Wackenroder war eine ahnungsvolle, prophetische Natur. Still und träumerisch schien er den Blick nur in die Tiefen seines Innern zu senken, und den Sinn für die Außenwelt weder zu besitzen noch zu vermissen. Im täglichen Verkehr war er linkisch und unbehülflich, daher weltklügere Genossen nicht selten über ihn lächelten, und ihn mit wohlfeiler Mühe zum Gegenstande ihres Witzes machten. Sie begriffen das Weiche, Zarte, ja Rührende nicht, das wie ein geheimnißvoller Schleier auf seiner ganzen Erscheinung ruhte. Es lebte in ihm der einfache, unschuldige Kinderglaube, dem es ein unbewußtes Bedürfniß ist, sich an Höheres hinzugeben. Um seinetwillen konnte er auch das mit dem größten Vertrauen hinnehmen, was seiner eigenen Natur zuwider war. Darum war nichts leichter, als ihn in gewöhnlichen Dingen zu täuschen und irrezuführen. Das Wunder schien die Welt zu sein, in der er eigentlich lebte, während das Alltägliche für ihn zum Wunder wurde. Aus diesen Träumen zuckten dann Blitzen gleich tiefsinnige Auffassungen hervor; er konnte zu Zeiten schwärmerisch scheinen. Als wenn er dunkel gefühlt hätte, daß diese innere Welt eines äußern Gegengewichts bedürfe, wenn er nicht ganz in ihr verloren gehen wolle, klammerte er sich ängstlich an gewisse Ordnungen. Sobald sie ihm einmal zur Gewohnheit geworden waren, gab er sie nicht wieder auf. Er war ein peinlich fleißiger Schüler, und in aller Ueberschwänglichkeit hielt er mit Zähigkeit an einer bestimmten Zeiteintheilung fest, die ihm anerzogen worden war. Wer ihn nur in solchen Augenblicken sah, konnte ihn für nüchtern, ja pedantisch halten. Die bürgerliche Natur des Vaters schien dann die Oberhand zu gewinnen. Allmälig entwickelte er die glücklichsten Anlagen. Vor allem schien die Musik sein ganzes Wesen zu durchdringen. Ein elektrischer Stoff hatte sich hier angesammelt, der nur auf die rechte Art der Berührung wartete, um durch seine sprühenden Funken zu blenden.

Zwei Geister waren zusammengeführt worden, die für einander geschaffen zu sein schienen. Beide wandten sich mit ganzer Kraft dem Leben in der Phantasie und Dichtung zu. Aber sie waren doch darin verschieden, daß Ludwig seine Kreise weiter zu ziehen, mehr zu umfassen strebte, Wackenroder still beschaulich in die Tiefen des Einzelnen sich versenkte, daß jener kritisch humoristisch, dieser glaubensvoll war, der Eine mehr schöpferisch, der Andere mehr empfänglich. Dies führte zu manchen Meinungsverschiedenheiten im Einzelnen, die sich aber in den gleichen Grundtönen ihrer Seelen immer wieder auflösten. Wackenroder hielt z. B. Ramler, der in dem Hause seines Vaters verkehrte, lange Zeit für einen der ersten und größten Dichter, während Ludwig’s keckes Urtheil ihn als Poeten alten Stils bezeichnete, dem die eigentlich dichterische Ader fehle. Nur sehr schwer ließ sich Wackenroder diesen Glauben durch die schonungslosen Ausführungen seines Freundes entreißen. Von jetzt an theilten sie alle Leiden und Freuden des innern Lebens wie des Schulverkehrs, und Ludwig wurde ein gern gesehener täglicher Gast und Freund in dem Hause des Bürgermeisters von Berlin.

Eine entgegengesetzte Natur war Friedrich Toll, der Sohn eines Beamten der berliner Porzellanfabrik. Er war fest und sicher, strebsam und eifrig, voller Ehrgeiz. Ganz und vollständig suchte er die Dinge zu erforschen. Mit eisernem Fleiße, aber fern von Kleinlichkeit, warf er sich auf die Schulwissenschaften, die ihm den Weg ins Leben bahnen sollten. Auch er besaß bedeutende Anlagen, war jugendlich schwungvoll und poetisch begeistert. Seine Erscheinung war edel und einnehmend; sie hatte etwas Ritterliches. In allen Künsten körperlicher Gewandtheit galt er seinen Genossen als Vorbild.

