Auch Ludwig wurde von diesen Gedanken ergriffen. Als er sich indeß zu Hause in der Weise neufränkischer Begeisterung vernehmen ließ, wurde er von dem Vater nicht eben glimpflich zurechtgewiesen. Dergleichen weltreformirende Reden mochten diesen im Munde des kecken Sohnes doppelt verdrießen. Er war ein zu guter Bürger und zu sehr Freund strenger Herrschaft, um sich mit dem Umsturze bürgerlicher Ordnung befreunden zu können. Er ahnte das Zerstörende solcher gewaltsamen Bewegungen, und pflegte diese politischen Erörterungen mit den Worten zu enden: „Dabei kann nur Verkehrtes und Thörichtes herauskommen. Das ganze Volk taugt zu solchen Dingen nicht. Der Erfolg wird es lehren!“
Der Erfolg lehrte es in der That. Als die Zeiten des Schreckens kamen, wurden auch die kühnen Sprecher stumm; und als der Vater voll Genugthuung fragte: „Nun, habe ich es nicht gesagt? Wer hat nun Recht?“ hatte Ludwig dem nichts entgegenzusetzen. Vor diesen Gräueln schauderte seine innerste Natur zurück. Die Erregung für Revolution und Politik erlosch, und er wandte sich wieder den Kreisen des innern Lebens zu, die er eigentlich nie verlassen hatte.
9. Verlust und Versuchung.
Doch auch jenes künstlerische Stillleben sollte ein Ende nehmen. Hier zuerst hatte sich den Freunden eine Welt erschlossen, in welcher sie sich dem Alltäglichen entrückt fühlten. Innig verbunden durch Talent und Freundschaft, im Bewußtsein der ersten frischen Kraft, getragen von überschwellender Begeisterung für Dichtung und Kunst, hatten sie Augenblicke reinen Glücks und jugendlicher Seligkeit genossen. Aber es war nur ein Augenblick, in dem die Strahlen zum vollen Farbenspiele sich verbanden, und dieser Augenblick war entflohen, als man ihn am sehnlichsten zu halten gewünscht hätte. Langsam und allmälig hatte dieser Freundeskreis sich zusammengefunden, rasch löste er sich wieder. Schon hatte der Tod seine Hand über ihn ausgestreckt, und schmerzliche Erfahrungen kamen an die Reihe.
Viering, der Freund, dessen Witz und Laune die Gefährten so oft erheitert hatten, schied zuerst aus. Er wurde das Opfer eines knabenhaften Vorwitzes, dessen Versuchungen er mitten im künstlerischen Aufschwunge nicht widerstehen konnte. An einem Winternachmittage hatte Ludwig seine Freunde Viering und Hensler auf einem Spaziergange vor das Kottbuser Thor begleitet. Scherzend und lachend kam man an einen Graben, den bereits eine leichte Eisrinde deckte. Voll Uebermuth rief Viering, ob man sich wol entschließen würde, in das eisige Wasser zu springen. Hensler antwortete zweifelnd; man ereiferte sich, und sobald Ehrgeiz und Eitelkeit sich einmal verletzt fühlten, überboten sich Beide in knabenhafter Weise. Jeder wollte den Andern überführen, er besitze männliche Entschlossenheit genug, um dieses Probestück des Muthes und der Abhärtung auf der Stelle zu wagen. Ludwig stellte ihnen das Kindische, das Lächerliche eines solchen Ehrgeizes vor, er bat, ermahnte, schalt. Ohne daß er es hindern konnte, warfen sich Beide in das Wasser. Durchnäßt, erstarrt eilten sie dann nach Hause. Viering erkrankte gleich darauf heftig; er verfiel in ein hitziges Fieber, in acht Tagen war er todt. Hensler kam ohne erheblichen Nachtheil für seine Gesundheit davon.
Aber auch andere Lücken traten ein. Schon früher war Piesker nach Wittenberg gegangen, um dort die Rechte zu studiren. Zu gleichem Zwecke hatte sich Toll Ostern 1790 nach Frankfurt begeben.
