Die Erfahrungen der letzten Zeit hatten überhaupt einen erschütternden Eindruck auf ihn gemacht; sie gewannen einen tiefen, bleibenden Einfluß, der sein Wesen umzugestalten schien. Oder vielmehr eine andere dunklere Seite desselben, die bisher von manchen glücklichen Erfolgen bedeckt worden war, fing an hervorzutreten. In der Stille war mit der Lust auch der Schmerz, mit dem Uebermuthe auch die Schwermuth gewachsen. Mit immer düsterern Blicken begann er das Leben zu betrachten. Seit jene ernste, heftig freundschaftliche Neigung abgewiesen worden, waren trübe Stimmungen und rascher Wechsel von ausgelassener Laune und finsterer Selbstpeinigung bei ihm häufig geworden. Seitdem hatte er jenen unglücklichen Soldaten einer Grausamkeit erliegen sehen, welche in der Gestalt des Rechts auftrat; einen Freund hatte er als Opfer kindischer Thorheit, den andern in der Fülle der Kraft und Hoffnung verloren. Warf er einen Blick auf das, was man Bildung und Aufklärung nannte, auf das Glauben und Wissen der Zeit, wie armselig erschien ihm beides! Er sah, wie Dünkel und Hochmuth sich blähten, wie die Unwissenheit Orakel ertheilte, welche man gläubig aufnahm, während man die wirklich Einsichtigen verhöhnte; wie man zu wissen wähnte oder vorgab, wo man wie die Menge im Dunkeln tappte. Auch ihn hatte man misverstanden, verkannt, seine tiefsten Ueberzeugungen gebieterisch abgewiesen. Und was wußte er am Ende von diesen selbst zu sagen? Wie oft trat nicht der Zweifel an die Stelle der Zuversicht! Wenn in einem Augenblicke die Welt zu seinen Füßen zu liegen schien, wie schwach, ohnmächtig, vernichtet fühlte er sich oft nicht im nächsten! Ueberall, wohin er blickte, ein Jagen und Rennen, ein Kämpfen und Ringen, ein Jauchzen und Klagen, unaufhörlich, immer wieder von neuem beginnend! Was wollte das Alles? Wo war der Mittelpunkt, um welchen dieser dunkle und wirre Knäuel von Arbeit und Mühsal, Kampf und Schmerz, Wahn und Thorheit sich drehte?
Es gab Zeiten, wo das Gefühl alles Jammers und Elends seine Seele mit furchtbarer Gewalt ergriff, wo ein dumpfer Schmerz sich seiner bemächtigte, durch welchen immer wieder die Frage hindurchhallte, auf die er keine Antwort hatte, Wozu? Warum? Ist es ein ewig in sich wiederkehrender Kreislauf, oder gibt es ein Ziel für diese verschlungenen Wege? Und wenn das, wo liegt es? Wo gibt es Aufschluß und Gewißheit? So stand er vor den Grundfragen des Daseins, und mühte sich vergebens sie auszudenken.
Aber Gott, Gott lebte doch! Zeugte nicht sein eigenes Herz von ihm? In sich fühlte er eine tiefe Bewegung, das Bedürfniß, den Gedanken Gottes sich näher zu bringen, ihn zu fassen, festzuhalten. Aber wie sollte er ihn bewältigen? Mit niederschmetternder Gewalt, mit unendlicher Furchtbarkeit stand er vor ihm; das Gefühl der tiefsten Schwäche, der vollständigsten Unzulänglichkeit warf ihn zu Boden. Je mehr er sich in den Gedanken des einen, ewigen, unendlichen Gottes zu versenken strebte, desto unergründlicher zeigte er sich; je mehr er ihn mit tödtlicher Angst suchte, desto tiefer schien er in eine ungewisse und nebelhafte Ferne zu entweichen. Es war ihm, als stehe er am Rande eines unabsehbaren, schwarzen Abgrundes, in den er hineinstürzen müsse. Dann wieder, als blicke er zu der schwindelnden Höhe eines unerreichbar steilen Gipfels empor, bis er selbst von jähem Schwindel ergriffen niederfalle. Diese Angst steigerte sich bis zum wirklichen Schwindel, zum körperlichen Schmerz. Wenn seine Seele, Zeit und Raum vergessend, lange über diesen Abgründen geschwebt hatte, fühlte er es plötzlich wie einen nervenzerreißenden Stoß durch das Gehirn dröhnen. Unter den Schauern tiefsten Grausens fuhr er aus seinen Träumereien empor; er war erschöpft, ohnmächtig. Auf diesem Wege lag der Wahnsinn!
