Die heutige Kunst leidet an verbildetem Virtuosenthum und rohem Naturalismus zugleich. Das Virtuosenthum ist der gerade Gegensatz aller Kunst. Es beruht nicht auf allseitiger Durchbildung und schöpferischer Kraft, sondern auf einseitiger Fertigkeit, über die man allenfalls staunen kann; das ist aber auch Alles. Es hat angefangen, die echte Kunst überall zu verdrängen, auch im Schauspiel. Ein Jeder geht auf den einseitigen Effect aus, an das Ganze denkt Niemand mehr. Im Zusammenspiel stehen die Franzosen immer noch weit höher als unsere Schauspieler. Ist ihr declamatorischer tragischer Ton auch ganz unleidlich, so sind sie doch Meister im feinen Lustspiel und im Conversationsstück. Sie studiren wirklich noch. Auch haben sie immer noch einzelne große Talente. Wo haben wir z. B. jetzt einen Schauspieler wie St.-Aubin?

Wenn der Schauspieler seine Aufgabe recht faßt, so muß er ein Künstler, aber kein Virtuos sein. Freilich gehört eine große eigene Productionskraft dazu, die Gestalten des Dichters lebendig hinzustellen. Die jetzigen Schauspieler können das nicht mehr; in ihrer Anmaßung und ihrem Naturalismus haben sie keinen Begriff davon, und sie lassen sich auch nicht belehren. Die Naturalisten meinen, Alles soll sich von selbst machen. Wer eine gute Figur und eine erträgliche Stimme hat, glaubt auch zum Theater berufen zu sein, und macht er auf den Bretern wirklich eine leidliche Erscheinung, so wird er besser bezahlt als hohe Staatsbeamte, und was leistet er dafür? Als die Schauspieler unter einem unbilligen Druck lebten, hielt die Begeisterung für ihre Kunst sie aufrecht; heute findet man sie in allen Gesellschaften, man fühlt sich geschmeichelt, mit ihnen zu verkehren; der Stand hat gewonnen, die Kunst aber verloren. Das Wesen keiner Kunst ist so schwer zu fassen, als gerade dieser; überall kann man sich leichter zurecht finden. Aber alle Welt glaubt über das Theater reden und urtheilen zu können; es scheint sich von selbst zu verstehen, daß hier ein Jeder von Hause aus Kunstkenner ist, und doch wissen die Allerwenigsten, worauf es ankommt.

5. Aesthetisches.

Es ist nicht leicht zu sagen, was eigentlich die Novelle sei, und wie sie sich von den verwandten Gattungen, Roman und Erzählung, unterscheide. Die Engländer nennen Alles, was der in Prosa erzählenden Dichtung angehört, novel, und ähnlich machen es die Italiener. Man gibt mit dem Namen bald zu viel, bald zu wenig. Es ist zu viel, wenn man geradezu sagt, die Novelle müsse eine ausgesprochene Tendenz haben, aber doch erwartet man in ihr etwas Hervorspringendes, eine Spitze, in der man sich wiederfindet. Wenn ich meine Novellen übersehe, so muß ich sagen, ein großer Theil davon hat eine solche Spitze; aber andere wieder nicht, z. B. „Des Lebens Ueberfluß“ oder „die Klausenburg“. Man wird die scharfe, epigrammatische Pointe auch nicht zu sehr herausheben dürfen; dann würde etwa auch „Wilhelm Meister“ eine Novelle sein, und die „Wahlverwandtschaften“ gewiß, in denen eine so entschiedene Tendenz liegt. Und wie steht es mit Cervantes? Sind dessen Novellen in diesem Sinne so zu nennen? Auf manche paßt es, wie auf den „Curioso impertinente“, auf andere nicht, die nur einfache Erzählungen sind. Wenn er sie alle zusammen exemplares nannte, so liegt darin in gewissem Sinne schon eine Tendenz. Wir würden dafür etwa mustergültig sagen. Er bezeichnete sie so im Gegensatze zu den obscönen Novellen der Italiener. Es ist sehr schwer, hier einen allgemeinen Begriff zu finden, auf den sich alle Erscheinungen dieser Art zurückbringen ließen.


Wir sprechen so viel über das Tragische, ohne daß wir darum viel weiter als Aristoteles gekommen wären, der es in der Reinigung der Leidenschaft durch die Leidenschaft sah, d. h. durch Mitleid und Furcht. Lessing’s Auseinandersetzung der tragischen Theorie genügt im Vergleiche mit seiner sonstigen Schärfe eigentlich nicht. Er wird fast weitläufig und kommt zu keinem festen Resultate. Das Wort Leidenschaft reicht hier überhaupt nicht aus; es ist zu plump, zu roh. Ja man möchte auch hier wie öfter sagen, es müßte erst ein neues Wort erfunden werden, was die Sache richtig bezeichnete. Man muß die Leidenschaften unterscheiden. Die ganz gemeinen, wie Haß, Neid, Geiz, können natürlich nicht gemeint sein; wie sollte eine Reinigung durch diese möglich sein? Wol aber die bessern, und zu diesen gehören Mitleid und Furcht. Auch sie haben eine Seite, von der sie gemein erscheinen können, aber es liegt in ihnen etwas Höheres. Das Gemeine fällt durch die Reinigung von ihnen ab, und das Göttliche kommt in uns zur Ahnung. Dies ist das Ergebniß des tragischen Reinigungsprocesses. Wenn wir von Leidenschaften sprechen, so denken wir zuerst immer an den Natureffect, dem der Mensch unterliegt. Aber verhält er sich denn dem Göttlichen gegenüber nicht auch leidend? Er erleidet das Göttliche, ist in Leidenschaft, und bis auf diesen Punkt soll die gemeine Leidenschaft gereinigt werden. Der tragische Reinigungsproceß erscheint als tragischer Kampf. Antigone und Kreon folgen beide ihren Leidenschaften, in beiden liegt etwas Göttliches, und beide haben in ihrer Weise Recht. Man sieht jetzt das Tragische besonders in solchen Gegensätzen. Aber das paßt doch nicht überall; auch nicht, wenn man den Gedanken der Schuld besonders hervorhebt. Wo ist sie z. B. im König Oedipus? Worin liegt seine Schuld, wenn man sie nicht in seiner menschlichen Sicherheit finden will? Er erscheint als ein edler Mann, und an den Freveln, die er begangen hat, ist er moralisch fast unschuldig zu nennen. Denn Herrschaft und Gemahlin hat er nicht mit Gewalt gewonnen, sie sind ihm, der ahnungslos nach Theben kommt, zuerkannt worden.


Schwerer ist es noch sich über das Komische zu verständigen. Was ist nicht allein das Lachen für ein merkwürdiges, schwer zu erklärendes Ding! Woher diese sonderbare Aeußerung der Natur? Und woher die Anregung dazu? Es gibt nur wenige Menschen, die es verstehen wahrhaft und von Herzen zu lachen, und wie wenige wissen was Scherz ist! Selbst gebildete und wohlwollende Menschen ertragen beides als eine Sache, die nun einmal nicht zu ändern ist. Aber das Lachen selbst ist ein Prüfstein der Bildung. Wie roh und abschreckend lachen nicht manche und offenbaren dadurch die ganze Gemeinheit ihrer Natur. Der Spaß selbst ist etwas sehr Tiefsinniges, es ist der verhüllte Ernst, der sich nur nach einer andern Seite hinwendet. Ohne diesen tiefern innern Gehalt ist er gar nicht denkbar, und das verkennen wiederum die meisten Menschen; sie nehmen ihn immer nur als leere Trivialität.