Unter allen Formen, in denen er sich versuchte, blieb ihm die dramatische die anziehendste und willkommenste. Selbst die Stoffe, welche ihm die Schule darbot, kleidete er in dieselbe ein. Manche Dichtung verdankte ihre Entstehung dem unbescheidenen Drängen seiner Mitschüler, die nicht müde wurden die Hülfe des gutmüthigen Genossen für die verzweifelten deutschen Arbeiten in Anspruch zu nehmen, und sich kein Gewissen daraus machten, mit erbetteltem Ruhme zu prunken. Der Willigkeit seines Genius gewiß, überließ er sich dann dem Zuge desselben getrosten Muthes. Oft ward ihm erst während des Schreibens klar, wohin er geführt werde, und die eilende Feder vermochte den raschfließenden Versen kaum nachzukommen. Und keineswegs war es das Unbedeutendste, was auf diese Weise entstand. Wie es im ersten Entwurfe niedergeschrieben war, blieb es in der Regel; spätere Veränderungen waren selten Verbesserungen.

Als er in der Zeit der politischen Aufregung Linguet’s „Geschichte der Bastille“ gelesen hatte, gab ihm dies Veranlassung zu einer kleinen dramatischen Dichtung, in welcher er die Erhebung des Volks, den Bruch der Fesseln und den Sturz der tyrannischen Mauern in begeisterter Rede verkündigen ließ. In andern finstern Gemälden stellte er seine Zweifel und Kämpfe dar, oder er versuchte sich auch, doch mit geringerer Neigung, in antiken Stoffen und Versmaßen. Am mächtigsten aber wirkte Shakspeare ein, den er zu lesen und zu studiren nicht müde wurde. Erst unter dem Einflusse dieser Sonnenstrahlen schien sich die eigene Kraft ganz zu entfalten. Shakspeare war ihm Vorbild und Lehrer, Dichter und Gedicht zugleich. Ihn verherrlichte er schon im Jahre 1789 in einigen dramatischen Scenen, in denen er anknüpfend an den „Sommernachtstraum“ die Weihe des Dichters schilderte, wie es selbst nur der Dichter vermag.

Denn vornehmlich waren es die wunderbaren Zauberspiele Shakspeare’s, die seine Phantasie erfüllten. Der „Sturm“ mochte ihm bei einem dramatischen Feenmärchen: „Das Reh“, vorgeschwebt haben, welches er 1790 für seinen wenig zuverlässigen und begabten Schulgefährten Schmohl mit gewohnter Gutmüthigkeit in kurzer Zeit geschrieben hatte. Demselben gab er 1791 die ersten Capitel des „Abdallah“. Und gerade diese Dichtung gehörte ihm am eigenthümlichsten, denn sie war ein Ausfluß seiner trüben und verzweiflungsvollen Stimmungen. Schon früher hatte er diese in mehr gemäßigter Weise in dem Idyll „Almansur“ darzustellen versucht, und mit dem Ergebniß abgeschlossen, daß die Rettung vor dem Zweifel nur im Verzichten auf das Wissen liege. In beiden Erzählungen hatte er den Osten zum Schauplatz seiner grausigen Phantasien gemacht. Dieser galt einmal für das Land der Wunder und Märchen. Was die Aufklärung auf dem heimischen Boden als Trug verlachte, hörte sie in den Wüsten und unter den Palmen des fernen Asien gläubig an. In dieser Welt einer vollen und üppigen Natur und uralten Weisheit verweilte er gern. Seine Belesenheit hatte ihn hier heimisch gemacht. Wie er sich als Kind dem Zauber orientalischer Feenmärchen überlassen hatte, so waren später die Reisebeschreibungen von Mandelsloh und Olearius und Sadi’s „Rosenthal“ seine Lieblingsbücher geworden. Aus ihnen machte er sich den bilderreichen Ton, die phantastischen Wunder des Orients zu eigen.

So entstand in den ersten Grundzügen schon auf der Schule jenes schaurige Nachtgemälde „Abdallah“, das seinen Dichterruf begründen sollte. Eine eigenthümliche Ironie war es, daß gerade diese Dichtung, die in der Verwegenheit des Zweifels und im gewaltigen Schwunge der Phantasie Schiller’s „Räubern“ sich nähert, zuerst den Namen eines phantasielosen Gesellen trug, der dadurch bei Lehrern und Mitschülern den Ruf eines Genies und starken Geistes erlangte. Mit unverschämter Einfalt prangte er unter Ludwig’s Augen mit den Federn, welche er von ihm erborgt hatte. Gutmüthig ironisch lachte dieser der gelungenen Täuschung, besonders als er hörte, daß Rambach, für dessen Stilstunden diese Arbeit angefertigt war, sich mit zuversichtlicher Miene habe vernehmen lassen: „Was wollen Tieck’s Arbeiten im Vergleich mit denen von Schmohl sagen! Gegen die kommen sie gar nicht auf.“

