Wenn die Freundschaft mit Wackenroder von hoher Bedeutung für Ludwig’s innere Entwickelung war, und die mit Burgsdorff später wichtige Folgen für sein äußeres Leben hatte, so kam endlich noch ein drittes Verhältniß hinzu, welches sogleich einen entscheidenden Einfluß auf sein Schicksal nach beiden Seiten hin gewinnen sollte. Dies war die Verbindung mit Wilhelm Hensler, dem Stiefsohn des Kapellmeisters Reichardt.

Auch er war eine offene, muntere und bewegliche Natur, für jeden bedeutenden Eindruck fähig und empfänglich. Erst später war er nach Berlin in das Haus seines Stiefvaters gekommen, um auf Gedike’s Anstalt seine Ausbildung zu vollenden. Hier wurde er Ludwig’s unmittelbarer Nachbar auf der Schulbank. Man gefiel sich gegenseitig, entdeckte manche Uebereinstimmungen in Wesen und Neigung, und knüpfte endlich ein vertrauliches Verhältniß an. Hensler unterließ es nicht, den neugewonnenen Freund in das Haus des Stiefvaters einzuführen, wo jener so allgemeine Theilnahme und Zuneigung erweckte, daß er bald in demselben vollständig heimisch wurde. Zu Zeiten übersiedelte sich Ludwig ganz dorthin, und wie Arbeit und Zerstreuungen theilte Hensler auch das Zimmer mit ihm. Er konnte mehr für den Sohn als den Freund des Hauses gelten. Der Vater legte diesem Verkehr keinerlei Hinderniß in den Weg. Mit voller Befriedigung sah er die Anlagen des Sohnes immer selbständiger hervortreten; es schien rathsam, ihm größere Freiheit zu gestatten, ihn gewähren zu lassen.

Auch gab es in Berlin vielleicht kein Haus, das für die Fortbildung einer emporkeimenden Dichterkraft eine bessere Schule gewesen wäre als das des Kapellmeisters Reichardt. Es war ein Sammelplatz für Künste und Künstler. Der frische Geist der dichterischen und künstlerischen Erhebung, der Deutschland seit zwei Jahrzehnden durchzog und es fast zu verjüngen schien, wirkte hier lebendiger als irgendwo. Man besaß Geist und Geschmack, verfolgte mit Antheil jede neue Wendung in Kunst und Literatur, und nahm eifrig für und wider Partei. Mit dem Nachdruck des tiefern Kunsteifers wurde Musik getrieben, Goethe verehrte man als den Genius der neuern Zeit und Poesie, und allgemeine künstlerische Ausbildung galt für unerläßliche Pflicht. Hier war der Kreis, in dem Ludwig’s jugendliches Talent seiner Reife entgegengeführt werden konnte.

Reichardt selbst war ein Mann, ganz geeignet, Jüngere anzuregen, zu bilden, in das Verständniß der Poesie und Musik einzuführen. Er stand im Mittelpunkte des musikalischen Lebens, welches in den letzten Jahren einen glänzendern Aufschwung genommen hatte. Im Jahre 1775 war er an Graun’s Stelle nach Berlin berufen worden, er hatte einige Opern componirt, und war seit dem Regierungsantritte Friedrich Wilhelm’s II. als Director des neubegründeten Orchesters der Italienischen Oper in einen umfassendern Wirkungskreis getreten. Mit Sängern und Schauspielern, mit Künstlern aller Art brachte ihn sein Beruf in Berührung, mit vielen wissenschaftlichen und dichterischen Namen hatte er Verbindungen, fremde Künstler und Gelehrte versäumten es nicht, sein Haus zu besuchen. Er selbst war voll Geist und Beweglichkeit. Auf die Entwickelung seines musikalischen Talents legte er keinen ausschließlichen Werth. Durch eine vielseitige, allgemeine Bildung, durch Kenntnisse in den verschiedensten Fächern, durch lebhafte Theilnahme an allen Aufgaben des Lebens wollte er sich von seinen einseitigen Fachgenossen unterscheiden, er wollte kein dürftiger, halbgebildeter Musikmeister sein. Er war ein eifriger Anhänger Kant’s und der neuen kritischen Philosophie. Er hatte eine Zeit lang in dem Fache der Verwaltung gearbeitet. Später hatte er bedeutende Reisen unternommen, hatte Italien gesehen, war in Paris und London gewesen, und war mit Goethe in Berührung gekommen, dessen „Claudine von Villa bella“ er componirt hatte. Auch als Schriftsteller war er aufgetreten. Er war Virtuos und Componist, theoretischer und schriftstellender Musiker. Aber diese unruhige Vielthätigkeit zersplitterte doch seine Kräfte und beförderte ein starkes Selbstvertrauen, welches, da er Alles kennen und verstehen wollte, ihn bisweilen über seine Grenzen hinausführte.

