Das vieldeutige Wort Humor können wir nicht entbehren, da wir es nicht zu übersetzen wissen. Seit der Zeit wo es aufkam, hat es seine Bedeutung ganz geändert. Ben Jonson gebrauchte es zuerst, um damit die besondere und eigenthümliche Art und Weise Jemandes, sein eigenstes Wesen, zu bezeichnen. Mitunter ist es auch was wir wol Laune nennen. Im Humor paaren sich Spaß und Ernst miteinander, wie z. B. bei Sterne. Aber man kann fragen, ob Jean Paul in der That ein Humorist sei, da sich sein Spaß mit der Sentimentalität verbindet.


Das Wort Romantisch, das man so häufig gebrauchen hört, und oft in so verkehrter Weise, hat viel Unheil angerichtet. Es hat mich immer verdrossen, wenn ich von der romantischen Poesie als einer besondern Gattung habe reden hören. Man will sie der classischen entgegenstellen, und damit einen Gegensatz bezeichnen. Aber Poesie ist und bleibt zuerst Poesie, sie wird immer und überall dieselbe sein müssen, man mag sie nun classisch oder romantisch nennen. Sie ist an sich schon romantisch, es gibt in diesem Sinne gar keine andere als romantische Poesie; ich weiß hier gar keinen Unterschied zu machen. Warum sollte man ein dichterisches Wunderwerk wie die „Odyssee“, mit seinem unerschöpflichen Reichthum des Lebens, nicht romantisch nennen dürfen? Wenn ein Dichter heutiges Tages die „Odyssee“ schriebe, ich bin überzeugt, man würde sie ein romantisches Gedicht nennen. Oder wenn Euripides in manchen seiner Tragödien die Gewalt der Leidenschaft so ergreifend schildert, und immer nach neuen Formen derselben sucht, so sollte das nicht romantisch sein? Dasselbe kann man auch von Aeschylus sagen. Und woher stammen denn unsere Ansichten von Classicität, die wir als etwas so Feststehendes ansehen? Wir haben sie von den wenigen griechischen Dramen hergenommen, die wir noch besitzen. Ist denn das die ganze tragische Poesie der Griechen? Hätten wir noch alle Tragödien des Aeschylus und Sophokles, wir würden gewiß ganz anders urtheilen!

Manche neuere Poeten haben sich selbst romantisch genannt, andere haben sich bemüht, dagegen eine antiromantische Poesie aufzustellen. Die einen wie die andern würden romantisch sein, wenn sie zuerst nur Dichter wären. Die sogenannte Poesie der modernen Gegner des Romantischen ist nichts als Unpoesie. Alle legen in ihre Dichtungen eine bestimmte Tendenz, die außerhalb der Poesie liegt. Dabei muß diese natürlich zu kurz kommen. Sie alle wollen also eigentlich irgend etwas anderes, nur nicht die Poesie. Aber des Dichters höchstes Gesetz kann nur die Dichtung sein, sie schließt alles andere in sich, aber sie steht auch einer jeden Tendenz entgegen, die von außen in sie hineingelegt werden soll, sie mag einen Namen haben welchen sie wolle. Nur seiner Begeisterung kann der Dichter folgen. Wenn man dieses Reden über das Romantische hört, so erkennt man auch hier, die meisten sprechen nur nach, und gebrauchen Worte, die sie nicht verstehen.