Konnte denn der Mensch die Fülle und Tiefe der göttlichen Gedanken überhaupt in sich aufnehmen? Mußte der unfaßbare Inhalt nicht das schwache Gefäß zersprengen? Die Kluft war so unermeßlich tief, so unausfüllbar; es schien so unmöglich, von der menschlichen Seite nach der Gottes hinüberzureichen, daß schon darum die göttliche Liebe eine Vermittelung geben mußte, um ihr Geschöpf nicht der vernichtenden Verzweiflung zum Raube werden zu lassen. Aber nur selten gelang es ihm, diese tröstliche Ueberzeugung festzuhalten, und immer wieder von neuem fühlte er sich in jene tödtliche Angst hineingeschreckt.
So ergriff ihn denn zu Zeiten die vollste Trostlosigkeit, ja Verzweiflung. Er wurde sich selbst ein unlösbares Räthsel, ein Gegenstand des Schreckens, des Entsetzens. Fremd, unkenntlich, als ein Anderer stand er sich selbst gegenüber. Mit diesen schwindelnden Gedanken verbanden sich die entsetzlichen Bilder seiner Phantasie. Sie warf ihre finstern, grauenhaften Schatten vor ihm her. Gespenstisch sah er von außen die Gestalten auf sich zuschreiten, welche aus der Tiefe seines Innern aufstiegen. Dann packte es ihn mit der Fiebergewalt des Wahnsinns, gleichviel wo er war, ob allein oder unter Menschen. Die Balken schienen über ihm zusammenzubrechen, es jagte ihn hinaus auf die Straßen, ins Freie. Da erst schöpfte er Athem.
Als er einmal im Begriff war, in das Theater zu gehen, um den „Macbeth“ zu sehen, überfiel ihn plötzlich jenes Grauen. Er konnte es nicht über sich gewinnen, einen Schritt weiterzugehen; er kehrte um. Athemlos lief er belebtern Straßen zu, um sich selbst zu entfliehen. Auch das helle, nüchterne Schulzimmer war keine Freistatt, die ihn vor seinen Furien schützte. Freunde und Mitschüler erschienen ihm plötzlich fremd und verwandelt, ihre Gesichter verzerrten sich zu grinsenden Larven. Mit jedem Augenblicke stieg seine Angst; sie umringten ihn, sie schienen sich seiner zu bemächtigen. Er stürzte hinaus; in gewaltsam hervorbrechenden, unaufhaltsamen Thränen machte er seinem, von starrem Entsetzen zusammengepreßten Herzen Luft. Erst nach einer halben Stunde oder später vermochte er zu seinen Mitschülern zurückzukehren.
Nach solchen Anfällen versank er stets in tiefere Hoffnungslosigkeit. Er verzweifelte an seinem Leben, am Dasein, an jeder höhern ordnenden und leitenden Macht. Alles schien ihm gleich nichtig, gleich widersinnig, der Mensch gehetzt wie ein scheues Wild, eine Beute qualvoller Widersprüche, endloser Plagen, geistigen und körperlichen Elends. Nur der Tod war ein sicheres Heilmittel. Die Versuchung des Selbstmords stieg in ihm auf.
Oder andere verzweiflungsvolle Gedanken umdrängten ihn. Nicht das Gute, das Böse beherrscht die Welt! Ein Ausfluß dieser herrschenden Macht sind die Qualen, denen der Mensch unterworfen ist. Wie, wenn es möglich wäre, sich mit dieser Macht in irgendeine unmittelbare Verbindung zu setzen? Sollte es ihr nicht möglich sein, sich in sinnlicher Erscheinung zu zeigen? Gibt es einen bösen Dämon, einen Teufel, einen sinnlich wahrnehmbaren Vertreter des Bösen, sollte es dann kein Mittel geben, welches ihn zwänge, aus seiner Verborgenheit hervorzutreten? Mit seinen gräßlichen Phantasien verband sich nun das zur fixen Idee steigende Verlangen, den Teufel mit eigenen Augen zu sehen. Eine wahnwitzige Tollkühnheit ergriff ihn.
Schon früher hatte er angefangen, auf einsamen, nächtlichen Spaziergängen umherzuirren. In den entlegenen Theilen der Stadt, vor den Thoren suchte er die Kirchhöfe auf. Bis in die Nacht hinein saß er dumpf brütend auf den Gräbern, bis ihm die Glieder erstarrten. Gibt es einen bösen Dämon, dachte er, so muß er dem Rufe einer Seele folgen, die mit voller, innerster Willenskraft seine Erscheinung fordert. In steigendem Wahnwitze rief er dann durch die Nacht, der Teufel solle ihm erscheinen. Aber Alles blieb still, nur sein eigener Ruf hallte gespenstisch zu ihm zurück. Er erwachte voll Entsetzen und eilte nach Hause. So führte er Tage und Nächte lang ein angstvolles Traumleben, und nachtwandlerisch streifte er hin am Abgrunde des Wahnsinns.