Zu den einstudirten Schauspielen gesellten sich endlich improvisirte Aufführungen, die bei Schauspielern und Zuschauern fast noch mehr Beifall fanden, weil man sich hier freier bewegen konnte. Es waren dramatische Darstellungen von Sprüchwörtern. Der Gang der Handlung wurde dem Thema gemäß gemeinschaftlich verabredet, dann überließ man es dem Einzelnen, die Andeutungen auszufüllen und zu lebendiger Wirkung zu bringen. Hier konnte sich nicht nur ein gewandtes Spiel, sondern ein schlagfertiger Witz, Erfindungskraft und Phantasie, Fluß der Rede, überhaupt Geistesgegenwart auf das glänzendste zeigen. Dichter und Schauspieler traten in unmittelbarer, ursprünglicher Verbindung hervor. Eben das war Ludwig’s Stärke. Fast leidenschaftlich liebte er diese Spiele, zu denen er auch in spätern Jahren gern zurückkehrte.
Reichardt’s Haus war für ihn zur Kunstschule geworden. Nicht nur sein Talent für Poesie und Schauspiel war ihm selbst bewußter geworden und zu einer gewissen allgemeinen Anerkennung gekommen, sein Sinn und Geschmack für die Künste, für Kunst überhaupt, wurden angeregt, geweckt, geläutert. In einem Kreise, wo man nur Musik athmete, mußte sich endlich auch sein bisher noch geschlossenes Gefühl öffnen. Wie oft hörte er nicht musikalische Aufführungen, Gespräche über Musik, Urtheile über Werth oder Unwerth einzelner Compositionen. Gewann er auch jetzt keine Neigung, selbst ausführend theilzunehmen, so fing er doch an, in den classischen Werken die Geheimnisse der Musik zu ahnen. Auch hier hatte er, durch Eingebung geleitet, im Gegensatz zum Modegeschmack sich zu Mozart’s großen Tondichtungen hingewandt, ohne sich durch die Tageskritiken, und selbst so gewichtige Stimmen wie Reichardt’s, irre machen zu lassen. Mozart’s siegreicher Gegner war Dittersdorf, dessen komische Opern auch in Berlin unter großem Andrange des Publicums gegeben wurden. Man zog den „Doctor und Apotheker“ dem „Figaro“ und „Don Juan“ vor, und „Die Liebe im Narrenhause“ konnte in öffentlichen Anzeigen als das erste musikalische Kunstwerk angepriesen werden.
In überraschender Weise sollte Ludwig’s Anerkennung Mozart’s belohnt werden. Als er eines Abends, es war im Jahre 1789, seiner Gewohnheit nach lange vor dem Anfange der Vorstellung die halbdunkeln, noch leeren Räume des Theaters betrat, erblickte er im Orchester einen ihm unbekannten Mann. Er war klein, rasch, beweglich und blöden Auges, eine unansehnliche Figur in grauem Ueberrock. Er ging von einem Notenpult zum andern, und schien die aufgelegten Musikalien eifrig durchzusehen. Ludwig begann sogleich ein Gespräch anzuknüpfen. Man unterhielt sich vom Orchester, vom Theater, der Oper, dem Geschmacke des Publicums. Unbefangen sprach er seine Ansichten aus, aber mit der höchsten Bewunderung von den Opern Mozart’s. „Sie hören also Mozart’s Opern oft und lieben sie?“ fragte der Unbekannte. „Das ist ja recht schön von Ihnen, junger Mann.“ Man setzte die Unterhaltung noch eine Zeit lang fort; der Zuschauerraum füllte sich allmälig, endlich wurde der Fremde von der Bühne her abgerufen. Seine Reden hatten Ludwig eigenthümlich berührt, er forschte nach. Es war Mozart selbst gewesen, der große Meister, der mit ihm gesprochen, ihm seine Anerkennung ausgedrückt hatte.
Hatte die Neigung zu musikalischer Bildung in Berlin, durch manche Umstände begünstigt, in dieser Zeit offenbar zugenommen, so ließ sich vom Geschmacke für die bildenden Künste umsoweniger sagen. Es fehlte an bedeutenden Anregungen, an Gelegenheit, durch häufigen Anblick von Gemälden und Bildwerken Auge und Sinn zu üben und zu bilden. Zwar hatte man die Akademie der Künste, auch war Schadow bereits hervorgetreten, und außerdem gab es noch manchen Künstler; doch hatte man des Nothwendigen und Unentbehrlichen noch zu viel zu thun, um einen großen Luxus mit den Künsten treiben zu können. Die einzige Sammlung, welche es gab, die aber weder an Meisterwerken ersten Ranges reich war, noch einen unbedingten Zutritt gestattete, war die des königlichen Schlosses. Die Möglichkeit, Gemälde nebeneinander zu sehen und zu vergleichen, gewährte nur die Kunstausstellung, welche die Akademie veranstaltete. Die Sehnsucht nach einem tiefen Blick in die Kunstwelt der Farben war indeß bei Ludwig erwacht, und zu fast schmerzlicher Höhe stieg sie bei seinem Freunde Wackenroder. Mit ihrem Durst nach Kunst und Kunsterkenntniß schienen sie in dieser Dürre fast allein zu stehen, als sie die Einwirkungen eines Mannes erfuhren, der für künstlerische Bildung in weitern Kreisen eifrig zu wirken suchte, nämlich von Karl Philipp Moritz.
