Einen nicht geringern Erfolg hatte er in humoristischen Rollen, in denen er seiner komischen Laune den vollen Zügel schießen ließ; so als Falstaff, wo Wackenroder wiederum als König, Hensler als Prinz, Toll als Percy neben ihm auftraten. Beachtete er dagegen das Spiel seiner Freunde, so schien es ihnen nicht voller Ernst mit der Sache, als seien sie in ihren Rollen Doppelwesen, deren äußere Hälfte zu der innern nicht passen wollte. Hatte er selbst bei seinen Darstellungen ein Vorbild, so war es Fleck, und er mochte versuchen, die Eindrücke hervorzurufen, welche er von jenem in seinen Hauptrollen empfangen hatte.
Frühzeitig hatte Reichardt Ludwig’s hervortretenden Beruf erkannt, er folgte ihm mit Aufmerksamkeit, und durch ein eingehendes und wohlmeinendes Urtheil leitete er ihn allmälig von seinem kühnen Naturalismus zu einer bewußtern Kunstübung an. Zunächst wies er ihn auf die Nothwendigkeit hin, seine Stimme zu bilden und zu beherrschen. Als er einst allgemeinen Beifall dadurch geerntet hatte, daß er unerwartet die Stimme wechselte, und in einem fremden, bis zur Täuschung nachgeahmten Ton gesprochen hatte, sagte Reichardt zu ihm: „Junger Freund, Sie misbrauchen und gefährden Ihr Organ. Jedes musikalische Instrument ist auf einen gewissen Ton gestimmt, und die Aufgabe des Virtuosen ist, diesen immer reiner und voller herauszuarbeiten. Je mehr dies geschieht, um so sicherer ist auch die Wirkung. Nicht anders ist es mit der Stimme des Menschen. Jedes Organ hat seinen eigenthümlichen Grundton. Es kommt darauf an, diesen nach allen Nüancen hin auszubilden, deren er fähig ist. Vertauscht man willkürlich diesen natürlichen Ton mit einem fremden, unnatürlichen, erzwungenen, so geräth man in Gefahr, jenen zu verlieren, und um eines eiteln Kunststücks willen das Organ zu Grunde zu richten.“ Auch führte er wol weiter aus, wie es nicht darauf ankomme, durch eine gewaltsame Anstrengung desselben die Zuhörer in Staunen zu setzen, es vielmehr zu beherrschen, es nicht verschwenderisch auszugeben, sondern im rechten Zeitpunkte mit aller Kraft wirken zu lassen. Die durch die Stimme selbst gebotene Art der Anwendung schütze sie nicht nur vor krankhaftem Reiz, sondern stärke und erweitere sie.
Den Werth dieser einfachen und natürlichen Regeln lernte Ludwig durch ihre Befolgung bald genug anerkennen. Gern achtete er daher auch auf manchen andern Wink Reichardt’s. Zugleich begann er mit Eifer Engel’s „Mimik“ zu lesen, welche damals in hohem Ansehen stand. Endlich hatte Reichardt auch dafür Sorge getragen, daß sein Kunstjünger Gelegenheit fand, die großen Vorbilder, die er sich gewählt hatte, fortgesetzt in eigener Anschauung zu studiren. Er hatte bei Engel, der im Verein mit Ramler das sogenannte Nationaltheater seit 1787 leitete, für ihn und seinen Stiefsohn ein Freibillet ausgewirkt. So wurde Ludwig durch Anlage und Eifer bald über die Grenzen der gewöhnlichen Liebhaberei und jugendlichen Begeisterung hinausgeleitet, und es schien in der That, als ob die Vorbereitung für die Bühne seine stille Absicht sei.
Indessen gewannen diese Darstellungen noch einen Reiz anderer Art, der freilich nicht aus dem Kunsteifer hervorging. Zu den Spielen vor den Coulissen gesellte sich ein zweites hinter denselben, das mindestens ebenso anziehend war als jenes. Zu dem Publicum gehörte auch Reichardt’s Frau und deren Schwestern, Töchter des hamburgischen Pastors Alberti, der ein Freund Lessing’s gewesen war und in der theologischen Welt keinen unbedeutenden Namen hatte. Die beiden jüngern Schwestern, ein paar heranwachsende Mädchen, waren mit den Kunstgenossen bald bekannter geworden, und wurden von diesen trotz ihrer Jugend und Anmuth mit dem ehrwürdigen Namen der „Tanten“, den sie in der Familie führten, scherzweise bezeichnet. Anfangs hatten die Tanten den dramatischen Spielen mit vollem Beifalle zugesehen, dann ließen sie sich bereit finden, auf ihre Stellung zu verzichten, und zur Unterstützung dieser Kunstübungen einige passende Rollen zu übernehmen. Nun erhielten die Vorstellungen einen verdoppelten Schwung; man spielte mit dem feurigsten Eifer, und unter der Hülle der gemalten Leidenschaft fing die wirkliche an lebendig zu werden.
Es konnte nicht fehlen, daß der Ruf dieser werdenden Kunstschule über die bescheidenen Grenzen der Familie und des Hauses hinausging. Reichardt mochte das nicht ungern sehen, und bald fand sich eine Gelegenheit, die gewonnene Virtuosität auf einem ganz andern Schauplatze zu zeigen.
