Eines Sonntags, ein Tag, den der Vater durch allerlei häusliche Untersuchungen auszuzeichnen pflegte, wollte er sich auch von den Fortschritten seines Sohnes in der Musik überzeugen. Ludwig sollte vorspielen. Im guten Glauben an das, was er im Schweiße seines Angesichts gelernt hatte, trug er einige beliebte Melodien vor, mit denen er sich am besten abzufinden meinte. Schweigend hatte der Vater zugehört, endlich sagte er: „Mein Sohn, du hast in der That Fortschritte gemacht; freilich nicht im Violinspielen, aber doch im Gesichterschneiden. Wo in aller Welt hast du diese abgeschmackten Fratzen her?“ Zuletzt behauptete er gar, in Folge dieser heillosen Musik heftige Zahnschmerzen bekommen zu haben.

Ludwig hatte sich durch sein Kratzen auf der Geige auch dem Ohre der übrigen Hausbewohner bemerklich gemacht, und bald galt er für einen Violinvirtuosen. In dem obern Stockwerke wohnte der Stadtsecretär Laspeyres, dessen aufwachsende hübsche Tochter als Hausgenossin auch seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Sonntags pflegte sie Besuche einiger jungen Freundinnen zu empfangen, und so erging einmal die Bitte, ob Monsieur Tieck nicht die Güte haben wollte, mit seiner Violine heraufzukommen. Da der Geburtstag der Mademoiselle sei, wünschten die jungen Damen ein Tänzchen zu machen. Gern folgte er dieser schmeichelhaften Einladung.

Die Mutter empfing ihn mit Entschuldigungen und artigen Worten über sein Spiel. Bei diesen hohen Erwartungen wurde ihm schon unheimlich zu Muthe. Mehr noch, als er in vollem Lichterglanze, in dem Kreise der jungen, zierlichen Damen stand, die ihn über sein Spiel, welche Tänze er vorzutragen wisse, auszufragen anfingen. Zagend setzte er seine Geige an, und unter obligatem Gesichterschneiden begann er seine Tänze abzuspielen. Man fand die Manier des jungen Künstlers höchst eigenthümlich. Ohne Takt haspelte er seine Stücke ab, nichts wollte passen. Man wunderte sich, man kicherte, unwillig mußte man den eben begonnenen Tanz aufgeben; er endete mit der vollsten Verwirrung. Endlich dankte man Ludwig für seine Bemühungen und bat ihn, sie einzustellen. Voll Zorn über diese Demüthigung, die ihn in einem so anmuthigen Damenkreise treffen mußte, die Geige und seinen Meister verwünschend, zog er sich still und ohne Geräusch zurück.

Von diesen musikalischen Leiden befreite ihn erst eine spätere Zeit. Er mußte die Schule zweier Meister durchmachen, obgleich es dem Vater nicht entgehen konnte, daß es dem begabten Sohne an jedem Berufe für die Ausübung der Musik und, bisjetzt wenigstens, auch an dem äußern Sinne für dieselbe fehlte. Besser ging es in der ebenfalls unerläßlichen Tanzstunde, in der Haltung und Anstand gelehrt werden sollte. Der Tanzmeister führte Ludwig sogar als einen seiner besten Scholaren vor, wenngleich dieser auch hier das Plagen mit dem Takte unerträglich fand, und die Musik eher für die Feindin als die Begleiterin des Tanzes halten wollte.

Neben diesen gefälligen Künsten kamen die ritterlichen an die Reihe. An die Stelle knabenhafter Raufereien trat auch hier der Unterricht. Ludwig war gesund, kräftig, hoch aufgeschossen. In den sanften, ja weichen Zügen seines Gesichts würde man weder die bedeutende Körperkraft, die er besaß, noch den aufflammenden Muth gesucht haben, mit dem er sie zu Zeiten zur Anwendung brachte. Zuerst leitete ihn das Vergnügen an der Ausbildung seiner Kräfte, dann die bestimmte Absicht, auch in diesen Künsten sich frei und sicher zu bewegen.

Frühzeitig hatte er seine erste Ritterprobe nicht ohne Gefahr bestanden. Auch darin hatte der Vater einen freiern Sinn, daß er hin und wieder einen Philistergaul bestieg, um Ausflüge und kleine Geschäftsreisen in der Umgegend Berlins zu machen. Eines Abends war Ludwig hinausgegangen, den Vater, der mit einem andern Meister von einem benachbarten Städtchen zurückkehrte, am Brandenburger Thore zu erwarten. Zur bestimmten Stunde trafen die beiden Reiter ein. Der Vater stieg von seinem Gaul ab, und da ängstliche Sorge nicht seine Sache war, forderte er den Sohn auf, sich auch im Sattel zu versuchen. Dieser ließ sich das nicht zwei mal sagen, schwang sich kecklich auf, und ohne die nöthigen Anweisungen abzuwarten, begann er das Pferd übermüthig in die Weichen zu stoßen. Der Gaul warf sich mit einem gewaltigen Sprunge herum, in weitem Bogen flog Ludwig’s Hut auf die Erde, und das scheue Thier jagte auf dem Wege nach Charlottenburg an Wagen und Spaziergängern in gestrecktem Laufe vorüber. „Wohin so eilig, junger Herr?“ rief man dem verwegenen Reiter aus einem Wagen zu, an dem er hinstreifte. „Das weiß Gott allein!“ rief er zurück. Endlich auf dem Platze bei den Puppen, wie ihn die Volkssprache wegen der dort aufgestellten Bildsäulen nannte, gelang es einigen hülfreichen Händen, des Thieres Herr zu werden.