Der Hofrath Moritz war als ein sonderbarer, launenhafter, aber geistvoller Mann bekannt. Er galt für einen Archäologen und Kunstkenner, für einen Kritiker und Sprachforscher, für einen vielseitigen, thätigen Schriftsteller und feinen Stilisten. Gelegentlich wollte er auch wol Dichter sein, in allen künstlerischen Dingen erkannte man ihn als Autorität an. Auch war er ein Stimmführer der kleinen Gemeinde, welche in Berlin eine unbedingte Anerkennung Goethe’s forderte. Mit diesem selbst hatte er in Rom in freundschaftlichem Verkehr gestanden. Seine kühnen Reisen nach England und Italien, und manche andere theils unbewußte, theils gemachte Sonderbarkeit hatte ihn in den Ruf eines Originals gebracht, den er sich nicht ohne Eitelkeit gefallen ließ. Man erzählte manche komische Geschichte von ihm, und konnte deren alle Tage erleben.
Auch die Verbindung mit diesem Manne verdankte Ludwig Reichardt, welcher mit ihm in freundschaftlichem und literarischem Verkehr stand. In Reichardt’s Auftrage hatte er Moritz besuchen müssen. Er traf den kränklichen Mann, der stets fröstelte und sich nach dem Sonnenhimmel Italiens sehnte, an einem warmen Tage im geheizten Zimmer. Im dicken Pelze saß er unmittelbar am glühenden Ofen. Auch auf der Straße war er eine sonderbare Erscheinung. Er behauptete, nicht mehr zu Fuß gehen zu können, und hatte sich, obgleich seine äußere Lage nicht glänzend war, einen Wagen und mindestens ein Pferd angeschafft. Einst sah Ludwig diesen Einspänner mitten auf dem Straßendamme halten; der Kutscher war abgestiegen und saß auf einer steinernen Bank vor einem nahegelegenen Hause. Auf die Frage, was vorgefallen sei, antwortete der Kutscher, der Herr Hofrath habe ihm befohlen, hier anzuhalten, weil er im Wagen etwas schlafen wolle.
Ein anderes Mal hörte Ludwig ihn predigen. Denn bisweilen ließ sich Moritz beikommen, die Kanzel zu besteigen. Angstvoll hatte er in seiner Jugend zwischen Theater und Kanzel geschwankt. Jetzt schmeichelte es ihm, sich auch auf dieser Stelle zu zeigen. Die Predigt war ihm eine Gelegenheit, seine Rednergabe und Herrschaft über die Sprache wirken zu lassen. In diesem Sinne behandelte er sie mit dramatischem Ausdruck, er begleitete sie mit lebhaften, absichtlichen Bewegungen. Er sprach mit untergeschlagenen Armen, trat einen Schritt zurück, dann wiederum vor, dann plötzlich wie hingerissen vom Feuer der Rede, streckte er die Arme heftig nach vorn aus, und traf die vor ihm liegende Bibel, daß sie über den Rand der Kanzel in das Schiff der Kirche hinabfiel. Auch sagte man ihm nach, daß er in der Regel eine oder die andere Bitte des „Vaterunser“ auslasse.
Trotz aller Sonderbarkeiten war Moritz eine sehr anregende Persönlichkeit. Seine Vorlesungen, welche er als Professor an der Akademie der Künste über Alterthümer und Kunstgeschichte hielt, wurden von Liebhabern viel besucht und waren nicht ohne Einfluß und Bedeutung. Auch Ludwig und Wackenroder hatten sich Zutritt verschafft, und wenn sie auch nicht überall fanden, was sie suchten, so wurde doch Manches in ihnen erweckt, was in späterer Zeit zur Klarheit kommen sollte.
8. Ein Weltereigniß.
Das Leben, welches Ludwig im Hause des Kapellmeisters Reichardt kennen lernte, waren die Gedanken, Gefühle und Neigungen, welche die jüngere gebildete Mittelclasse Berlins beherrschten und leiteten. Es war ein künstlerisches Stillleben voll Sicherheit, Genuß und Selbstzufriedenheit. Der Gedanke einer allgemeinen, humanen Bildung, welche in der Literatur einen so siegreichen Ausdruck gewonnen hatte, erfüllte die Gemüther. Diese Bildung zu erwerben, war die vornehmste Pflicht.