Aus diesen wiederkehrenden Anfällen entwickelte sich endlich ein Zustand innerer Versunkenheit, dauernder Schwermuth, welche auch die freien Augenblicke mit einer ihm wohlthuenden Dumpfheit umspann, aus der er gewaltsam aufgerüttelt werden mußte. Sein Wesen war verändert. Er war zerstreut, vergeßlich, er sah und hörte nicht, von einem Gedanken war alles Andere verschlungen. Seinen Gefährten erschien er sonderbar, unerklärlich. Zuweilen nahmen sie zu komischen Mitteln ihre Zuflucht, um ihn ins Leben zurückzurufen. Wenn er in ihrem Kreise in sich versank, seine Umgebung, Zeit und Ort vergaß, dann ließen sie eine Weckeruhr schlagen, deren unaufhörlich gellendes Hämmern ihn endlich wieder zu sich brachte.
Solche Augenblicke der Bewußtlosigkeit bereiteten ihm auch nicht selten halb lächerliche, halb grauenhafte Verlegenheiten. Als ihn einst sein Weg durch die Markgrafenstraße führte, fiel es wieder wie ein Schleier auf ihn. Er wußte nicht, wo er war. Mit voller Deutlichkeit sah er die Menschen an sich vorübergehen, er wußte, daß ihm diese Häuser, diese Straßenecken bekannt seien, dennoch konnte er sich nicht sagen, wo er eigentlich sei. War er in Frankfurt, in Brandenburg oder in Potsdam? Dies waren die bedeutendsten Städte, die er außer Berlin gesehen hatte. In welcher von diesen war er? Dieses Gefühl der Unsicherheit, der Bewußtlosigkeit steigerte sich bis zur quälenden Angst. Er mußte ihr ein Ende machen. Es durchzuckte ihn der Gedanke, daß er sich dem Verdachte des Irrseins aussetze, dennoch beschloß er, irgendeinen der Vorübergehenden anzureden, um sich aus diesem Zustande zu retten. Aber nicht Jedem durfte er mit seiner Frage kommen. Schüchtern trat er auf einen ältlichen Mann zu, dessen Mienen ihm Zutrauen einflößten. „Sie sind in der Markgrafenstraße“, lautete die Antwort. Seine Verlegenheit stieg; das hatte er auch gewußt. Stammelnd, unter manchen Entschuldigungen brachte er endlich heraus, er wisse nicht, in welcher Stadt er sei. Der Angeredete maß ihn mit großen Augen und rief dann unwillig: „Das geht zu weit, sich solchen Spaß zu erlauben!“ Ludwig wollte reden; jener ließ ihn nicht zu Worte kommen. „An Ihrer Sprache höre ich, Sie sind ein berliner Kind, und Sie sind dreist genug, mir einbilden zu wollen, Sie wüßten nicht, daß Sie in Berlin selbst sind?“ Als Ludwig zu betheuern fortfuhr, nichts habe ihm ferner gelegen, als ein schaler Spaß dieser Art; in einer augenblicklichen Zerstreutheit habe er sich in der That nicht zurechtfinden können, sagte der Andere: „Schämen Sie sich, junger Mann! Wie kommen Sie in Ihrem Alter zu einer so unleidlichen Affectation? Versuchen Sie dergleichen nicht wieder, Sie könnten zum zweiten Male schlimmer ankommen!“
Tief beschämt blieb er stehen. Er kam sich in diesem Augenblicke unendlich abgeschmackt vor. Jener hielt ihn für einen muthwilligen Possenreißer oder einen eiteln Thoren. Das Bedenkliche seines Gemüthszustandes trat ihm klar entgegen; er erkannte, wohin solche Abirrungen führen müßten. Er legte sich das Gelübde ab, ihnen, wie den Stimmungen, aus welchen sie hervorgingen, mit aller Kraft entgegenzuarbeiten. Freilich durch einen einfachen Act des Willens allein ließ sich seine schwere Seelenkrankheit nicht heben.
