In allen Religionen ist für das menschliche Gefühl ein Mittler nothwendig geworden, um den ungeheuern Gedanken Gottes zu mildern, um ihn tragen zu können.


Welche erhabene, tiefsinnige Allegorie ist nicht die vom Baume der Erkenntniß! Hinter den einfachsten Ausdrücken verbergen sich die tiefsten Fragen. Das Gute lernt der Mensch nur im Unterschiede vom Bösen kennen. Wie war aber sein Zustand vor dieser Erkenntniß? War dieser an sich schon gut? Sollte sich der Mensch nur wie eine Pflanze gleichmäßig entwickeln?


Ahnungen des Christenthumes in der vorchristlichen Welt sind häufig; sie finden sich nicht allein in der Bibel, sondern auch im asiatischen Alterthume und in der hellenischen Welt, z. B. bei Sophokles. Alle große Gedanken früherer Zeiten deuten auf das Christenthum hin, und so zieht sich eine tiefe geistige Einheit durch dieselben. Es sind Ahnungen, welche das Christenthum erfüllt hat. Die einzelnen Menschen wie die Völker stehen durch ihr Thun und geistiges Leben in verborgenem Zusammenhange mit andern Kräften, die ihnen selbst unendlich fern zu liegen scheinen. Ueber allen aber schwebt ein tiefer Zusammenhang, den wir nur zu ahnen vermögen. Auf dieser Ueberzeugung ruhen meine Ansichten von Toleranz und Resignation.


Eine tiefe Mythe ist die Versuchungsgeschichte Christi. Unmöglich kann es ein müßiges Märchen oder eine leere Erzählung sein. Ist es das aber nicht, was soll man von ihrem Inhalte denken? Entweder das Böse tritt Christus dem reinen als innere Versuchung nahe, wie soll man das mit seiner Sündlosigkeit und göttlichen Natur vereinen? Oder es kommt ihm von außen, wer ist dann der, welcher es wagt, dieser reinen Persönlichkeit nahezutreten und ihn in Versuchung zu führen? Welche ungeheure Macht müßte das sein!


Es gibt nichts Heiligeres, Reineres als die Reden Christi in den Evangelien; sie athmen die höchste Liebe und Milde. Es liegt in ihnen eine unendliche Tiefe. Die größten, erhabensten Gedanken spricht Christus mit erschütternder Einfachheit aus, besonders bei Johannes. Aber kommt man selbst hier ohne Zweifel fort? Steht Paulus, der doch ein großer und tiefsinniger Lehrer war, in der That noch auf derselben Stufe wie die Lehre Christi bei Johannes? Bei ihm ist schon nicht mehr diese Unmittelbarkeit und Unbefangenheit. Er hat schon von dem Seinen hinzugethan; er ist ein scharfer Denker, hat aber etwas Abschließendes und Systematisches.

Wie herrlich ist Christi Rede: „Lasset die Kindlein zu mir kommen!“ Auch uns gilt das. Für uns, die wir so viele Stadien der Civilisation durchgemacht haben, wird bei aller Bildung die Einfachheit, die rührende Demuth, der hingebende Glaube eines Kindes als das Letzte bezeichnet, wonach wir streben sollen. Zu diesem Ausgangspunkte also sollen wir zurückkehren; es gibt nichts Höheres.