Die wahre Skepsis wird diesen Zustand zugeben und dennoch zur religiösen Resignation führen. Sie sagt: Eben weil dies so ist, eben weil der enge menschliche Verstand hier auf keine Frage Antwort zu geben vermag, darum stelle ich der höchsten waltenden Allmacht Alles anheim, und ergebe mich ihrem Willen vollständig. In dieser Betrachtung der Dinge hebt sich der Gegensatz von Gut und Böse wieder auf. Hier herrscht nur gläubiges Versenken, Speculation. Wie wollen Menschen das große Gebiet der Weltordnung übersehen? Das Höchste leistet der Mensch durch Concentrirung seiner Kräfte auf einen Punkt, durch Wirksamkeit in einer Richtung. Der Künstler arbeitet mit Talent und Begeisterung, er setzt sein Leben an die Ausbildung desselben, er beschränkt sich absichtlich, tausend andere Gedanken hält er von sich fern, um einen durchführen zu können. Wie viel Mühe und Arbeit kostet ihm das nicht bei aller Begeisterung! Und wie weit kommt er damit? Dennoch will sich der Mensch vermessen, die Räthsel der Weltordnung zu lösen? Freilich liegt in dem, was wir Vernunft nennen, ein Analogon des göttlichen Geistes, aber es ist doch immer nur eine Seite. Man ist nur zu leicht damit fertig, aus solchen Analogien die Welt zu construiren. Alles andere will man ihnen unterordnen, aber eben darum muß diese Betrachtung einseitig werden.


Eine andere Frage ist, ob diese Ansichten auf das Handeln Einfluß haben. Der Kreis des Handelns ist ein sehr beschränkter und individueller. Hier verfahre ich nach Ueberzeugung, oder nach einem innern Instincte, der sich aus meiner Eigenthümlichkeit ergibt. Der praktische Trieb des Menschen ist eine sehr weise Einrichtung. Von fruchtlosem Grübeln befreit am Ende nur Arbeit und Thätigkeit.


Es gab Zeiten, wo ich die Vermessenheit hatte zu sagen: Ich will unsterblich sein! Aber wie soll man sich die Unsterblichkeit denken? Unmöglich doch als ewige Ruhe! Auf einer höhern Stufe beginnt eine neue Entwickelung. Wird es möglich sein, daß hier Einer den Andern jemals einhole?


Immer wieder komme ich auf das Eine zurück, auf die Resignation, als das Höchste, was der Mensch erreichen kann. Sie ist das Hingeben an den unerforschlichen Willen eines höchsten, unsichtbaren Wesens. Wer forschend und grübelnd an den Gedanken Gottes hinantritt, muß vor dieser Erhabenheit nothwendig von einem Schwindel ergriffen werden, er kann diese furchtbare Allmacht nicht ausdenken! Hier tritt der Glaube rettend ein, der die tiefe Kluft dennoch füllt; es ist die Hingebung an den unendlichen Willen Gottes. Alles ist Gnade und Wohlthat. Voll Dank erkennt die Resignation an, was uns im Leben Gutes widerfahren ist, und auch die Zukunft überläßt sie Gott, welche Gestalt diese auch annehmen möge, auch die Zukunft nach dem Tode, denn in seiner Hand stehen wir.

Dies sind die höchsten Stimmungen, welche der Mensch überhaupt haben kann; sie sind selbst die höchste Gnade. Eben darum aber, weil sie so überschwänglich sind, können wir sie nicht immer haben. Auch dann kann es an Zweifeln und trüben Augenblicken nicht fehlen. Die menschliche Natur ist so unendlich beschränkt, daß der Gläubigste Zeiten haben kann, wo er dem Zweifel verfällt. Auch der schöpferischste Dichter vermag nicht immer zu schaffen; verläßt uns doch selbst das Gedächtniß. Aber der wahrhaft tiefe und religiöse Zweifel führt wieder zum Glauben zurück, während der oberflächliche davon ableitet. Die letzte, höchste Skepsis führt zur Resignation, und diese ist Glaube.

Beilagen.