6. Gegenwart und Vergangenheit.

Mit Unrecht beschränkt man den sogenannten Instinct allein auf die Thierwelt, wo wir auch nur etwas damit bezeichnen, was uns durchaus dunkel ist. Auch der Mensch hat Instinct. Ich möchte Alles so nennen, was sein tiefstes Wesen, seine innersten Beziehungen zu Gott ausdrückt, mit einem Worte jene ganze Welt, welche er nur ahnt, die er mit seiner gewöhnlichen Logik nicht zu bezwingen vermag, in der er eine höhere Macht anerkennen muß, die er nur fühlt, ohne über sie zum klaren Bewußtsein kommen zu können. Dies Unmittelbarste macht das innerste Wesen des Menschen aus. Hier sprechen sich Sympathie und Antipathie aus, hier lebt das Gewissen, dessen Natur auch noch Niemand definirt hat. Was sind dagegen alle sogenannten Grundsätze, die doch meistens nur conventionelle Sätze sind! Ich habe es nie lange damit ausgehalten, und habe mich immer besser dabei befunden, wenn ich mich jenem sympathetischen Zuge überließ.


Schicksal und Individualität sind nah miteinander verbunden. Jenes ergibt sich aus dieser. Den Werth und die Bedeutung der Individualität erkennen die Menschen nicht, wenn sie auch das Wort oft genug brauchen. Man faßt sie zu allgemein auf, und kommt darum nie zu einer wahren Durchbildung. Ohne Zweifel würde ein Zustand höchster menschlicher Entwickelung erreicht werden, wenn ein jeder seine Eigenthümlichkeit kräftig und vollständig darstellen könnte; dies würde zu den reinsten und wahrsten Erscheinungen führen. Nur von solchen kann man wirklich lernen, hier offenbart sich der Geist. Oft findet man dergleichen in den sogenannten ungebildeten Ständen, und im Verkehre mit solchen Menschen habe ich nicht selten meine Studien gemacht. Sie haben die Dinge wirklich in sich erlebt. Aber unsere ganze moderne Bildung geht auf die Vernichtung dieser Eigenthümlichkeit aus, sie sucht ein allgemeines, verflachendes Schema aufzustellen.


Vor der wahren, echten Bildung habe auch ich natürlich den tiefsten Respect, aber nicht vor jener gemachten, falschen, vor der Patent- und Scheinbildung, die an dem ganzen Unheil unserer Zeit schuld ist. Daß der Einzelne sich nicht nach seinen Anlagen ausbildet, sondern nur nachsprechen lernt, was andere ihm vorgesagt haben, darin liegt unser Elend. Auch sonst gescheidte Leute wollen darin Bildung und Erziehung finden, daß man die Kinder vom ersten Augenblicke anleite nachzubeten. So bleiben sie zeitlebens auf dieser Stufe stehen, ohne jemals Eigenes zu erfahren. Dieses mechanische Treiben muß alle Originalität ertödten. Wie viel Originale gab es nicht noch vor funfzig Jahren; heute begegnet man keinem einzigen mehr! Einer sieht dem anderen gleich; es ist alles Dressur, lauter Patentmenschen, lauter Patentredensarten, alles soll gemacht werden! Nichts ist lächerlicher als die Dünkelhaftigkeit der Pädagogen, die nur solche Puppen erziehen, und wähnen große Menschen zu bilden! Dabei überall Einbildung und Oberflächlichkeit! Und worauf läuft das Alles hinaus? Man wendet sich von der Natur und Wirklichkeit ab, um vor einem leeren und falschen Götzenbilde zu knien, das man Bildung nennt! Von diesem Misverständnisse kann ich auch Goethe in seinem Alter nicht freisprechen.


Die heutige Kindererziehung ist eine sentimentale. Es gibt keine Zucht, keinen Gehorsam! Man läßt den Kindern allen Willen statt ihn zu brechen, wie es mein Vater that, der in meiner frühern Jugend strenger gegen mich als gegen meine Geschwister war, weil ich sein Liebling war, was ich freilich erst viel später merkte. Heute schreien die Aeltern ihre Kinder als Genies aus, und sprechen mit ihnen im despectirlichen Tone von ihren Lehrern; sie schreiten gegen jede Bestrafung ein, und steigern dadurch den Trotz der Schüler. Zu meiner Zeit wurde es mehr als die Classenstrafen gefürchtet, wenn den Aeltern Anzeige von einem Schulvergehen gemacht wurde, denn sie straften noch härter als die Lehrer. Der Besuch von Kneipen durch Schüler kam fast gar nicht vor; die wirklich Schlechten kannte und verachtete man. Die meisten Verirrungen unserer Zeit, alle wurmstichigen Redensarten haben zuletzt in der schlechten Erziehung ihren Grund, und die schlecht erzogene Generation wird natürlich ihre eigenen Kinder noch schlechter erziehen. Wie das zu ändern sei bei den heutigen Lebensbedingungen ist freilich schwer zu sagen.