5. Ein hoffnungsvoller junger Mensch.

Unter solchen Anregungen und den wiederholten Versuchen, seine noch unklaren Empfindungen Andern begreiflich zu machen, hatte er sich allmälig eine gewisse Mündigkeit gewonnen, die immer zuversichtlicher hervortrat. Er war den mittlern Schulkreisen entwachsen. An die Stelle des wunderlichen Subrector Stilke und des Prorector Pleßmann, welcher durch seine unbedachten Aeußerungen im Geschmack der irischen Bulls zur Zielscheibe des allgemeinen Schulwitzes geworden war, traten andere Lehrer, die anregender wirkten, vor Allen Gedike selbst.

Es war ein bedeutender Abschnitt in diesem Stillleben, als Ludwig im Jahre 1788, funfzehn Jahre alt, in die oberste Classe des Gymnasiums, die sogenannte Prima, hinaufrückte. Hier hörte die geringschätzige Anrede mit „Er“ auf; sie wurde durch das rücksichtvollere „Sie“ ersetzt. Nur Gedike wandte diese höflichere Form ungern an. Sie schien mit seiner Würde unvereinbar, und er suchte sich damit zu helfen, daß er zu dem Angeredeten wie von einer dritten Person sprach. Auch genoß man sonst mancher Vergünstigung. Man erschien mit dem Stocke in der Hand, kam auch wol gestiefelt und gespornt in das Lehrzimmer. Genug, die Kinderschuhe waren ausgezogen, und nicht ohne hohes Selbstgefühl faltete man das Gesicht zu männlichem Ernste. Denn man war ja ein hoffnungsvoller junger Mensch geworden, der sich für die tiefern Studien der Wissenschaft vorbereitete. In Allem herrschte größere Freiheit, und selten griffen die Lehrer mehr ein, als unbedingt nothwendig war.

Wichtig war es, daß man nun auch den Herrn Rath, das war Gedike’s amtlicher Schultitel, von einer mildern Seite kennen lernte. Hatte man ihn früher nur als Donnerer gesehen und gehört, so war er jetzt Lehrer und Führer im innersten Heiligthume. In den obersten Classen ertheilte er eine Reihe von Lehrstunden, in denen er einen griechischen Dichter oder Geschichtschreiber erklärte, Uebungen in freier Rede anstellte, und auf die allgemeine Durchbildung seiner Zöglinge hinzuwirken suchte. Und hier erschien er doch als eine bedeutende, in hohem Grade anregende Persönlichkeit. Man fühlte seine überwiegende Kraft, die bei allen Sonderbarkeiten auch den Widerstrebenden zur Anerkennung zwang. Seine Aeußerungen waren scharf, entschieden und zutreffend. Was er that und sagte, prägte sich bis in die kleinsten Züge seiner Schüler für die Lebenszeit ein. War er bisweilen rauh, ja hart und ungerecht, so hatte er auch Augenblicke, in denen er vom Kothurn herabstieg. Wie ein alter Löwe ließ er dann in halb humoristischer, überdreister Weise fast mit sich spielen. Doch nichts machte einen tiefern Eindruck, als wenn Gefühlserschütterungen den starken Mann unerwartet überkamen, und gegen seinen Willen den Damm steifer Haltung durchbrachen. Er, der sonst so abgemessen, war dann weich und liebenswürdig. Als er den Schülern einst Engel’s „Traum des Galilei“ vorlas, überwältigte ihn die steigende Rührung, seine Stimme schwankte; nur mit Mühe konnte er die Vorlesung zu Ende führen. In solchen Augenblicken söhnte man sich mit seinen Härten aus.