Es ist unendlich schwer den Begriff der Ironie in einer bestimmten Formel auszusprechen. Auch Solger gibt am Schlusse des „Erwin“ nach den Untersuchungen über das Schöne nur Andeutungen darüber als über das Höchste. Es ist das Göttlich-Menschliche in der Poesie. Wer dieses als tiefste Ueberzeugung in sich trägt und erlebt hat, bedarf der noch einer Definition? Am Ende setzt diese doch nur an die Stelle des einen Wortes ein anderes, das vielleicht ebenso wenig verstanden wird. In den meisten Definitionen wird die Ironie zu einseitig genommen, ich möchte sagen zu prosaisch, zu materiell. Hegel hat Solger in diesem Punkte misverstanden. Er faßt es so auf, als habe Solger an die gemeine Ironie gedacht, an jene grobe Ironie Swift’s. Aber schon aus Plato kann man wissen, daß es noch eine ganz andere, höhere gibt. Die Ironie, von der ich spreche, ist ja nicht Spott, Hohn, Persiflage, oder was man sonst der Art gewöhnlich darunter zu verstehen pflegt, es ist vielmehr der tiefste Ernst, der zugleich mit Scherz und wahrer Heiterkeit verbunden ist. Sie ist nicht blos negativ, sondern etwas durchaus Positives. Sie ist die Kraft, die dem Dichter die Herrschaft über den Stoff erhält; er soll sich nicht an denselben verlieren, sondern über ihm stehen. So bewahrt ihn die Ironie vor Einseitigkeiten und leerem Idealisiren.

Wie Shakspeare ist auch Cervantes Meister in der Ironie. Wie tief ist sie nicht im „Don Quixote“! In dem was er sagt, erscheint er in der Regel als ein edler, tiefsinniger Mensch, wir stimmen ihm meistens bei. Er will das Höchste und setzt sein Leben daran, und dennoch wie komisch erscheint er in eben diesem Edelmuthe, weil die Mittel, zu denen er greift, ganz verkehrt sind. Wir fühlen uns durch seine Liebenswürdigkeit zu ihm hingezogen, und doch müssen wir über ihn lachen. Don Quixote selbst hat übrigens das Bedürfniß eines solchen Gegengewichts, denn in seiner Ueberschwänglichkeit kann er den rohen Naturwitz des phantasielosen Sancho Pansa nicht entbehren. Goethe hat etwas der Ironie Analoges, aber es ist bei ihm mit Sentimentalem verbunden, z. B. im „Egmont“. Der gefeierte Liebling und Held des Volkes geht in seiner Sicherheit blindlings und rettungslos ins Verderben; der Tod dieses ritterlichen Grafen dient dazu, das Bürgerthum zu verherrlichen, das in Klärchen und dem allegorischen Bilde sich zur Freiheit erhebt. Schiller hatte von der Ironie nichts, er geht in seinem Stoffe und seinen Helden auf, und in seinen Tragödien wird fast Alles zur Situation. Aber er hat Erhabenheit und wahrhaft großartige Gesichtspunkte; ihm bleibt immer noch genug, um ein großer Dichter zu sein. Fouqué verliebte sich in seine Helden, und verwechselte sich am Ende mit ihnen. Ihm fehlte es an aller Ironie und jedem Ersatze dafür, und darum endete er als Caricatur.


Mit dem was man gewöhnlich Ideal nennt, bin ich niemals einverstanden gewesen, und noch weniger mit dem sogenannten Idealisiren. Gewiß ist die Idee in dem Sinne Plato’s etwas Göttliches, wo sie einen schöpferischen Grundgedanken bezeichnet, aus dem sich viele andere Gedanken ergeben; aber in wie wenigen Fällen wird das so verstanden? Das gewöhnliche Ideal ist etwas ganz Allgemeines, eine angebliche Schönheitsidee, die am Ende nur eine Negation ist; und das Idealisiren ist nichts als ein Verwischen des Individuellen, ein Verallgemeinern, sodaß zuletzt etwas ganz Leeres übrig bleibt, was dann das Wahre sein soll. Aber hierin liegt die Poesie nicht, sondern gerade in dem Lebendigen und Individuellen. Von einer solchen Richtung auf das Ideal sind auch Goethe und Schiller nicht frei. Wenn man den Werth der „Iphigenia“ besonders im Idealen in diesem Sinne sucht, so habe ich das nie begreifen können; die hohe Schönheit des Gedichts und des Charakters liegt vielmehr in dem rein Menschlichen und Wahren. Und wenn andere vom Idealen in der „Braut von Messina“ sprechen, so ist mir das vollends unverständlich gewesen.