Das Christenthum ist auch darum eine so schöne Religion, weil es volle Freiheit läßt. Es kann und soll ein Jeder sein eigenes Christenthum haben, es sich zu eigen machen nach seiner Individualität. Freilich paßt nicht jede Auffassung für Jeden, und darum soll sie nicht als etwas Allgemeines hingestellt werden. Man thut am besten, seine Ueberzeugung zu wahren, und sie nicht unnöthig preiszugeben, da tritt gleich das Misverständniß ein. Wenn man fragt, was das Bindende und Allgemeine sein solle, so gibt es kein schöneres Band als die christliche Milde und Duldung, die mit Liebe und Hingebung die Schwächen und Einseitigkeiten des Nächsten trägt.
In Lehrformeln und theologischen Zänkereien kann ich keine Frömmigkeit finden. Die äußerlich herangebrachten Dogmen helfen zu nichts; die originale Natur läßt sich nichts andemonstriren. Der Mensch muß es in sich erleben. Aber freilich geschieht das bei den Wenigsten; die Meisten sprechen nur nach.
Vor wahrer Frömmigkeit habe ich immer eine tiefe Ehrfurcht gehabt. Es gehört dazu eine gewisse Einfalt, die höchst ehrwürdig ist. Die fromme alte Frau ist für mich in ihrem Glauben rührend. Es liegt darin das höchste, rückhaltslose Hingeben an Gott.
Neben den Verkündigungen der göttlichen Liebe haben sich zu allen Zeiten Stimmen erhoben, welche die Frage aufwarfen, wie verträgt sich mit ihr das menschliche Elend? Nicht das allgemeine, das wir von vornherein zugeben, sondern das materielle, das uns überall umgibt, an das wir uns aber so gewöhnt haben, daß wir es kaum mehr sehen. Warum müssen Millionen Menschen auf Erden hungern, dursten und frieren, bettelnd auf den Straßen liegen, und in Noth und Elend verkommen, damit Tausende ein erträgliches Dasein führen können? Was haben diese vor jenen voraus? Sollte es verwerflich sein, Gottes Dasein auch einmal von dieser Seite zu betrachten, und auf alles Elend hinzuweisen, das in der Welt vorhanden ist? Zu leugnen ist das Elend nicht. Was wollen z. B. ansteckende Krankheiten, wenn sie die Länder verheerend durchziehen? Auch die Literatur hat diese Fragen behandelt und in neuester Zeit Consequenzen der Verzweiflung daraus gezogen. Sie will die Welt anders einrichten.