Ludwig wagte in diesen freien Gebieten mit seinen eigenen Gedanken mehr ans Licht zu treten, und streifte die letzten Wahrzeichen kindischer Unreife ab. Zu den schwersten Prüfungen des Schullebens gehörten für ihn die sogenannten deutschen Aufsätze. Unbefangen schrieb er zu Hause seine Verse und Komödien, sie gingen ihm trefflich von der Hand; aber jene deutschen Abhandlungen, die nach einer Aufgabe des Lehrers gearbeitet wurden, blieben für ihn, wie für viele seiner Genossen, lange Zeit ein Gegenstand des Schreckens und eine reiche Quelle geistiger Martern. Die Anforderungen schienen so unerschwinglich, seine eigenen Kräfte so gering. Er hatte nicht den Muth, sich dem Zuge seines Geistes zu überlassen, und in kindischer Angst, die etwas von sittlicher Scheu hatte, hütete er seine innersten Gedanken wie einen verborgenen Schatz. Sie erschienen ihm bald zu erhaben, bald zu kindisch, um sie preisgeben zu können.

In diesen Nöthen nahm er seine Zuflucht zum Vater. Der verständige und gutmüthige Mann ließ sich auch in der Regel bereit finden, die Arbeit bei Seite zu legen, um mit dem Sohne deutsche Aufsätze zu schmieden. In seiner Weise zog er sich aus dem Handel. Meistens kleidete er den gegebenen Satz in einen Brief ein, und im Geschmacke der moralischen Wochenschriften begann er gut bürgerlich mit den Worten: „Werthgeschätzter Freund! Sie haben gewünscht, meine Gedanken über die Nachtheile und Vortheile des Kriegs kennen zu lernen, ich theile Ihnen dieselben in diesen Zeilen in der Kürze mit.“ Diesmal sollten Gedanken über die Einsamkeit niedergeschrieben werden. In seiner gewohnten Weise hob der Vater an. Plötzlich unterbrach er sich mitten im Satze: „Was weiß ich von der Einsamkeit! Was für Gedanken soll ich auch darüber haben? Ich habe immer mit Menschen gelebt und verkehrt. Der dumme Junge schreibt nichts als Verse und Komödien und anderes thörichtes Zeug, und nun weiß er nicht einmal etwas über die Einsamkeit zu sagen. Mach’ deine Geschichten allein, und laß mich ungeschoren!“ Damit wandte er sich um.

Bestürzt blieb Ludwig zurück; er glaubte sich verloren. Aber was half es? Bis zum andern Morgen mußten die Gedanken über die Einsamkeit herbeigeschafft werden. Voll verzweifelten Muthes legte er allein Hand ans Werk. Die Angst entfesselte seine Kräfte, er überließ sich den Bildern seiner Phantasie, und die steife Abhandlung gestaltete sich unwillkürlich zu einer kleinen Erzählung. Er schilderte einen Edelmann, der sich im Winter auf sein neugekauftes Landgut begibt, und in der erstarrten Natur in tiefer Abgeschiedenheit lebt. Der Frühling erwacht und verleiht der Einsamkeit hellere Farben und heitere Züge, und glücklich im Genusse einer friedlichen Natur durchlebt jener Mann auf seiner Scholle Sommer und Herbst. In diesen Naturbildern waren die Gedanken über die Einsamkeit lebendig geworden. Mit Zittern sah Ludwig dem Urtheile entgegen. Die Verdammung seines Machwerks stand ihm als unausweichliches Verhängniß fest. Endlich erschien die schwere Stunde. Seine Arbeit wurde für die Letzt verspart; offenbar sollte ein abschreckendes Beispiel für alle Schwachmatiker aufgestellt werden. Mit steigendem Herzklopfen vernahm er endlich die Worte des Lehrers: „Ich habe hier noch eine Arbeit von ganz besonderer Art.“ Er war auf das Schrecklichste gefaßt. Doch wie staunte er, als er seine Erzählung über alles Erwarten gut, ja musterhaft nennen hörte. Eine schwere Last fiel von seinem Herzen; er war vor sich selbst gerechtfertigt.