Mit angestrengtem Fleiße hatte er auf der Schule gearbeitet, und da er auch an den künstlerischen Spielen lebhaften Antheil nahm, manche Nacht geopfert. Durch starke körperliche Uebungen suchte er dann das Gleichgewicht der Kräfte wiederherzustellen. Schon damals war sein Gesicht von einer unheilkündenden Blässe überzogen. Als Student setzte er diese Lebensart fort. Aber noch etwas Anderes zehrte an ihm. Er hatte eine heftige Neigung zu Reichardt’s älterer Schwägerin, Marie Alberti, gefaßt. Zwar blieb sie nicht unerwidert, aber für jetzt hatte sie wenig Aussicht auf Erfüllung. Die Trennung steigerte seine Leidenschaft, die Sehnsucht trieb ihn nach Berlin zurück. Seine Gesundheit wankte. Darauf wurde er in Frankfurt von einem Nervenfieber ergriffen und erkrankte tödtlich. Seine Freunde eilten Ludwig von dem drohenden Verluste zu benachrichtigen; zugleich baten sie ihn, bei Reichardt zu vermitteln, daß er seiner Schwägerin nach Frankfurt zu reisen erlauben möge. Von ihrem Erscheinen hoffte man eine günstige Wendung für den Kranken.
Ludwig that, was man gewünscht hatte. Für ihn selbst war diese Nachricht ein Donnerschlag. Wie hatte er gerade diesen Freund geliebt, sich an ihn gelehnt, in dem sich Geist und Anmuth der Form mit einem festen, männlichen Charakter verband! Mit jeder Stunde stieg die bange quälende Erwartung. Er trug es nicht länger. Wie er ging und stand, zu Fuß, machte er sich auf den Weg nach Frankfurt. Er dachte nicht an die Folgen dieses eigenmächtigen Entschlusses, nicht an die Anstrengung des Weges. Er wollte Gewißheit haben, womöglich den Freund noch einmal sehen.
Es war im Herbst des Jahres 1790. Trübe und kalte Wolken bedeckten den Himmel, es regnete. In athemloser Eile trieb ihn der Gedanke an den sterbenden Freund unaufhaltsam vorwärts. Nicht genug konnte er seine Schritte beschleunigen; zuweilen brach er in lautes Weinen aus. Erst spät in der Nacht gönnte er sich Ruhe in einer gewöhnlichen Herberge. Kaum graute der Tag, so eilte er weiter. Es gab für ihn keinen Schlaf, er fühlte keine Ermattung, keinen Durst oder Hunger. Bei Madlitz, dem Schlosse des Grafen Finkenstein, kam er vorüber. Er warf einen halben Blick auf den Park, der in Nebelregen gehüllt, trüb und entblättert vor ihm lag. Ahnte er, daß ihm dieses Haus einst eine heimatliche Stätte sein werde? Abgemattet von Anstrengung und innerer Angst, durchnäßt von dem strömenden Regen, mit beschmuzten Kleidern kam er endlich in Frankfurt an. Er eilte nach Toll’s Wohnung. Da fand er den Freund bereits auf der Bahre. Man hatte die Leiche ausgestellt; eine feierliche Bestattung ward vorbereitet. Marschälle mit Stäben umgaben den Sarg. Ludwig trat hinzu, sie wehrten ihn ab. Wild und wüst, wie er aussah, hielt man ihn für einen unbefugten Eindringling. Voll Schmerz zog er sich zurück. Verwandte seines verstorbenen Freundes nahmen ihn für die nächsten Tage auf.
Das Begräbniß erfolgte mit allem studentischen Prunke. Ludwig wohnte ihm als Leidtragender bei. Am Grabe sprach ein Student einige Worte der Erinnerung, Heinrich Zschokke aus Magdeburg. Früher Theaterdichter bei der Schauspielertruppe in Landsberg, hatte dieser sich erst spät entschlossen, zu studiren. Seine mannichfachen Erfahrungen, sein männlich ausgebildetes Wesen und Derbheit hatten ihm unter den Studenten bedeutendes Ansehen erworben. Ludwig machte seine persönliche Bekanntschaft, doch weder die Stimmung noch der Augenblick waren zu weiterer Annäherung geeignet. In trauriger Leere des Herzens kehrte er nach Berlin zurück. Es war der schwerste Verlust, welchen er noch erlitten hatte, und lange Zeit dauerte es, ehe diese Wunde sich schloß.