Zwar wurde der literarische Verkehr nicht abgebrochen, ja sogar zu Spaziergängen und kleinen Wanderungen ließ sich der Gefährte bereit finden, aber überall blieb er sich gleich. Ein längeres Beisammensein machte ihn nicht vertraulicher, und manche Entbehrungen und Abenteuer, die sie miteinander theilten, öffneten sein Herz nicht. In den Ferien pflegte Ludwig seine mütterlichen Verwandten zu besuchen. Ein Bruder seiner Mutter war Schmiedemeister in Golzow bei Brandenburg, und auch in Lehnin hatte man Freunde und Bekannte. Auf einer solchen Ferienreise geschah es, daß die Gefährten sich in den Haiden hinter Potsdam verirrten. Sie glaubten im heimischen Sande verschmachten zu müssen, bis sie nach manchen Irrfahrten nach Potsdam zurückkamen, von wo sie ausgegangen waren.

Endlich mußte sich Ludwig mit Schmerzen überzeugen, sein stürmisches Liebeswerben sei vergeblich. Er verfiel in Trübsinn, in Schwermuth. Er, sonst so frisch und heiter, ward finster, wortkarg und gleichgültig gegen das Zureden der Aeltern und Geschwister; sein sonst so offener Sinn schien für die Außenwelt verschlossen. Neue heftige Ausbrüche der Leidenschaft rissen ihn aus dieser Abspannung empor, um ihn dann nur tiefer versinken zu lassen. In gewohnter Weise hatte er den feindseligen Freund eines Nachmittags auf dem Heimwege aus der Schule begleitet. Abermals hatte er ihn mit vergeblichen Bitten bestürmt. Da ergriff ihn eine verzweifelte Wuth; er war sich selbst zur Last, zum Ueberdrusse. In diesem Augenblick gingen sie über die Gertraudtenbrücke. Ludwig durchzuckte ein Gedanke. Er wollte das verhaßte Leben von sich werfen, sich vor den Augen des Freundes in das Wasser stürzen. Sein Tod sollte das felsenharte Herz rühren und ihn überzeugen, wie sehr er ihn geliebt habe. Er trat an den Rand der Brücke, und verzweifelt und kindisch zugleich stieß er einen schweren Stein, welcher dort als Brückenbeschwerer lag, in den Fluß. Mit großem Geräusch stürzte der Stein hinab. Aber ohne den Kopf zu wenden, ging der Andere seines Wegs weiter. Ludwig’s Zorn über diese neue Härte steigerte sich zum Ingrimm. Er stürzte dem Freunde nach und ereilte ihn auf dem Dönhoffsplatze. Die Stimme versagte ihm vor innerer Bewegung. Endlich rief er: „So, jetzt habe ich Sie erkannt! Ist das auch nur menschlich gehandelt? Was würden Sie denn gethan haben, wenn ich mich nun wirklich in das Wasser gestürzt hätte?“ „Ich würde Sie unaussprechlich verachtet haben“, erwiderte jener ruhig. Ludwig verstummte, und ging weinend nach Hause.

Aber er täuschte sich. Er hatte keineswegs den störrischen Freund erkannt, und noch Manches sollte er leiden, ehe er zur wirklichen Erkenntniß kam. In seinem Zimmer hatten sich die leidenschaftlichen, nie zu schlichtenden Kämpfe zwischen dichterischer Täuschung und altkluger Verständigkeit wiederholt. Erschöpft war er endlich auf das Bett gesunken, und während Bothe gleichgültig neben demselben saß, in einen tiefen Schlaf verfallen. Diesen Augenblick benutzte der Ungetreue, um sich in der Stille zu entfernen. Als Ludwig nach einiger Zeit erwachte, und sich auch um den Abschied betrogen sah, packte ihn eine wildere Wuth als jemals. In einer Art von Raserei sprang er empor, er schlug um sich, er zertrümmerte die Fensterscheiben, und zerbrach was ihm unter die Hände kam. Ermattet stürzte er endlich unter krampfhaftem Schluchzen wieder auf das Bett, und begrub sein Gesicht in die Kissen. Mit Schrecken sah die herbeieilende Mutter die Verwüstung, welche er angerichtet hatte. Ihr erster Gedanke war das Strafgericht, das hereinbrechen mußte, sobald der Vater nach Hause kam. Beschwichtigend redete sie dem Sohne zu; er ward stiller, an die Stelle des Zorns trat die Furcht. Als der Vater zurückkehrte, hörte er den Bericht über den sonderbaren Vorfall schweigend an. Er schalt nicht, er strafte nicht, er hieß Ludwig zu Bette gehen und ausschlafen.

Zagend trat er am andern Morgen vor den Vater. Ohne des angerichteten Schadens mit einem Worte zu gedenken, sagte dieser ruhig, doch mit tiefem Ernst zu ihm: „Ich sehe, du erwartest Strafe. Auch hast du sie hinreichend verdient, doch soll sie dir diesmal erlassen sein. Aber nun bitte ich dich, besinne dich! Wohin ist es mit dir gekommen? Du bist ein anderer Mensch geworden! Du zeigst dich nichtachtend gegen deine Aeltern, vernachlässigst deine Geschwister, und bist gleichgültig gegen unsere Liebe. Und das Alles, weil du einen Menschen mit deiner Liebe verfolgst, der von dir nichts wissen will! Siehst du denn nicht, daß du ihm nichts bist? Er hat kein Herz für dich, er begreift nicht einmal deine Liebe zu ihm! Und wohin wird dich diese Leidenschaft und blinde Wuth noch führen? Ich fürchte, sie wird einmal sehr unglücklich machen!“

So mild, so überzeugend hatte Ludwig den strengen Vater noch nicht sprechen hören. Diesen Ton kannte er kaum an ihm. Und gerade bei dieser Veranlassung verfehlte er seinen Eindruck am wenigsten. Er war tief erschüttert; er fühlte die Wahrheit der väterlichen Worte, und kam allmälig zur Besinnung. Endlich sollte er diese Bande ganz sprengen.

