Aber in dieser Verzweiflung ward ihm doch ein Trost zu Theil, der gerade in den schmerzlichsten Augenblicken wie ein milder Thau auf die Glut niederfiel, die ihn verzehrte. Er fand ihn in der Natur. Es war ein nicht minder tiefer Zug seiner Seele, der ihn zur Natur, in die geheimnißvolle Stille ihres Lebens führte. Auch hier fühlte er sich einem mächtigen und dunkeln Zauber hingegeben, der alle seine Sinne bewältigte, und ihn mit unwiderstehlicher Kraft in Busch und Wald und in die Mondnacht hinaustrieb. Wie hätte er widerstreben können, da hier eine geheime Gewalt den Bann, welcher auf ihm lastete, zu lösen schien!
Stunden lang konnte er auf einsamen Wegen in den wildern Gegenden des Thiergartens umherirren. So einfach dieses Naturleben auch war, dennoch konnte er bis zur Selbstvergessenheit darin versinken. Hier, in der Abgeschiedenheit des Waldes, unter rauschenden Bäumen, wenn im dämmernden Zwielichte zerrissene Wolkengestalten durch die Wipfel herniederblickten, wo nur der Ruf eines einsamen Vogels die tiefe Stille unterbrach, hier war er freier, er lauschte auf den Athemzug der Natur, er fühlte in ihr ein verwandtes Herz schlagen. Allein mit den ersten reinsten Kräften des Lebens vergaß er sich selbst und der Larven, welche ihn ängstigten. Träumerisch lag er im Grase, die Sonne ging hinter den Bäumen unter, und er konnte unter dem Nachthimmel den Morgen heranwachen, bis der feuchte Thau seine Kleider überzog, ihm erstarrend in die Glieder drang und kalte Schauer ihn erweckten. Diese einsamen Spaziergänge wurden allmälig zu kleinen Fußreisen. Allein durchstrich er die Flächen, in denen Berlin liegt. Die Einförmigkeit, welche die Natur hier zeigt, störte ihn nicht; er lebte doch in ihr. Er wanderte nach den benachbarten Dörfern, er rastete in den ungastlichen märkischen Krügen, er fühlte keine Entbehrungen. Tage lang streifte er allein, in Wind und Regen, in den öden Kiefernhaiden umher.
Tröstend gesellte sich zur Natur die Poesie. Abermals griff Goethe in Ludwig’s Leben ein. Diesmal war es der „Faust“. In Reichardt’s Bibliothek hatte er das 1790 erschienene Fragment des „Faust“ gefunden. Er wohnte damals auf einige Zeit bei Reichardt. Es war spät Abends, als er im Bette liegend zu lesen begann. Mit Jubel rief er seinem Freunde Hensler zu, er müsse ihm eine Dichtung Goethe’s vorlesen, welche in aller Literatur ihres Gleichen nicht habe. Er begann, doch bald hörte er den Freund laut schnarchen. Mit gespanntester Erwartung, mit stockendem Athem las er weiter. Die ersten Monologe, die Erscheinung des Erdgeistes, wie groß, wie übermächtig war das Alles! Und doch wieder wie rein menschlich! Waren nicht ähnliche Gedanken und Zweifel auch durch seine Seele gegangen? Es zuckte ihm durch alle Fibern und Nerven. Ein voller Mondstrahl fiel durch das Fenster. Sah er nicht auch auf seine Pein? Eine unendliche Sehnsucht ergriff ihn, das Zimmer wurde ihm zu eng. Er sprang aus dem Bette, er stürzte hinaus in den Garten. Im hellen Mondenlichte streifte er ruhelos zwischen Bäumen und Hecken umher. Vergeblich rang er danach, dieser Eindrücke Herr zu werden. Da graute der Morgen. Ermattet, in traumhaftem Zustande kehrte er zu dem schlafenden Freunde zurück.
Auch schien der böse Geist vor den Klängen der Dichtung zurückzuweichen. Wenn er zu irgendeinem Gedichte griff, welches sonst Eindruck auf ihn gemacht hatte, so fühlte er, wie die dumpfe Bewegung in seinem Innern sich legte, und Ruhe und Gleichgewicht der Kräfte kehrten ihm auf einige Zeit wieder. Nicht anders, wenn er Selbstbeherrschung genug gewann, um sich selbst dichterisch auszusprechen. Dann war er wieder mit sich eins. Hier war es, wo die Wurzeln seines Lebens lagen.
Wie ein mildes, versöhnendes Licht war auch der Strahl der ersten Liebe in sein Herz gefallen. Sie zog ihn in das Leben zurück. Schon früher hatte er sich mit der vollen Leidenschaft eines jugendlichen Dichters Reichardt’s jüngerer Schwägerin, Amalie, zugewendet. Bald war die aufkeimende Neigung kein Geheimniß mehr. Reichardt sah und billigte sie, und der Bund der Herzen wurde geschlossen.
