7. Religion.

Das Abstracte in der Philosophie hat mir immer fern gelegen, dennoch bin ich mit vielen ihrer Gedanken einverstanden, solange sie den Charakter des Unmittelbaren an sich tragen. Aber mit der Systematik scheint mir in der Geschichte der Philosophie das Böse hervorzutreten. Einer der widerstrebendsten Gedanken ist für mich der des Zusammenhanges. Sind wir denn wirklich im Stande ihn überall zu erkennen? Ist es nicht frömmer, menschlich edler und aufrichtiger, einfach zu bekennen, daß wir ihn nicht wahrzunehmen vermögen, daß unsere Erkenntniß sich nur auf Einzelnes bezieht, und daß man sich resignire? Gewiß ist es löblich, daß jeder verständige Mann seine Grundsätze habe, und danach sein Denken und Handeln einzurichten suche, aber die Philosophen wollen den Zusammenhang um des Zusammenhangs willen, sie machen ihn und verknüpfen das Einzelne, um ein System zu haben, und haben sie es, so schütten sie in dieses Fachwerk alles Mögliche hinein was paßt und nicht paßt. Alles soll fertig sein. Aber der Mensch kann und soll nicht Alles wissen. Er vermag die Dinge stets nur von einer Seite zu sehen, und darin liegt die Einseitigkeit aller Systeme. Man kann sich wie in gewisse Gefühle, so in eine bestimmte Auffassungsweise hineinstudiren. In der Beziehung hat Wackenroder ein großes und kühnes Wort ausgesprochen: „Systemglaube ist schlimmer als Aberglaube“.


Die Welt des Glaubens, der einfachen Andacht und der systematischen Forschung sind so verschieden, sie gehen von so verschiedenen Anschauungen und Bedingungen aus, daß ihre Vereinigung fast unmöglich erscheint. Ich glaube man wird wieder auf Kant zurückkommen, der beide streng voneinander schied. Fichte behauptete, er erkläre die Religion erst durch seine Philosophie, und Hegel ist derselben Meinung gewesen.


Das Wunder war nicht vor unserer Zeit, es ist zu allen Zeiten. Es ist kein außerordentlicher Zustand, es umgibt uns an allen Orten; es ist in uns, außer uns, unser ganzes Dasein ist ein Wunder. Aber der Mensch ist stumpf dagegen geworden. Die Schwere des Lebens ergibt sich daraus, daß tiefere Naturen das Wunder ahnen, aber nicht erklären können.


Jeder Mensch trägt das Ebenbild Gottes in sich. Wo aber bleibt es bei den Dummen und Boshaften, und wie ist es bei ihnen wiederzuerwecken?