Jetzt verwandelte sich die kindische Zaghaftigkeit in spielende Keckheit und Uebermuth. Mit der kühnen Sicherheit des Gelingens war er in jedem Augenblick bereit, was er irgend dachte und fühlte auf das Papier zu werfen. Seine Gabe phantasievoller Auffassung und Darstellung fand Anerkennung, und bald wurde er der allgemeine Helfer in der Noth. In den tausendfachen Aengsten und Plagen der Aufsätze und freien Reden sollte er helfen, rathen, Pläne und Entwürfe, ja ganze Abhandlungen und Reden machen. Selten ließ er sich lange bitten. Zu seiner Gutmüthigkeit gesellte sich die übermüthige Lust, die Lehrer irrezuführen und in immer neuer Gestalt vor ihnen zu erscheinen. In Zwischenminuten und Freistunden war er bereit, seine Gedanken frischweg niederzuschreiben für Andere, denen schon die Zumuthung, überhaupt Gedanken haben zu sollen, schmerzliches Kopfweh verursachte. In Zeiten dringender Noth lernte der Tagesredner in der Nacht vorher Seite für Seite auswendig, was soeben aus Ludwig’s Feder geflossen war, und hatte dann wol, wenn er im entscheidenden Augenblicke vor Gedike’s Richterstuhl stand und die Versammlung feierlich anreden sollte, Alles vergessen, was er seinem harten Kopfe mit Mühe aufgenöthigt hatte.

Zuweilen spielte Ludwig selbst die schadenfrohe Rolle des Zufalls. In eine Schulrede, die er ebenfalls für einen minder schlagfertigen Genossen gearbeitet hatte, ließ er einen starken Anachronismus einfließen. Zu allgemeinstem Beifalle wurde die Rede gehalten. Der Richter erklärte sich befriedigt; die Schüler wurden aufgefordert, ihre Einwürfe vorzutragen. Von jenem Anachronismus war keine Rede. Mit vollster Anerkennung der trefflichen Rede erlaubte sich Ludwig, bescheiden darauf hinzudeuten. Unwillig wies ihn Gedike zurück. „Ich habe den Anachronismus auch bemerkt, aber bei solchen Leistungen hängt man sich nicht an Kleinigkeiten. Tieck mag erst eine solche Rede halten, dann kann er sie so kritisiren!“ Mit schweigender Ironie gab Ludwig zu, er freilich könne eine solche Rede nicht zu Stande bringen.

Solche Aeußerungen und manches kecke Urtheil, welches er sich über die Gegenstände des Unterrichts erlaubte, wenn er z. B. den Virgil für einen Manieristen erklärte, brachte ihn mit der Zeit in den Ruf eines eigensinnigen Sonderlings, der ein Gelüste habe, die Lehrer zu durchkreuzen und durch wunderliche Meinungen irrezuführen. In vielen Fällen hielt man für Eitelkeit, was nur eine unbewußte Kundgebung der eigensten Natur war, die man nicht zu fassen wußte. Spielend hatte er sich die Masse stofflichen Wissens angeeignet, die den minder Fähigen nach einem folgerechten Lehrgange beigebracht werden mußte. Dieser aber langweilte und ärgerte ihn. Es war ihm verdrießlich, zu sehen, wie die große Mehrzahl seiner Schulgenossen die Worte des Lehrers so lange nachsprachen, bis sie den Sinn derselben begriffen zu haben wähnten. Noch ärgerlicher waren ihm die Begabteren, welche mit Beflissenheit ihre eigene Ueberzeugung verbargen, um sich durch ein gläubiges Annehmen der Lehrsätze in Gunst zu setzen. Jenes schien ihm einfältig, dieses verächtlich. Auf keine Weise aber konnte er sich selbst dem hergebrachten Verfahren anbequemen. Er hielt es für äußerlich, geistlos, ja tyrannisch. Nicht nach einem allgemeinen stehenden Grundrisse können Leben und Bildung mitgetheilt werden, nur aus der innersten Natur des Einzelnen gehen sie hervor. An sich selbst muß der Mensch die Dinge erleben, an sich selbst ihr Wesen und ihre Einwirkung erfahren, sie zu seinem Eigenthume machen. Nur was man innerlich erlebt hat, lernt und weiß man in Wahrheit; dies allein steht fest für alle Zeiten und führt zur rechten Bildung. Leeres Nachbeten kann nur eine erheuchelte, falsche Bildung geben, welche den Geist ertödtet, während sie ihn zu wecken vorgibt.