Diese und ähnliche Gedanken bildeten sich bei ihm zu einer immer klarern Ueberzeugung aus. Freilich galt dies bald für ketzerisch, und mußte einer Schulweisheit gegenüber doppelt anstößig sein, die in ihrem Aufklärungsstolze meinte, das Geheimniß der Bildung entdeckt zu haben, und durch unfehlbare Mittel dazu zwingen wollte.

Aber er besaß für die Schwächen der Lehrer ein schärferes Auge als seine Mitschüler. Schnell faßte er sie auf und in vorwitzigem Humor spielte er mit ihnen. Schon war ihm der Herr Rath keine über allem Zweifel stehende Macht mehr. Gedike’s hochgespannte Würde, sein steifer Ernst, dessen die kleinen menschlichen Schwächen zu spotten schienen, machte einen komischen Eindruck auf ihn. Mit seinem dichterischen Geschmacke und ästhetischen Urtheilen war er längst nicht mehr einverstanden. Es ging ihm in der Schule wie mit den Ansichten seines Vaters. Oft wurde das wahrhaft dichterisch Empfundene und Ausgesprochene gewöhnlich gescholten, um das in der That Gewöhnliche für Poesie zu erklären. Bei dem Lesen der griechischen Tragiker wollte ihm weder aus den allgemeinern Versicherungen und Anpreisungen der edeln Simplicität der Alten, und noch weniger aus der trockenen Weise, in der man sie behandelte, ihre Größe und Erhabenheit einleuchten. Stets hörte er in unbedingtem Tone davon reden, und doch wußte man nicht anschaulich oder fühlbar zu machen, worin diese eigentlich bestehe. Denn einzelne schöne Züge, die ihn wirklich tief ergriffen, wollte man als solche nicht anerkennen, oder schien sie nicht hinreichend zu würdigen.

In diesem Sinne trat er einmal als Vertheidiger des Aeschylus gegen Gedike’s ästhetische Kritik auf. Man las den „Gefesselten Prometheus“. Es wurde jener Monolog besprochen, in dem der gefesselte Titan den heiligen Aether, die Winde und Ströme und das ruhelose Lachen der Meereswellen zu Zeugen seines Leidens anruft. Gedike schloß die Erklärung damit ab, daß diese Anrufung des lachenden Meeres undichterisch, ja geschmacklos sei. Ludwig wollte darin gerade im Gegentheil eine dichterische, tiefe Naturanschauung eines großen Geistes finden, und wies zugleich auf die sinnlich anschauliche Malerei hin, die in diesem Verse liege. Abermals unterbrach ihn Gedike mit den Worten: „Unser Tieck will Alles besser wissen, selbst als die gelehrten Commentatoren. Er muß immer etwas Apartes haben!“

Tiefer, bis zum Gefühle schmerzlichster Kränkung empfand Ludwig andere Misverständnisse, die er umsoweniger begreifen konnte, als er in bester Ueberzeugung seine innersten Gedanken ausgesprochen hatte.

Einer der beliebtesten Lehrer war der Conrector Weißer. Der einfache, natürliche Ton, den er anschlug, die ungezwungene Freundlichkeit, mit welcher er auf die Gedanken der Schüler einging und ihr Herz zu öffnen wußte, wirkte auf diese wohlthuend und gewinnend, während Gedike’s befehlende Strenge sie auf ihre Grenzen zurückwies. Ursprünglich Theolog, war er ein entschiedener Anhänger der Aufklärung, und stand wegen seines Rationalismus bei manchen Amtsgenossen, auch bei Gedike selbst, nicht im besten Ansehen. Einst hatte er in den deutschen Stunden den Tod des Sokrates zu schildern aufgegeben. Ludwig hatte die Aufgabe in dichterisch darstellender Weise gelöst, und sie zugleich für eine Verherrlichung der griechischen Heroenmythen benutzt. In dem kindlichen und phantasievollen Glauben an ein hohes, gewaltiges Heldengeschlecht, das, wenn auch menschlich geboren und leidend, dennoch in die Götterwelt einzutreten vermag, schien ihm in dichterischem Sinnbilde die Vermittelung zwischen Gott und Mensch angedeutet zu sein. Tiefsinnig hatte der griechische Volksglaube die Nothwendigkeit einer solchen Vermittelung geahnt, während der nüchterne Verstand diese Kluft als eine nicht auszufüllende ansah. Aehnliche Ansichten hatte Ludwig seinem sterbenden Sokrates in den Mund gelegt, und ihn zu jenem Volksglauben sich bekennen lassen.