Auch mit dem Hofe stand Reichardt in Verbindung. Seine Stellung als Kapellmeister führte das mit sich; es fehlte ihm nicht an Freunden, und sein Talent hatte ihm die besondere Gunst des Königs erworben. Er verkehrte auch in dem Hause der damals immer noch einflußreichen Frau des Kämmeriers Rietz. Diese hatte ein geschmackvolles Haustheater errichten lassen, auf welchem vor dem Könige und dessen nächster Umgebung bisweilen Vorstellungen gegeben wurden. Bei den Singspielen wurde auch Reichardt zu Rathe gezogen. Bei einer festlichen Veranlassung sollte von einigen Sängern des großen Theaters „Erwin und Elwire“ dargestellt werden. Reichardt hatte die Leitung übernommen, und selbst einen auf die Tagesfeier bezüglichen Prolog gedichtet. Sein Stiefsohn sollte ihn sprechen, und die Vorstellung mit malerischen Gruppirungen schließen, welche von seinen jüngern Kindern ausgeführt werden sollten. Das Ganze sollte den Charakter eines Familienfestes tragen.
Hensler wies indeß die ihm zugetheilte Rolle mit Entrüstung zurück, er stimmte dem Urtheil der öffentlichen Meinung über die Festgeberin vollkommen bei, und betheuerte, er werde sich niemals dazu hergeben, vor ihr, in ihrem Hause als Declamator und Lobredner aufzutreten. Der Stiefvater war in nicht geringer Verlegenheit. Endlich aber wurde der Widerstrebende dennoch durch Nützlichkeitsgründe bestimmt, sich der verhaßten Aufgabe zu unterziehen. Die jungen Schauspieler hofften nämlich durch Reichardt’s Vermittelung die zu dieser Vorstellung angefertigten glänzenden Gewänder für ihre eigene Garderobe erwerben zu können.
Wirklich kam das Festspiel, wie es Reichardt beabsichtigt hatte, zu Stande. Hensler sprach seinen Prolog vor dem Könige und dessen Umgebung. Die trockene, gezwungene Weise, in der es geschah, wurde ihm entschuldigend als jugendliche Befangenheit und Ungeschick des Anfängers ausgelegt, und er war zufrieden, nicht weiter in Anspruch genommen zu werden. Dagegen gingen die Gruppirungen am Schlusse unter allgemeinem Beifall von Statten. Der König sprach seine Zufriedenheit aus, ließ sich die Kinder vorführen, und lobte ihre Geschicklichkeit und Anstelligkeit. Auch Ludwig hatte zu dieser Vorstellung Zutritt erhalten. Er hatte seinem Freunde hinter den Coulissen mit Spannung zugehört, und hier seinen Standpunkt so gewählt, daß er den Blick auf den Zuschauerraum, den König und den Hofkreis frei hatte. Nach dem Schlusse betrat er den Saal, und wurde der mächtigen Frau als hoffnungsvoller junger Mensch vorgestellt.
Spiele, welche mit so großem Ernst betrieben wurden und zu solchen Folgen führten, waren allerdings den Studien nicht eben förderlich. Wie gern vergaßen die tragischen Helden die demüthigere Rolle, welche sie den Tag über auf der Schulbank spielten! Auf solche Erregungen der Phantasie und Anspannung aller Kräfte folgte die Ermattung, die in den Lehrstunden übel vermerkt wurde. Endlich wurden diese Spiele selbst bei Gedike verdächtigt.
Zu untergeordneten Rollen hatte man hin und wieder einen Schulgefährten, Namens Schmohl, den Sohn eines wohlhabenden Bauern, herangezogen, der nun an den Freunden zum Verräther wurde, und nicht ohne Scheinheiligkeit Gedike auf den übeln Einfluß solcher Theaterliebhaberei aufmerksam machte. In der nächsten Lehrstunde blieben Verhör und Strafrede nicht aus. Es sei stadtkundig geworden, daß man Schauspielerei treibe, wie es damit stehe. Man versäume darüber seine Schulpflichten, und komme auf unnütze Gedanken und üble Angewohnheiten. Dagegen trat Ludwig als Vertheidiger seiner Liebhaberei und seiner Freunde auf. Er könne dem Herrn Rath die Versicherung geben, Alles sei in bester Ordnung. Es hätten sich zu diesen Uebungen eine Anzahl seiner Schüler verbunden, welche er selbst zu den besten zu rechnen pflege. Auch sei weder ihm noch seinen Freunden eine grobe Pflichtverletzung nachgewiesen worden. Endlich fänden diese Aufführungen in dem Hause und unter den Augen eines angesehenen und geachteten Mannes, des Herrn Kapellmeisters Reichardt, statt, der seinen Kindern und deren Freunden dieses Vergnügen erlaubt habe, darin eine nützliche Uebung erkenne, und alle Zeit nach dem Rechten gesehen habe. Durch diese altkluge Rede schien der Herr Rath zufriedengestellt, und so war denn der Sturm für diesmal glücklich abgeschlagen.