Wenn sich die Gegenbemerkungen des Vaters auf so schlagende Thatsachen gründeten, so ließ sich dagegen nichts sagen; desto weniger überzeugend waren für Ludwig seine dichterischen Urtheile. Nicht nur sein eigener Dichtergenius regte sich, er fing auch an das Verständniß Anderer zu ahnen, deren Anerkennung ihm allmälig zum Lebensbedürfniß wurde. Aber der Vater schien viele gar nicht so anzuerkennen, wie sie es verdienten. Oft war er hart in seinen Urtheilen, und in seinem rücksichtlosen Spotte verletzend. Aus einem tiefen, unabweisbaren Gefühle erwuchsen Ludwig’s Ueberzeugungen. So klar wie der Tag, so sicher wie sein eigenes Dasein stand Manches vor ihm, und dennoch sollte er im Unrechte sein? Nicht ohne Selbstgefühl vertheidigte er daher seine Ansichten gegen den Vater. Er wagte es sogar, diesen bisweilen in Dem zu durchkreuzen, was er sich als Ergebniß seiner Lebenserfahrung ausgebildet hatte. Bei solchen Widersprüchen pflegte der ganze Zorn des Vaters plötzlich aufzulodern.
Bald zeigte sich hier ein Gegensatz der Geister, der schwer auszugleichen schien. Der Sohn war voll Phantasie und neigte zum Gemüths- und Gefühlsleben; der Vater war seiner poetischen Liebhaberei ungeachtet nüchtern und verständig. Immer häufiger trat diese Verschiedenheit hervor. So hatte Ludwig das alte Gesangbuch der Mutter mit seinen Liedern in hohem Grade liebgewonnen, und nahm sie lebhaft in Schutz, wenn der Vater darauf schalt. Diese einfachen und tiefen Klänge ergriffen ihn gewaltig. Ebenso malerisch als rührend schien ihm in jenem Abendliede Paul Gerhard’s die tiefe, schweigende Ruhe der Wälder, die heilige Stille, welche die ganze Welt mit ihrem Schleier bedeckt. Er bot seine ganze Beredtsamkeit auf, um den Vater von der Schönheit dieser alten Lieder zu überzeugen. Warum nicht auch solche Gefühle sich aussprechen dürften, woher man das Recht nehme, sie zu verurtheilen? Solche Versuche hatten in der Regel keine andere Folge, als daß der Vater sie mit steigendem Unwillen abwies. „Du machst dir eine Menge einfältiger Faxen zurecht“, sagte er, „und siehst darüber die Dinge nicht, wie sie sind.“
Indessen ging Ludwig, ohne sich irre machen zu lassen, seines Weges weiter, und nur um so sicherer, als er um diese Zeit einen dichterischen Führer und Freund fand, der ihn durch das Leben begleiten sollte. Dies war Shakspeare.
Seine Theaterlust wurde vielleicht nur noch durch seine Leselust übertroffen. Längst war des Vaters kleine Büchersammlung erschöpft. Kein Buch, das in das Haus kam, war vor ihm sicher. Auch die Leihbibliothek, aus der Manches für die Abendvorlesungen entliehen wurde, genügte kaum mehr. Dann kamen die mehr oder minder ergiebigen Büchervorräthe der Schulgefährten an die Reihe. Mit der Unersättlichkeit des Heißhungers verfolgte er Alles, was in dramatischer oder dialogischer Form geschrieben war. Wo er irgendein unbekanntes Buch witterte, ruhte er nicht eher, als bis er sich seiner bemächtigt und es verschlungen hatte.
Da fiel ihm eines Tages bei einem sonst ziemlich gleichgültigen Schulkameraden ein Theil des Eschenburg’schen „Shakspare“ in die Hand. Es war „Hamlet“. Sogleich eilte er mit seiner Beute nach Hause. Voll Ahnung und gespannter Erwartung konnte er die Ungeduld nicht länger zügeln. Sein Weg führte ihn über den Lustgarten durch eine der Pappelreihen, die denselben damals umschlossen. Es war ein nebeliger Abend im Spätherbste; ein feiner, durchdringender Schlagregen begann soeben zu fallen. Unter den Bäumen glommen einige kümmerliche Oellaternen. Ludwig trat hinzu. In dem matten, unsichern Schimmer wollte er wenigstens das Personenverzeichniß ansehen. Kaum hatte er einen Blick in das Buch geworfen, als er sich auch schon gefesselt fühlte. Die nächtliche Scene, die ersten Reden der Wachen, das Erscheinen des Geistes, Alles erfüllte ihn mit zauberischem Grausen und doch mit unendlichem Entzücken. Er fühlte nichts von dem Herbstwinde, der ihm den Regen entgegentrieb, nicht daß er Schirm und Buch unbewußt im Gleichgewicht erhalten mußte, nicht daß er auf feuchtem Laube stand. Er sah und hörte nur Hamlet. Er las und las; erst mit dem Todtenmarsche hörte er auf. Durchnäßt, an Händen und Füßen erstarrt, fand er sich wieder. Er war nicht zu Helsingör; aber aus der Tiefe der Vergangenheit war auch ihm ein Geist wiedergekommen, größer und gewaltiger als die Majestät des ermordeten Dänemark, der zu ihm gesprochen hatte; er hatte in nächtlicher Stunde den Ruf des Geistes vernommen. Jetzt endlich eilte er nach Hause, nicht ohne Ahnung einer irdischen väterlichen Zurechtweisung. Aber was waren ihm alle Befürchtungen im Vergleich mit der Erscheinung, die er heute gehabt hatte!