Weißer war über die Reife und Durchbildung, welche aus dieser Abhandlung sprach, nicht wenig erstaunt. Er erkannte den werdenden Dichter darin, und glaubte sie Gedike mittheilen zu müssen. Dieser wollte sie indeß keineswegs loben und, vielleicht gerade auf Grund jener Empfehlung, sonderbarerweise Spuren des Atheismus darin finden. Bald darauf geschah es, daß Ludwig in einer Lehrstunde, in welcher Gedike mit den Schülern den Plutarch las, zum Erklären des Textes aufgefordert wurde und dabei ziemlich schlecht bestand. Der Schluß der Stunde befreite ihn endlich aus der peinlichen Lage, und Gedike endete seine eindringliche Strafrede mit den Worten: „Nun, wer nicht an Gott glaubt, braucht sich ja auch auf den Plutarch nicht vorzubereiten!“ Dieser Vorwurf, bei dieser Gelegenheit gemacht, wirkte auf Ludwig vernichtend. Seine tiefste Ueberzeugung fühlte er in der ungerechtesten Weise verkannt, und der schneidende Hohn, der sich beigesellte, verletzte ihn bis zur Empörung. Er brach in heftiges Weinen aus. Theilnehmend sprachen ihm die Mitschüler zu, ohne seine leidenschaftliche Bewegung zu begreifen. Endlich sagte er: „Ihr versteht mich nicht! Die persönliche Kränkung, die mir widerfahren ist, könnte ich verschmerzen; daß aber eine solche Roheit möglich sei, habe ich nicht geglaubt.“

Wie auch immer Anerkennung und Misverständniß, Erfolg und Kränkung miteinander wechseln mochten, darin mußten am Ende alle, auch die ungünstigsten Stimmen sich vereinen, daß, wenn Ludwig auch schwer zu leiten sein mochte, man doch ein seltenes, mit sich selbst ringendes Talent vor sich habe, welches seinen Weg suche, und für die Zukunft Großes zu versprechen scheine. Gewiß, wenn irgend Einer den Namen eines hoffnungsvollen jungen Menschen verdiente, den man sonst mit einem gewissen Nachdruck nur sogenannten wohlgesitteten Schülern zu ertheilen pflegte, so war es der funfzehnjährige Ludwig Tieck.

Ein hoffnungsvoller junger Mensch gehörte nicht mehr der Schulstube allein an. Auch das gesellige Leben machte Ansprüche an ihn. Man verlangte nicht allein Kenntnisse, er sollte sie geltend machen können. Er sollte mit Menschen verkehren, gesellschaftliche Kreise betreten, eine Unterhaltung in artigen Wendungen führen, durch gesellige Künste das Seine zur allgemeinen Heiterkeit beitragen, und allen diesen Anforderungen in sichern und zierlichen Formen genügen können. Mit einem Worte, der hoffnungsvolle junge Mensch sollte in die Welt eintreten. Dazu war aber Ausbildung geselliger Eigenschaften, und körperliche Haltung und Gewandtheit unerläßlich.

Auch darauf war der sorgsame und verständige Vater bedacht. Eines Tages fragte er: „Nun, Ludwig, hast du nicht Lust, Musik zu lernen?“ Für einen hoffnungsvollen jungen Menschen war das zuerst nöthig. In der Frage des Vaters schien sich die Aussicht auf Abwechselung, eine angenehme Unterhaltung und manche neue Erfahrung darzubieten. Ohne weiter zu wissen, worauf es ankomme, antwortete er, mit der Geige möge er wol einen Versuch machen. Gesagt, gethan. Ein Musikmeister erschien bald darauf; der Unterricht nahm seinen Anfang. Es war ein guter, stiller und in seiner Kunst sehr tüchtiger Mann, aber der Weg, welchen er einschlug, war der sonderbarste. Sei es, daß er die Langeweile des musikalischen A-b-c scheute, oder daß er eine ungemessene Vorstellung von der Fähigkeit seines Schülers hatte, ohne ihn über Werth und Bedeutung der Noten aufzuklären, legte er ihm in einer der ersten Stunden die bekannte Melodie: „Blühe, liebes Veilchen!“ vor. Er selbst spielte sie so lange ab, bis Ludwig sie mit dem Gehör aufgefaßt hatte und leidlich nachzuspielen vermochte. Mit einigen Griffen, die er nothdürftig erlernt hatte, sollte er sich nun weiterhelfen. Sogleich ging man zu schwerern Stücken über. Da es ihm an allem Verständniß fehlte, auch sein Gehör keineswegs sicher war, so lahmte der Unterricht bald in der kläglichsten Weise. Die Uebungen, das ihm ganz räthselhafte Notenschreiben setzte seine Geduld auf eine harte Probe; das Instrument selbst ward ihm verhaßt. Die dabei nothwendige Haltung des Kopfes kam ihm abgeschmackt vor, die sägende Bewegung der Hand lächerlich, der schrillende Ton der Geige, seinem Ohre so nahe, schnitt ihm durch Mark und Bein. Unwillkürlich verzog er bei gewissen Tönen den Mund grimassenhaft, die sonderbarsten Gesichtsverzerrungen wurden ihm zur Gewohnheit. An eine Beendigung dieser musikalischen Leiden war nicht zu denken, die Kunstübungen waren einmal begonnen, streng mußten sie daher nach dem Willen des Vaters durchgeführt und erduldet werden.