Endlich war Daschieri’s Capitulation abermals abgelaufen. Jetzt hoffte er befreit zu werden, doch sein Capitän war anderer Meinung. Es kam zwischen Beiden zu einem heftigen Wortwechsel, und Daschieri wurde wegen Widersetzlichkeit zu einer bedeutenden Anzahl von Fuchtelhieben verurtheilt. Er erlag unter der Klinge des Unteroffiziers, und wurde halbtodt in das Lazareth gebracht, wo er heftig erkrankte. Ludwig und der Vater waren von diesem neuen Misgeschick tief ergriffen. Soweit es erlaubt war, suchte man die Lage des Unglücklichen zu erleichtern. Ludwig besuchte ihn und saß tröstend und unterhaltend an seinem Bette. Endlich hörte auch dies auf. Daschieri verfiel in eine Frieselkrankheit; bald darauf starb er.
Es war ein Ereigniß, welches Ludwig auf das tiefste erschütterte. Was er hier als unmittelbarer Zeuge gehört, gesehen, erlebt hatte, warf einen breiten, dunkeln Schatten auf sein so empfängliches Gemüth, auf seine rege Phantasie, auf das Leben selbst. Solche Erfahrungen dienten dazu, in seiner Seele schwermüthige Betrachtungen vollends heraufzuführen, die wie ferne Gewitterwolken am Himmel des Jugendlebens hingen. Wie verhaßt erschien ihm jetzt das Soldatenwesen, dessen glänzende Außenseite er bisher knabenhaft angestaunt hatte; wie tyrannisch diese eiserne Ordnung, die jeden Willen mit unerbittlicher Strenge zerbrach; wie todt und nüchtern dieses tägliche Herumdrehen im Kreise einförmiger Thätigkeit! Wie hatte er sich dagegen gewöhnt, in freiester Ungebundenheit nach Laune und Willkür sich zu bewegen, nur auf Das zu horchen, was sein Genius ihm zuflüsterte, nur die Bilder zu sehen, die seine Phantasie ihm vorzauberte.
Manche andere Erlebnisse steigerten noch diesen Widerwillen. Wenn er in der Abendstunde die Stadt verlassen wollte, hatte man ihn am Thore angehalten und genöthigt, sich auszuweisen. Man sah in dem schlanken Primaner einen jugendlichen Rekruten, der in Civilkleidern desertiren wolle. Beleidigend wurden für ihn die übermüthigen Reden junger Offiziere, mit denen er bisweilen in dem Italienerladen von Sala Unter den Linden zusammentraf. Da hieß es in den Stunden der Parade: „Die Kerle draußen haben lange genug Ruhe gehabt; wir wollen ihnen mit der Fuchtel Motion machen.“ Alle diese Erfahrungen ließen einen tiefen Eindruck für Ludwig’s Leben zurück. Niemals hat er sich mit dem militärischen Wesen auszusöhnen vermocht.
6. Jugendgefährten.
Es war eine schöne, ahnungsvolle Zeit, als der Knabe zum Jüngling ward. Noch sah er halb träumerisch in das Leben hinein, das vor ihm lag wie eine Morgenlandschaft, über welcher die Sonne golden und funkelnd aufgegangen ist. Durch die zerreißenden Nebelschleier öffneten sich helle Blicke in die Tiefen der Ferne, und die fremdartigen Schatten der Wolkenstreifen, welche in wechselnden Lichtern und Farben darüber hingleiten, lassen sie noch wunderbarer und lockender erscheinen. Indem sich das Knabenauge diesem Anblicke erschloß, war er selbst ein Anderer geworden. Wie regten sich seine geheimsten Kräfte, und die Quellen seiner Gefühle und Phantasien drängten sprudelnd zu Tage empor. Tausendfach stiegen unbekannte Gedanken und Empfindungen in ihm auf; Sehnsucht und Zuversicht, Zweifel und Hoffnung, Trauer und Freude durchkreuzten sich in seiner Seele. Er war wie ein junger Baum, über den der erste warme Frühlingshauch hingeht, und dessen gährender Saft sich durch alle Adern und Zweige ergießt und zu vollen Knospen emporschwillt.