Wiederum hatten die Genossen eine gemeinsame Fußreise unternommen. Soeben hatten sie Brandenburg verlassen, als Bothe plötzlich erklärte, er müsse noch einmal dahin zurückkehren, und zwar allein. Dessen ungeachtet trug Ludwig in dringender Weise seine Begleitung an. „Ich kann Sie nicht brauchen“, erwiderte jener kalt, „und werde allein gehen!“ Nochmals flammte die ganze Leidenschaft auf. Weinend und beschwörend, ihm wenigstens Gründe für diesen unerwarteten Entschluß anzugeben, ging er eine Zeit lang neben Bothe her. Da dieser schweigend seinen Weg verfolgte, so riß seine Geduld, und plötzlich schien die Liebe in Haß umzuschlagen. „So geh’ denn, dummer Junge!“ rief er trotzig. Aber schon in demselben Augenblicke ergriff ihn Schrecken über die Lästerung, die er auszustoßen gewagt hatte. Er wollte den Gekränkten um Verzeihung bitten, aber dieser ging ohne auf die Schmähung zu achten weiter. Beschämt blieb Ludwig stehen. Dann machte er sich schmollend und trotzend allein auf den Heimweg.

Mit jenem knabenhaften Ausrufe hatte er sich befreit; er gedachte der Worte des Vaters, der Schleier, der auf seiner Seele gelegen hatte, war zerrissen. Er fing an zu zweifeln und zu prüfen, und endlich sah er den harten Freund mit andern Augen an. Der verklärende Schimmer, mit dem er ihn umgeben hatte, war verschwunden, er erschien ihm gleichgültig und gewöhnlich, wie viele seiner Schulgefährten. Zuletzt war seine Leidenschaft ihm selbst zum Räthsel geworden.

So war ihm gerade aus der Fülle seines Herzens das bittere Gefühl menschlicher Schwäche bis zur Selbstverachtung entsprungen, und seine überschwellende Seligkeit hatte ihm einen Schmerz geboren, wie er ihn tiefer und schneidender nicht erlebt hatte. Mit den bittern Erfahrungen, die sie mit sich brachte, hatte er sich auch Das erkauft, die Geister prüfen und unterscheiden zu lernen.

Wie er Freundschaft da gesucht hatte, wo er sie nicht fand, so hatten die besten unter den Schulgefährten um seine Freundschaft geworben, aber in seiner blinden Neigung für den Einen hatte er es nicht erwidert, ja kaum beachtet. Und er war dazu geschaffen, der Mittelpunkt eines Freundeskreises zu werden. Voll Geist und Feuer, aufbrausend in jugendlicher Lust und Laune bis zum Uebermuth, kühn und sicher in seinen Urtheilen, reich an Kenntnissen, bereit zu jeder Hülfe in Wort und That, gutmüthig, offen und hingebend, ja zu Zeiten weich, körperlich kräftig, in seiner Gesichtsbildung schön, wie hätte er da nicht die Aufmerksamkeit und Neigung gerade der begabtesten unter seinen Schulgenossen sich gewinnen sollen? Mehr noch als durch einzelne hervorstechende Eigenschaften schien er durch einen stillen und unerklärlichen Zauber, der aus seinem ganzen Wesen sprach, mächtig anziehend auf sie zu wirken, und so bildete sich ein Kreis von Jugendgefährten um ihn, unter denen er mehr als einen Herzensfreund fand.

An Geist, Talent und Streben ihm der Verwandteste, als Freund der treueste und hingebendste war Wilhelm Heinrich Wackenroder. Er war eines Alters mit Ludwig, wie er geboren im Jahre 1773, und gehörte einer der angesehensten Familien Berlins an. Sein Vater, der Geheime Kriegsrath und Justizbürgermeister Wackenroder, war ein strenger und ehrenfester Beamter, ganz im Geiste des Zeitalters Friedrich’s des Großen gebildet, klar, nüchtern und pflichtgetreu, umsichtig und unermüdlich, erfüllt von dem Gedanken der Bürgertugend, und von warmer Hingebung an den jungen, wachsenden Staat und den großen König, der ihn geschaffen hatte. In den schweren Zeiten des Siebenjährigen Krieges, als Berlin durch Russen und Oestreicher besetzt wurde, hatte er im Namen der Stadt mit den feindlichen Generalen verhandelt, und später in Stadt- und Staatsämtern durch seinen Eifer sich hervorgethan. Mit größter Sorgfalt ließ er seinen einzigen Sohn erziehen. Zuerst hatte er ihn durch häuslichen Unterricht bilden lassen, und dann der anerkannten Schule seines Freundes Gedike übergeben. In der zweiten Classe des Friedrich-Werderschen Gymnasiums war es, wo Ludwig und der junge Wackenroder zuerst sich begegneten. Sogleich fühlte dieser sich angezogen, und nach den schmerzlichen Erfahrungen, die er gemacht hatte, hielt nun auch Ludwig den neugewonnenen Freund um so fester.