Sieht man auf die Weltgeschichte, welche blühende Länder waren einst Persien und Griechenland, und sie sind der Barbarei verfallen. Wie die griechischen Staaten war Rom im Besitze der höchsten Cultur, und sie ist untergegangen. Uns kann es mit unserer gepriesenen Bildung ebenso ergehen! Wie oft hat sich nicht der Zustand der neuern Völker geändert! Wo ist da der Fortschritt? Wie erhaben, groß und göttlich ist nicht das Christenthum zuerst, und mit welchem Wust von Tradition haben es Katholicismus und Priester belastet! Und machen es manche protestantische Geistliche anders? Auch unter ihnen gibt es Pfaffen; immer noch will man herrschen und bevormunden! Wenn man dagegen behauptet, die Entwickelung der Menschen sei eine Spirale, auch der Rückschritt könne ein Fortschritt sein, so kommt das einer Sophisterei doch sehr nahe! Wenn nun am Ende ein schließlicher, vollendeter Zustand als Ziel aller Entwickelung angenommen wird, wie soll man sich diesen denken?
Ist etwa unser politischer Zustand so sehr viel besser geworden als früher? Etwa seit das Reden, Deliberiren und Parlamentiren in den Kammern nicht abreißen will, was dem Lande ein ungeheures Geld kostet? Und nun gar die sogenannten Demokraten! Ich habe in meiner Jugend auch Demokraten gekannt, aber das waren doch ganz andere Leute! Was für einen moralischen Kern hatten die nicht! Aber diese Burschen von heute! Sie bilden sich ein, Alles würde besser werden, wenn man sie nur gewähren ließe! Sie sind beleidigt, wenn man sie nicht gleich als einen neuen Moses oder Solon ansehen will! Und was hört man von ihnen? Aus aller Mund stets dieselbe triviale Weisheit!
In meiner Jugend waren die kosmopolitischen Ideen vielleicht noch allgemeiner herrschend als heute. Wie oft habe ich nicht mit A. W. Schlegel darüber gestritten, der ihnen ganz ergeben war! Er meinte wol, es sei ganz gleichgültig, wer regiere und wie es geschehe, und am Ende je schlechter, desto besser sei es, dann werde die Wissenschaft um so freier und unabhängiger sein. In dieser Allgemeinheit habe ich solche Gedanken nie begreifen können. Immerdar habe ich das wirkliche Vaterland für das Erste und Nächste gehalten, auf das der Mensch angewiesen sei, und an das er sich halten müsse. Die kosmopolitischen Ideen haben die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts beherrscht; es hängt dies wieder mit dem Gedanken der Bildung zusammen. Auch unsere großen Dichter haben ihnen gehuldigt; Goethe, als er sich von seinen Jugenddichtungen abgewendet hatte, und ebenso Schiller.
Im Leben wie in der Geschichte kommt auf das Persönliche und Individuelle zuletzt Alles an, und keine Geschichte ist daran reicher als die deutsche. Seit Tacitus haben die Deutschen eigentlich immer denselben Charakter behauptet, und dieser ist eben das Individuelle. Sie haben einen starken Sinn für Freiheit und Unabhängigkeit, sie isoliren sich, und wollen sich in ihrer Eigenthümlichkeit entwickeln. Dies hat mit der Gleichmacherei der modernen Demokratie nichts zu thun, es ist vielmehr der gerade Gegensatz derselben. Es liegt in diesem Zuge etwas viel Tieferes, Heiligeres, was sich in einer fertigen Formel gar nicht ausdrücken läßt. Jeder will sein innerstes Wesen festhalten und darstellen. Voll Treue hängt man an den Fürsten, so lange man in diesem Punkte nicht angegriffen wird, dann aber kommen Widerspruch, Trotz und Hartnäckigkeit zum Vorschein. Im Mittelalter kämpfen mit dieser Richtung auch die besten und kräftigsten Kaiser umsonst. Kaum sind sie nach Italien gegangen, so geht es in ihrem Rücken los.
Wie groß ist nicht die Zeit von Karl dem Großen bis zum Untergange der Hohenstaufen. Großartig sind die Erfolge der Regierung Karl’s, wenn auch seine Politik mitunter hart, ja grausam erscheint, so gegen die Sachsen, deren Bekämpfung aber geboten war. Es war ebenso sehr ein politischer als ein Religionskrieg, beides ist in jenen Zeiten untrennbar miteinander verbunden. Da alle Zustände noch etwas Schwankendes haben, und die Existenz der Kirche selbst noch in Frage gestellt ist, wird es für die Fürsten zur Pflicht, das Leben durch kräftige Maßregeln zu schützen. Eine anziehende Erscheinung ist Wittekind, der sich nach hartem Kampfe der höhern Macht unterwirft. Es ist schade, daß wir nur das Resultat seiner Geschichte, nicht aber ihre Einzelheiten kennen. Eine große Persönlichkeit ist Heinrich I. Es liegt in seinem Charakter etwas Bescheidenes, Einfaches, ja Heiteres; und doch wie stark ist er nicht! Er rettet Deutschland vom Untergange durch seine individuelle Kraft. Gewaltig tritt Otto I. auf, und fromm, demüthig, liebenswürdig erscheint neben ihm Adelheid. Endlich die Hohenstaufen! Welche herrliche Gestalt ist nicht Friedrich I. in der reichsten Zeit des Mittelalters? Die kühnsten Pläne hatte Heinrich VI. und voll Schwung war Friedrich II., der den großen Versuch macht, seine Zeit umgestalten zu wollen. In diese Reihe der großen und glänzenden Kaiser gehört schon Rudolf von Habsburg nicht mehr hinein. Da fängt schon die schlechte Hauspolitik an; er ist klug, bürgerlich nüchtern, und doch nicht ohne harte Seiten des Charakters. Eine viel genialere Persönlichkeit ist offenbar sein Gegner Ottokar; sein Wesen ist gewaltsam, aber es bewahrt den ritterlichen Glanz früherer Zeiten, denen er noch angehört.
Mit den besten Seiten des deutschen Lebens hängen auch seine Schwächen zusammen. Die individuelle Entwickelung führt zu Absonderungen, und diese zu Spaltungen, an denen unsere Geschichte nur allzu reich ist. Dies zeigt sich heute namentlich in der Politik der kleinen Fürsten und Staaten, wodurch freilich auch dem fremden Einflusse die Thür geöffnet wird. Dennoch geht durch alle diese Spaltungen ein gewisser allgemeiner Geist hindurch, eine innere Einheit und Uebereinstimmung, die bisjetzt noch nicht auszurotten gewesen ist, und ihr verdanken wir es, wenn Deutschland noch nicht Polens Schicksal gehabt hat. Diese individuelle Richtung kann im glücklichen Augenblicke noch einmal seine Größe werden. In England waren früher ähnliche Verhältnisse, aber hier siegte die Einheit. Dort nimmt Alles gleich die Richtung auf die Verfassung, und so kommt ein Gleichgewicht zu Stande, während in Frankreich die Einheit überwiegt.
Eine schöne Aufgabe wäre es, einmal die tiefen Charakterzüge des deutschen Lebens, die man das Urgermanische nennen kann, durch alle Gebiete, Staat, Kirche, Poesie und Literatur zu verfolgen und zusammenzustellen. Es würde ein echtes Bild deutschen Wesens geben.