Sein Herz war zum Ueberfließen voll. Er hatte soviel zu sagen von seinen Träumen und Ahnungen, von seinen Gefühlen, die ihn selig machten und ängstigten zugleich. Er dürstete nach Freundschaft. Mit der Kraft leidenschaftlichen Wollens suchte er ein Herz, in welches er das seine ganz ausschütten könne. Vor dem strengen Vater zitterte er, seine Geschwister sahen zu ihm hinauf, und fremd standen ihm seine Lehrer gegenüber. Sie Alle dachten, fühlten anders als er. Er wollte ein Herz, das mit dem seinen in gleichem Pulse schlage, das ihn verstehe, das seiner Liebe und Freundschaft ausschließlich lebe, das er sein Eigenthum nennen könne.
Schon früher war Ludwig auf einen seiner Mitschüler aufmerksam geworden, der um diese Zeit einen ihm selbst räthselhaft anziehenden Eindruck auf ihn machte. Dies war Friedrich Heinrich Bothe aus Berlin, eben jener, welchem er die Bekanntschaft mit Holberg’s Lustspielen verdankte. Mit Eifer und Erfolg hatte sich Bothe auf das Studium der alten Sprachen und Literatur geworfen; schon damals nahm er, dem Anstoße Gedike’s folgend, eine philologische Richtung. Er war fähig und nicht ohne Geschmack und Sinn für die sprachliche Seite der Poesie; den Versuchen, welche er gemacht hatte, fehlte die Anerkennung der Lehrer nicht. Auch besaß er ein angenehmes Aeußere. Aber das Bewußtsein seines Strebens und der Ernst, mit welchem er zu Werke ging, gab ihm eine etwas steife Haltung, und nicht ohne Altklugheit fand er die männliche Würde in einem kalten, abgemessenen Wesen. Ludwig, stets leidenschaftlich bewegt, war unendlich verschieden von ihm. Aber gerade auf ihn fiel der vollste und heißeste Strahl seiner Freundschaft. Er sah die natürlichen Einseitigkeiten dieses Geistes nicht, und ohne es zu ahnen, stattete er ihn mit allen Vorzügen eines Ideals aus, welches ihm seine eigene dichtende Phantasie vorgebildet hatte. Bothe war in seinen Augen der begabteste, liebenswürdigste Jüngling; nur er war würdig, ihm seine Gedanken und Empfindungen mitzutheilen, nur er sollte und durfte sein Freund sein.
Mit überschwänglichem Gefühlssturm hatte er dem Auserwählten das innige „Du“ angetragen, welches den Seelenbund besiegeln sollte. Doch wie bestürzt war er, als Bothe den schwärmerischen Antrag mit der kühlsten Ruhe aufnahm, zuerst ausweichend antwortete und ihn endlich geradezu ablehnte. Er begriff diese verzehrende Glut nicht, welche sich plötzlich auf ihn warf, denn er fand bei sich selbst nichts, was jenen Gefühlen entsprochen hätte. Er verstand die tiefe Natur nicht, der es ein Bedürfniß war, von ihren Schätzen mitzutheilen, und endete damit, Ludwig’s Benehmen sonderbar und unerklärlich zu finden. Diese Entdeckungen machten Ludwig in einem hohen Grade unglücklich. Er hatte nicht anders denken können, als so stürmische Liebe müsse Erwiderung finden, jener müsse sich ebenso sympathetisch bewegt fühlen. Er begann an sich selbst irre zu werden, und doch zog es ihn mit der Gewalt eines geheimen Zaubers zu seinem spröden Gefährten hin. Aber je dringender er ward, desto kälter, abweisender zeigte sich jener. Ein brennend heißer Schmerz durchbohrte seine Seele. Er sah sich verkannt, das Beste, was er geben konnte, verschmäht. Eine bittere Selbstverachtung bemächtigte sich seiner. Wie niedrig mußte er nicht stehen, wenn ein so hochbegabter Jüngling ihn mit voller Absicht verwerfen konnte! Die leidenschaftlichsten Auftritte erfolgten. Schmerz, Zorn, Wuth arbeiteten in seiner Seele. Oft brach er in Thränen aus, er bat, flehte, beschwor. Umsonst! Jener blieb altklug, kalt und verschlossen.