Aber öffnete sich denn aus diesen grauenhaften Irrgängen kein Weg der Rettung? Gab es kein Heilmittel, welches ihn seinen Leiden entrissen hätte? Wie tief sehnte er sich nicht in freien Augenblicken nach Ruhe, nach der Stille innern Friedens! Was konnten ihm in solchen Zuständen die gewöhnlichen sogenannten Zerstreuungen sein, oder auch das oberflächliche Zureden der meisten seiner Gefährten, die seine Stimmung nicht begriffen, und kaum eine Ahnung davon hatten, worum es sich hier handle! Die Fesseln der geregelten Thätigkeit hatte er abgeworfen. Der Vater, so streng er früher gewesen, ließ ihn jetzt seines Weges gehen. Bei einem so seltsamen, unberechenbaren Wesen mochte er oft rathlos sein.
Unter seinen Lehrern hatte vor andern der Conrector Weißer sein Vertrauen erweckt. Dieser versuchte es, in seine Stimmungen einzugehen und sie zu leiten. So waren Beide miteinander bekannter geworden, und Ludwig sprach bisweilen dem ältern Manne gegenüber seine Gefühle rücksichtlos aus.
„Seit einiger Zeit“, klagte er einmal zu Weißer, „fühle ich mich tief in innerster Seele bewegt. Tausend verschiedenartige Gedanken erfüllen mich. Wechselnde Gefühle und Leidenschaften stürmen auf mich ein, neue bedeutende Eindrücke machen sich geltend, deren ich vergeblich Herr zu werden suche. Von alle dem fühle ich mich so betäubt, ich bin so unruhevoll, so friedlos! Es war doch eine schöne Einrichtung des Mittelalters, daß man dem verwirrenden Lärm der Welt entfliehen konnte! Man ging in ein Kloster und war von allen Sorgen der Welt befreit. Welche tiefe Ruhe muß es geben, einem großen Gedanken das ganze Leben zu widmen, in ihn alle andern, die uns tausendfach quälen, versenken zu können! Ich wünschte, auch wir hätten unsere Klöster!“ So schloß er seine Rede voll tiefer Bewegung. Mit stummem Erstaunen hatte ihn Weißer angehört. Endlich platzte er heraus: „Tieck, für dieses eine Wort verdienten Sie gehängt zu werden!“ Soweit er sich auch mit der Empfindungsweise seines Schülers vertraut gemacht hatte, diese katholisirende Versündigung am gesunden Menschenverstande war ihm doch zu stark. Sein ganzer Aufklärungseifer erhob sich dagegen; nicht entschieden genug glaubte er dergleichen Grillen abweisen zu können.
Abermals war Ludwig wie vernichtet. Das Wort erstarb ihm auf der Zunge. Im überwallenden Gefühle hatte er sich geäußert, und so roh und verletzend konnte ihm der Mann entgegentreten, der ihn sonst noch am meisten zu verstehen pflegte. Solche Erfahrungen scheuchten ihn immer mehr in sich selbst zurück, und allmälig bildete sich in jener finstern Versunkenheit eine gewisse überlegene Ironie gegen seine Umgebung aus, welche sich mit so großer Sicherheit und Behaglichkeit in ihren Grenzen bewegte.
Natürlich wäre es gewesen, eine so in Verzweiflung ringende und kämpfende Seele auf Religion und Glauben zu verweisen, und gerade jetzt in dieser Zeit, wo Ludwig als selbständiges Mitglied in die Gemeinde eintreten sollte. Aber was er hier zu erwarten hatte, sah er an seinem Lehrer, der selbst ein Theolog war, und in das Predigtamt überzugehen gedachte. Was hatte dieser auf jenen Ausdruck einer tiefen Sehnsucht nach Frieden zu erwidern gewußt? Er hatte ihm statt des Brotes einen Stein gereicht!
Der Unterricht des Geistlichen, der ihn auf die Einsegnung vorbereiten sollte, des Predigers Lüdecke an der Petrikirche, ging spurlos an ihm vorüber. Dieser, ein wohlwollender, freundlicher, aufgeklärter Mann, hatte von den Seelenzuständen seines Schülers keine Ahnung. Er trug die Glaubenslehre nach seinen Grundsätzen vor und ließ es damit genug sein. Ludwig sah in dem ganzen Verfahren nur eine herkömmliche Form, die einmal innegehalten werden mußte. Im Unterrichte selbst half ihm seine leichte Auffassung und die Bibelfestigkeit, welche er sich als Kind erworben hatte. Niemand wußte besser Bescheid in der Bibel als er, und konnte die verlangten Sprüche geläufiger hersagen. Wurde er nicht in dieser Weise in Thätigkeit gesetzt, so hing er seinen Gedanken nach.