Nun wurde Shakspeare sein Losungswort. Von allen Seiten wurden einzelne Bände von Freunden zusammengeborgt, von Antiquaren aufgekauft. Unwillig folgte der Vater dieser neuen Wendung der jugendlichen Begeisterung. Er war ein Bewunderer Goethe’s, aber gegen Shakspeare war er sehr mistrauisch. Wie fast das ganze ältere Geschlecht sah er in ihm ein wildes, halbbarbarisches Genie, fand seine Trauerspiele roh und blutig, seine Späße abgeschmackt, das Ganze unverständlich und verworren. Eines Tages traf er den Sohn wiederum in ein Buch vertieft. Er beugte sich über seine Schulter nieder. Es war Shakspeare’s „Maß für Maß“. Aergerlich brach er in die Worte aus: „Nun ja, das hat noch gerade gefehlt, um dich vollends verrückt zu machen!“ Ludwig sprang von seinem Sitze auf und erwiderte schnell gefaßt: „Erlauben Sie, lieber Vater, gerade so, wie es hier ist, habe ich mir immer gedacht, müsse ein Gedicht geschrieben werden. Das ist es, was ich lange gesucht habe.“ Barsch erwiderte der Vater: „Ach, du bist und bleibst ein dummer Junge!“
Zu Shakspeare gesellten sich ungefähr um dieselbe Zeit zwei andere Geister, die kaum eine geringere Bedeutung für ihn gewinnen sollten, Cervantes und Holberg, die Gefährten seiner heitersten Stunden. Jener trat Shakspeare unmittelbar an die Seite. Eines Mittags aus der Schule heimkehrend, fand Ludwig die Bertuch’sche Uebersetzung des „Don Quixote“ in der Wohnstube auf dem Fensterbret liegen. Mehr zufällig als absichtlich war sie aus der Leihbibliothek entliehen. Er griff nach dem Buche, ohne von dem Titel und dem Namen des Verfassers je gehört zu haben. Auch hier entschied der erste Blick. Stehenden Fußes begann er zu blättern, zu lesen. Die Lustigkeit dieser sonderbaren Gestalten, ihre Abenteuer, die Schlagwörter Sancho’s ergötzten ihn unendlich. Auch Dergleichen hatte er noch nicht gehört. Er konnte das Buch nicht wieder aus der Hand legen. Um seine Lesegier sogleich zu stillen, nahm er seine Zuflucht zu einer beliebten Schullist. Unter dem Vorgeben einer starken Migräne, von welcher er ab und zu befallen wurde, erklärte er es für unmöglich, Nachmittags die Lehrstunden zu besuchen, und warf sich auf sein Bett, um ungestört den Ritterzügen des sinnreichen Junkers von La Mancha zu folgen. Da trat unerwartet der Vater ein. „Mein Sohn“, sagte er, „das hast du nicht gut gemacht. Solche Kopfschmerzen werden durch Lesen nur schlimmer. Gib das Buch her, und bleib ruhig in deinem Bette liegen.“ Mit betrübter Miene sah er den Schatz seinen Händen entrissen, und sich selbst zum Bette verurtheilt. Doch die Freundschaft mit Cervantes war fürs Leben geschlossen, und wirkungslos gingen die spöttischen Bemerkungen des Vaters vorüber, der auch hier nicht begreifen konnte, wie es möglich sei, an diesen Thorheiten Gefallen zu finden, und kopfschüttelnd sagte: „Wenn du so fortfährst, wirst du als ein Narr und verdrehter Mensch durchs Leben laufen.“
Holberg verdankte Ludwig abermals einem Schulgefährten, in dessen Familie er viele ausgesuchte und schön eingebundene Bücher gefunden hatte. Von diesen Kostbarkeiten durfte er Manches entleihen, ja man verstattete ihm sogar, die Schränke selbst zu durchstöbern. Mitten unter den zierlichen Bänden fand er einige sehr übel aussehende. Es war die alte Uebersetzung von Holberg’s Lustspielen. Auch hier fühlte er sogleich dem gleichartigen Geiste begegnet zu sein, und auch diesen Freund hielt er fest. Auf seine Frage, was das für ein herrliches Buch sei, antwortete der Schulgenosse: „Es ist eine nichtswürdige Scharteke, die zufällig hier hineingerathen ist. Macht Ihnen das Ding Spaß, so wird es Ihnen mein Schwager nicht nur leihen, sondern auch gern schenken.“ Welche Fundgrube von guten Späßen hatte Ludwig hier nicht entdeckt! Es war nicht die kindische Freude an diesen, jener sonderbare und launige Geist des Humors, der oft die muthwilligsten Sprünge machte, war längst in ihm erwacht, und schaute oft schelmisch aus seinen Reden und Handlungen hervor.
Der Genius hatte ihn zu den größten verwandten Geistern der Vergangenheit und Gegenwart hingeleitet. Der Bund mit Goethe, Shakspeare und Cervantes war für das Leben geschlossen. Und war es nicht eine verheißungsvolle Weihe des Jüngers, wenn sie seine Führer zum Garten der Poesie wurden?