Auf Ludwig wirkte zunächst die Frische der anregenden Kraft, der bedeutende Name in der Kunstwelt, die angesehene Stellung des Mannes. Zum ersten Male blickte er hier in ein anerkanntes, von Geist getragenes, glänzend erscheinendes Kunstleben. Wovon er sonst nur einzelne Seiten aus der Ferne gesehen hatte, das trat ihm hier als ein Ganzes, in sich Fertiges entgegen. An diesen neuen Vorbildern begann er seine Kräfte zu messen. Aus der allgemeinern Vorbereitung der Schule ging er nun in die künstlerischen Lehrjahre über, welche ihm schon jene Richtung geben sollten, die ihn einige Jahre später in die Literatur hineinführte.

Zunächst fand seine Neigung für das Theater hier nicht nur neue Nahrung, sondern auch Ausbildung. Es war die Zeit, wo in Berlin die Theaterliebhaberei immer mehr Boden gewann. Die Bühne galt für ein hauptsächliches Mittel allgemeiner und volksthümlicher Bildung, die Anregungen großer Talente in der Schauspielerwelt kamen hinzu, die dem früher verachteten Stande Anerkennung zu erobern anfingen. Man eiferte ihnen nach, las in Gemeinschaft dramatische Dichtungen nach Rollenvertheilung, und stellte endlich zu eigener Uebung in geselligen Kreisen Versuche in den mimischen Künsten an. In Reichardt’s Hause sah man es daher nicht ungern, als sich um den Stiefsohn eine Anzahl fähiger Jünglinge sammelte, und aus kindischen Anfängen ein Liebhabertheater hervorging, das zuletzt die Haltung ernster Studien annahm.

Bis dahin hatte Ludwig sein Theatertreiben in alter Weise fortgesetzt. Zu Hause, im Freien, wo es irgend anging, hatte er mit seinen Geschwistern auf improvisirter Bühne wie ehemals gespielt. Wie früher in der Kirche, hatte er später einmal in einem abgelegenen Theile des Thiergartens einen freien Platz entdeckt, der von Bäumen und dunkelm Gebüsch umschlossen, durch seine tiefe Stille und die Sicherheit vor Ueberfällen störender Spaziergänger zur Darstellung irgendeiner Tragödie einzuladen schien. Sogleich begann man Gerstenberg’s „Ugolino“ abzuspielen, der sich damals besonderer Gunst erfreute, weil er mit dem geringsten Personenaufwande im Gräßlichen das Höchste leistete, was zu erreichen war. Natürlich spielte Ludwig den Ugolino, die Uebrigen thaten ihr Bestes, als zu ihrer großen Ueberraschung aus dem Seitengebüsche ein Mann hervortrat, welcher die Schauspieler unbemerkt belauscht hatte. „Sie haben Ihre Sache recht brav gemacht, junger Mann“, wandte er sich zu Ludwig; „aber wie kommen Sie bei Ihrer Jugend schon zu diesem gräßlichen Stücke?“ Ein Vorwurf, welchen man bei der Anerkennung, die man gefunden hatte, sehr gern in den Kauf nahm.

