Kauderwelsch, das den Kindern schauerlich wie böse Zauberformeln in die Ohren klang. Am schrecklichsten erschien sie, wenn ihr einziger Gefährte, der Hund, ihr entsprungen war. Dann stand sie an der Thür und blickte spähend das Dorf hinab, oder lief mit wunderlichen Geberden durch die Straßen und rief mit gellender Stimme nach dem Hunde: „Strameh! Strameh! Strameh!“
So waren die Menschen und Umgebungen, unter denen Ludwig Tieck, der Dichter, geboren wurde und aufwuchs. Es war der enge Kreis des kleinbürgerlichen Lebens. Arbeit, Sparsamkeit, Redlichkeit waren die Hausregeln. Man lebte beschränkt, aber darum nicht ärmlich oder gar kümmerlich; man hatte sich eng eingerichtet, ohne von der Welt abgeschnitten zu sein; man brauchte sich nicht ängstlich jede kleine Freude zu versagen. Es herrschte in dem Hause die Zufriedenheit des tüchtigen Handwerkers, der mit Verstand auszugeben weiß, was ihm seiner Hände Arbeit erworben hat, und auch die Mittel erschwingen kann, seinen Kindern eine Erziehung zu geben, die ihnen einst breitere, sonnigere Wege zu öffnen vermag. Dieses dunkle, bürgerlich eingerichtete Zimmer zu ebener Erde, dieser lange, schmale Hausflur, der kleine Hof dahinter, auf den nur ein spärlicher Himmel herabblickte, die Schwelle an der Hausthür, das waren die Räume, die Ludwig zuerst mit den Gebilden seiner jungen Phantasie bevölkerte, die ihm zum Schauplatze seiner kindischen Leiden und Freuden wurden. Aber schon war die geheimnißvolle Ahnung darüber hinausgeflogen, und träumte von einer andern wunderbaren Welt, die jenseit der Schwelle des Vaterhauses lag.