Athemlos vor Angst und Eile, keuchten jetzt auch die beiden Meister heran. So rasch als es ihre stattliche Leibesfülle erlaubte, waren sie dem jungen Heißsporn gefolgt. Unsanft riß ihn der Vater vom Gaule herab mit seiner beliebten Anrede: „Du bist und bleibst doch ein dummer Junge! Wie unbesonnen war es, das Pferd so zu reizen! Es konnte dir das Leben kosten!“ Nach diesen ersten wenig ermuthigenden Erfahrungen wurde Ludwig später ein eifriger Kunde der berliner Pferdeverleiher, und bald galt er für einen kühnen und sichern Reiter.

Einige Zeit darauf machte er eine Bekanntschaft, die ihm bei allen Uebungen dieser Art trefflich zu Statten kam, ihm aber auch zugleich einen überraschenden Blick in die tiefern Schatten des Lebens eröffnete. In der Nachbarschaft des Vaterhauses lag ein Soldat von einem der berliner Grenadierregimenter im Quartier. Ludwig hatte ihn häufig an der Thür vorübergehen sehen, und das blasse ausdrucksvolle Gesicht war seiner Aufmerksamkeit nicht entgangen. Die größere Sauberkeit der Uniform, die ganze Haltung verrieth einen Menschen, der offenbar weit über der großen Masse gewöhnlicher Soldaten stand. Weitere Nachforschungen ergaben, es sei ein Gemeiner, der sogenannte Freidienste thue, was schon auf bessere Verhältnisse schließen ließ.

Bei der nächsten günstigen Gelegenheit knüpfte Ludwig ein Gespräch mit dem Grenadier an. Er hieß Daschieri und stammte aus einer gebildeten Familie in Modena. Mit Gewandtheit, geselliger Bildung und manchen Kenntnissen ausgestattet, hatte er als junger Mann den abenteuernden Cavalier gespielt, sich an Badeörtern und Spielbanken aufgehalten, und war schließlich in allerlei ärgerliche Händel verwickelt worden. Ohne Mittel, von Gläubigern verfolgt, fiel er in Strasburg preußischen Werbern in die Hände. Man hatte ihm die Möglichkeit vorgespiegelt, in kurzer Zeit Offizier zu werden, er hatte Handgeld genommen, und war auf das preußische Gebiet abgeführt worden. Jetzt begann die Enttäuschung. Als Gemeiner wurde er in ein Grenadierregiment in Berlin eingereiht, und zu einer Capitulation von sieben Jahren genöthigt. Nun erst war er völlig unglücklich, in einem fremden Lande, abgeschnitten von jeder Verbindung mit den Seinen. Bei einer gewissen Bildung an einen Haufen Menschen gefesselt, der zum Theil der Auswurf der verschiedensten Länder war, körperlichen Anstrengungen und den Mishandlungen roher Unteroffiziere preisgegeben, verfiel er in einen verzehrenden Gram. Aber alles Streuben gegen die eiserne Strenge der Zucht konnte seine Lage nur verschlimmern; er mußte seinen Nacken beugen. Da er sich pünktlich im Dienste, und außerdem still, ordentlich und gewandt zeigte, auch durch kleine Nebenverdienste im Besitz einiges Geldes war, so behandelte man ihn als einen Soldaten besserer Art, und ließ ihm einige Erleichterungen zu Theil werden. Nach Ablauf der Capitulation hoffte er seiner Dienste entlassen zu werden, aber halb mit Ueberredung, halb mit Gewalt hatte man ihn genöthigt sie zu erneuern.

In diesen aufreibenden Leiden fand Daschieri unerwartet in seinem jungen Nachbarn einen warmen und ergebenen Freund, der ihm mit dem vollen Gefühle der Theilnahme entgegenkam. Konnte er von ihm auch keine Hülfe erwarten, so war es doch eine große Erleichterung, in stillen Freistunden sein Herz ausschütten zu dürfen, denn auch Klagen waren streng untersagt, und er hatte doch soviel zu klagen, wie er aus Furcht vor Desertion auf Schritt und Tritt belauert werde, ja nicht einmal nach Hause schreiben dürfe. In minder trüben Stunden wußte er auch manches Anziehende von Ländern und Menschen zu erzählen. Immer vertraulicher verkehrte Ludwig mit dem eigenthümlichen Manne, und beschloß endlich, in den mancherlei nützlichen Künsten, in denen er bewandert war, sein Schüler zu werden. Er lernte die Anfangsgründe des Italienischen von ihm und kam bald so weit, den Tasso lesen zu können. Da sein Lehrer kein ungeschickter Flötenbläser war, so wurde er zu neuen musikalischen Versuchen angeregt, und griff selbst zur Flöte. Mit aller Lust des Jünglings aber ließ er sich in das Waffenhandwerk einweihen. Er lernte das Stichrappier führen, das ihm eine edlere und zierlichere Waffe schien als der Hieber, und ließ sich auch in andern militärischen Handgriffen unterweisen. Dafür wurde dem Lehrer im älterlichem Hause manche Unterstützung und Erleichterung zu Theil.