Alles gewann ein anderes Ansehen, als man unter Reichardt’s Augen zu spielen anfing. Es sollte kein Spiel mehr bleiben; es sollte eine Gelegenheit zur Ausbildung des guten Geschmacks und feiner Sitten, eine Schule für glückliche Anlagen werden. Zu der leitenden Einsicht gesellten sich bedeutendere Hülfsmittel. Ein ziemlich zahlreiches, für die Sache begeistertes Personal fand sich beisammen. Alle Freunde Hensler’s und Ludwig’s wurden dazu herangezogen, die irgend Lust und Neigung hatten, an diesen Versuchen theilzunehmen. Durch Kauf und Geschenk erwarb man eine Art von Garderobe, und für manchen andern Bedarf sorgte die Geschicklichkeit Friedrich Tieck’s, den der Vater 1790 zu dem Bildhauer Bettkober in die Lehre gab. An den Darstellungen selbst nahm er weniger Antheil, aber für die Ritterstücke wußte er die unentbehrlichen Helme und Panzer mit kunstgeübter Hand aus Pappe, Gold- und Silberpapier anzufertigen, und den edeln Rost des Alterthums so täuschend nachzuahmen, daß auch er in seiner Kunst allgemeinen Beifall erwarb. Endlich konnte man auf ein, wenn auch nicht zahlreiches, doch gebildetes und urtheilsfähiges Publicum rechnen, das zugleich durch seine persönliche Theilnahme ermuthigend einwirkte.

Man wagte sich an die Darstellung großer, ja classischer Schauspiele. Vor keiner Schwierigkeit bebte man zurück, je unübersteiglicher die Hindernisse schienen, desto lieber suchten die jungen Künstler sie zu überwinden. Ihre Phantasie nahm den höchsten Flug, und dem Schwersten glaubten sie sich gewachsen. Neben einigen geläufigen Bühnenstücken spielten sie Lessing’s „Schatz“ und „Philotas“. Dann gingen sie zu den beliebten Ritterstücken über, in denen sie in allem Waffenschmucke prangen konnten, und endlich im Sturmschritte zu Shakspeare. Man theilte sich in Rollen und Rollenfächer; ein wahrhafter Künstlerwetteifer entstand, ein Jeder suchte sich von der besten Seite zu zeigen. Wackenroder schien durch sein ernstes Wesen für die Darstellung von Königen und Fürsten geeignet, Toll und Hensler spielten die jugendlich kriegerischen Helden, Bothe die Greise, Viering und Piesker übernahmen die komischen Rollen. Die schwierigsten Charaktere im Trauerspiele wie im Lustspiele hatte man Ludwig mit voller Anerkennung seiner Ueberlegenheit abgetreten.

Und in der That, neben der kindischen Unbehülflichkeit der Einen und der leichten Liebhaberei der Andern trat bei ihm die glückliche Anlage für mimische Charakterdarstellung unzweideutig hervor. Auch besaß er Alles, was dazu erforderlich war; eine edle, schlanke Gestalt, eine klangvolle, umfassende Stimme, die von den feinsten Wandlungen bis zum gewaltigen Donner der Leidenschaft anschwellen konnte, ein ausdrucksvolles Gesicht, das mit ungesuchter Kunst jede Bewegung des Innern widerspiegelte. Doch seine Hauptstärke lag in einem andern Punkte; der Dichter machte bei ihm den Schauspieler. Es war nicht die nachahmende Darstellung des gewöhnlichen Schauspielers, welche er gab, sondern er schuf selbst, wenn er spielte, er ging dem Dichter nicht allein nach, er ergänzte und überholte ihn oft. Es leitete ihn ein tieferes, ahnendes Verständniß der Dichterwerke. Mit den ersten Worten, die er sprach, erfüllte ihn seine Rolle ganz, die Täuschung wurde zur Wahrheit, er wandelte sich in den fremden Charakter um. Er glaubte die Person zu sein, welche er darstellte, und war es auch nach dem Eindrucke zu schließen, welchen er auf seine Freunde, auf die Zuschauer machte. In dem Augenblicke, wo Otto von Wittelsbach (er spielte diese Rolle in dem damals beliebten Stücke dieses Namens von Babo) von dem Gefühle tödtlicher Beleidigung und schwarzen Undanks gestachelt zum Mörder wird, ergriff ihn bei den sonderbar dunkeln Worten: „Was wollen die Hunde mit ihrem Bellen?“ eine innere Wuth, ein solches Außersichsein im eigentlichen Sinne des Worts, daß Wackenroder, der den Kaiser spielte, und seine Umgebung sich scheu vor ihm zurückzogen, weil sie im Ernst fürchteten, er könne ein Unheil anrichten.