Zu diesen gesellte sich Wilhelm von Burgsdorff, der Sohn eines märkischen Edelmanns. Zuerst nach den Grundsätzen der damaligen neuen Lehre im Philanthropin zu Dessau erzogen, war er erst in späterer Zeit Gedike’s Schüler geworden. Er war frisch, natürlich und lebhaft, von schneller Auffassung und glücklichen Gaben, gutmüthig, aber auch leichtsinnig und hochfahrend.

Der Humorist in diesem jugendlichen Kreise war Viering, der Sohn eines Landpredigers. Er lebte in dem Hause des Kriegsraths Müller, dessen Obhut er anvertraut war. Reich an launigen Einfällen und immer neuen Anschlägen, besaß er einen nicht unbedeutenden Sinn für das Komische und dessen Auffassung und Darstellung. Was er schrieb, trug oft einen so eigenthümlich frischen Humor an sich, daß Ludwig in späterer Zeit, als man Jean Paul zu lesen anfing, an seinen Jugendfreund erinnert wurde. Einst war eine moralische Abhandlung über das Sprüchwort: „Wie man’s treibt, so geht’s“, verlangt worden. Viering gab eine lebendige und gefühlte Schilderung des einfachen Natur- und Landlebens, in der er zuletzt mit überraschender Wendung zwei Gänsejungen erscheinen ließ, die auf verschiedenen Wegen und in verschiedenen Zeiten ihre Heerden dem gemeinsamen Weideplatze zutreiben. Der Lehrer schüttelte über solche Abgeschmacktheit den Kopf, während Ludwig’s ganze Theilnahme durch die satirische Keckheit des Tons gewonnen wurde. Oft theilte der neue Freund sein helles und geräumiges Zimmer mit Ludwig. Hier arbeiteten sie miteinander, und ersannen auch manchen muthwilligen Anschlag.

Auf diesem Wege lernte Ludwig auch Adam Müller, den Sohn des Kriegsraths Müller, kennen. Doch gehörte dieser, wie Wilhelm von Schütz, bereits einem jüngern Geschlecht an. Ohne damals in diesen Kreis eintreten zu können, schlossen sich Beide an einzelne Glieder desselben erst in späterer Zeit an.

Dagegen hatten die Freunde einen andern Genossen gefunden, der, um mehrere Jahre älter, unter diesen kecken Geistern die alltägliche Mittelmäßigkeit vertrat, sich aber doch mit einem aufrichtigen und gründlichen Eifer für Alles zu begeistern suchte, was jene bewegte. Es war dies ein gewisser Piesker, dessen Vater Verwalter auf dem nahe bei Berlin gelegenen Gute Fredersdorf gewesen war. Er liebte es, den altklugen Mentor, das Gewissen in diesem Kreise zu spielen. Mit Verdruß sah er dem muthwilligen Treiben der Andern zu, denen es in ihren wilden Launen auf ein Mehr oder Weniger nicht sonderlich ankam. Zu ihrer großen Erheiterung konnte er sich dann ungemein ereifern; er hielt ihnen die eindringlichsten Strafreden über ihre Thorheit, ihren Leichtsinn, vor allem über ihre Neigung zur Lüge. Denn unter diesem Namen verfolgte er mit komischem Ernst jede Flüchtigkeit in der Auffassung, jede jugendliche Uebertreibung, jede ironische Wendung. Dann belehrte er die Freunde, er werde ihnen zeigen, was thatsächliche Wahrheit sei, und ihnen eine einfache Darstellung geben, wie die Sache wirklich gewesen sei. Daraus ergab sich in der Regel, daß er weniger gesehen und gehört hatte als alle Andern. Sein Aeußeres war abstoßend; er hatte eine plattgedrückte Nase, einen wulstigen, aufgeworfenen Mund, sein Gesicht war von Blatternarben entstellt. Dennoch war er allgemein geliebt, trotz seiner Steifheit und seines ungerechten und mürrischen Scheltens. Man kannte seine Treue, seine Zuverlässigkeit, man fühlte in ihm die Sicherheit einer geraden, einfachen Natur heraus.

Niemand schloß sich fester an ihn als Ludwig, der ahnen mochte, daß er bei seiner abspringenden Reizbarkeit und seinen wechselnden Stimmungen der Ergänzung durch einen nüchternen und wohlmeinenden Freund bedürfe. Auch besuchte er ihn auf dem Gute Fredersdorf. Hier streifte man durch Wald und Feld, brachte die Sommernächte unter freiem Himmel zu, machte sich Herzensbekenntnisse, und verlor sich in tausend hochfliegenden Plänen für die Zukunft.

7. Kunstleben.