10. Dichter und Schriftsteller.
Ein wichtiges Ereigniß für die kunstliebenden Freunde war es, als Reichardt’s Haus aufhörte, ihr Sammelplatz zu sein. Zuerst waren einzelne Glieder des Kreises ausgeschieden, jetzt löste er sich vollends auf, da er seinen Mittelpunkt verlor. Reichardt hatte in der letzten Zeit manche unangenehme Erfahrung gemacht. Er kam in den Verdacht revolutionärer Gesinnung, und das gute Einverständniß mit dem Hofe hörte auf. Verstimmt und seines Amts überdrüssig hatte er endlich den Abschied nachgesucht. Ohne ihn indeß förmlich erhalten zu haben, zog er sich auf seinen Landsitz in Giebichenstein bei Halle zurück, den er damals angekauft hatte. Sein Stiefsohn, Hensler, hatte sich Ostern 1791 ebenfalls dorthin begeben, um das juristische Studium zu beginnen.
Durch Reichardt’s Abgang von Berlin verlor unter den Freunden keiner mehr als Ludwig. Für ihn schloß damit ein kurzer, aber inhaltsschwerer Abschnitt, in welchem sich sein Leben umgestaltet hatte. Reichardt hatte er Vieles zu danken. Durch ihn hatte er mittelbar oder unmittelbar eine vielseitige künstlerische Anregung erhalten in Poesie, Musik und dramatischer Darstellung, sein Geschmack hatte sich geläutert, an Urtheil hatte er gewonnen. Er begann die Künste und künstlerisches Leben zu überblicken, und mit Sicherheit auf diesem Gebiete sich zu bewegen.
Im Vergleiche mit dem Reichthume des Lebens, den er in jenem befreundeten Hause gefunden, war jetzt eine fühlbare Leere eingetreten. Auch Amalie Alberti hatte Berlin verlassen, um zu ihren Verwandten nach Hamburg zurückzukehren. Die Zahl der Freunde, mit denen er früher lebte, war zusammengeschmolzen. Aber schon bereiteten sich neue Verhältnisse vor. Ein Jüngling, der sich mit glänzenden Gaben über die Menge der Genossen erhob, mußte Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit werden, und eine reiche Natur, wie die seine, welche bei allen Anfechtungen das tiefste Bedürfniß geistigen Verkehrs und der Mittheilung hatte, konnte sich auf die engen Grenzen eines einseitigen Umgangs nicht beschränken. Er suchte und wurde gesucht. Wichtig war es, daß er jetzt Freunde fand, welche seinen Beruf nicht nur anerkannten, sondern ihn auch in die Literatur einführten. Er hörte auf, ein versuchender Schüler zu sein, als Dichter und Schriftsteller trat er auf.
Unter den Kämpfen, die er zu bestehen hatte, war nicht nur der Mensch, auch der Dichter war in ihm gewachsen und gereift. Sein Dichten war der unbefangene Ausdruck der Natur; es war etwas Ursprüngliches, aus tiefster Lebensquelle kam es herauf. Er war frei von jeder Absicht, und ließ es mehr geschehen, als daß er es gemacht hätte. Jetzt hatte er eine klare Einsicht in sein Thun gewonnen, er begann die Poesie als eine innere Nothwendigkeit zu erkennen, sie schien sich zur Lebensaufgabe zu gestalten. Mit unendlicher Leichtigkeit dichtete er. Mit dem eigenen Triebe, der ihn nicht ruhen ließ, verbanden sich äußere Aufforderungen. Rasch wuchsen ihm unter den Händen die verschiedensten Gebilde empor, ohne daß er selbst ihnen einen besondern Werth beilegte. In den Stunden tiefer Schwermuth hatte ihn diese Kraft vom Rande der Verzweiflung zurückgezogen. Die Poesie war ihm nicht blos Lust, sondern auch Trost, sie hatte ihm Ruhe und Sammlung gegeben. Hatte er die innere Freiheit soweit errungen, seine Phantasie zu beherrschen, statt sich von ihren Larven angstvoll aus einem Schrecken in den andern jagen zu lassen, dann strömten ihm Bild, Wort, Vers in reichster Fülle zu. Alle Farben ließ er mit gleicher Leichtigkeit spielen. Er malte jenes Grausen, in dem er selbst erbebte, oder er eilte den muthwilligen Sprüngen seiner humoristischen Laune nach, oder willig und gern verlor er sich in den Irrgängen des phantastischen Märchens.