Der Neigung, seine Gedanken und Empfindungen mitzutheilen, folgte er auch darin, daß er Andere zu dichterischen Versuchen aufforderte. Geselligkeit war für ihn Bedürfniß, sobald seine Seele frei und unumwölkt war. Nichts war ihm lieber, als mit Andern gemeinschaftlich zu arbeiten, eine Aufgabe zu haben, die er im Verein mit einem Freunde zu lösen suchte. Seine Dichterlust ging dann auf diesen über. Mittelmäßige Köpfe gewannen in seiner Nähe an Zuversicht und Selbstvertrauen; auch er glaubte an ihren Beruf, und konnte gutmüthig genug für ursprüngliches Feuer halten, was nichts als der Widerschein seines eigenen war. So hatte er seinen trockenen und nüchternen Freund Piesker für den Plan, ein großes Trauerspiel gemeinschaftlich zu bearbeiten, mächtig begeistert. Dieser, von dem Anstoße des begeisterten Freundes fortgerissen, mühte sich redlich ab, dem guten Glauben Ehre zu machen. Als beide einst auf dem Schlosse Fredersdorf zusammen waren, fanden sie in der Hausbibliothek Rapin de Thoyras’ „Geschichte von England“. Wie glücklich waren sie, als sie hier die Geschichte der Königin Anna Boleyn in breiter Ausführlichkeit lesen konnten! Gab es für ein Trauerspiel in großem Stile eine bessere Heldin als eine junge, schöne, tugendhafte Königin, welche als Opfer der Hinterlist und tyrannischer Eifersucht fällt? Sogleich entwarf man den Plan der Tragödie, und theilte die Arbeit. Ludwig sollte die leidenschaftlichen Scenen ausführen, Piesker übernahm die Stellen, wo mehr kalte Berechnung hervortreten sollte. Indeß verließ der Freund bald darauf Berlin, und so blieb das wunderliche Werk unvollendet.

Um diese Zeit schloß er sich einigen jungen Männern reiferen Alters an, die bereits als Lehrer am Werderschen Gymnasium angestellt waren, und zu deren Schülern er selbst gehörte. Der Unterschied der Jahre und die Schranken der Schule verschwanden vor der ausgleichenden Kraft des Genies, das im Augenblicke eroberte, was Andere mühselig erwerben mußten. Diese jüngern Lehrer hatten sich bereits unter den Einflüssen der Literatur herangebildet, welche auch seine Richtung bestimmte. An Goethe, an die neue Philosophie schlossen sie sich an. Die engen Schranken im Wissen und Leben sollten fallen. Beides sollte nicht mehr durch eine steife und ängstliche Stubengelehrsamkeit getrennt werden, es sollte sich vielmehr durchdringen. Es war der Gegensatz des jüngern Geschlechts, das erobern will, gegen das ältere besitzende, welcher Ludwig diesen Männern zuführte.

Dagegen lösten sich die nähern Verhältnisse zu den frühern Lehrern auf. Der Subrector Stilke, dessen Zucht Ludwig in den ersten Schuljahren erfahren hatte, war seit längerer Zeit Prediger in Ruhlsdorf bei Berlin. In alter Anhänglichkeit hatte er ihn mit einigen Gefährten bisweilen auf seiner Pfarre besucht. Mit humoristischem Behagen fand er, daß er noch immer der Alte sei. In weinerlich-näselndem Tone klagte der wunderliche Mann über das Kreuz und die Plagen der Welt, die Verfolgungen schlechter Menschen, die ihn seiner Frömmigkeit wegen träfen. Auf die Bemerkung, daß das Kreuz ihm wohl zu bekommen scheine, da er ja an Leibesfülle ansehnlich zugenommen habe, antwortete er: „Ach, liebe Freunde, das thue ich allein meiner theuern Gemeinde wegen.“ Bei diesen Worten zog er ein Polsterkissen hervor, welches er unter die Weste zu knöpfen pflegte, um sich ein ehrwürdiges Ansehen zu geben.

Zu den jüngern Lehrern, denen Ludwig schon früher nähergetreten war, gehörte der geistvolle Uhden, der eine Zeit lang den geschichtlichen Unterricht in der obersten Classe ertheilte, dann Rambach und Bernhardi. Beide waren im Laufe des Jahres 1791 Mitglieder des von Gedike geleiteten Seminars für gelehrte Schulen geworden, und hatten als solche eine Anzahl von Lehrstunden am Werderschen Gymnasium übernommen.

Zunächst wurde der Verkehr mit Rambach für ihn erfolgreich. Ohne gründliches Wissen zu besitzen, hatte sich dieser der Literatur und den Alterthumswissenschaften zugewendet, es aber bald anziehender gefunden, sein Talent einer leichten und oberflächlichen Darstellung in der Schriftstellerei für die eben beliebte Unterhaltung geltend zu machen. Voll von Plänen und Entwürfen, beweglich, nicht ohne Phantasie, aber innerlich seicht, schrieb er mit stets bereiter Feder, was man irgend verlangte, Romane, Dramen, Schauergeschichten und Festspiele. Auf dem Gymnasium ertheilte er deutschen Unterricht in der obersten Classe in einer Weise, die ihm die bequemste war, ihn aber den ältern Lehrern als einen dilettantischen Neologen verrieth. Er las nämlich die neuesten Gedichte vor. Als Gedike ihn einst in der Lehrstunde Schiller’s „Künstler“ vorlesen hörte, konnte er eine laute Aeußerung des Misfallens nicht unterdrücken; er hielt das für Allotrien. Aber gerade dies brachte Rambach seinen Schülern näher. Auch fand es großen Beifall, daß er ihnen in der Art der schriftlichen Arbeiten freie Hand ließ, und ihnen sogar die Aufgabe stellte, diesen oder jenen Stoff dramatisch zu behandeln. Das war ja das Feld, auf welchem man sich am liebsten bewegte und am meisten zutraute.

In einem Stücke des „Deutschen Museum“ las man damals mit vielem Antheil die Geschichte eines Insulanerhäuptlings von Manilla, der in die Hände spanischer Jesuiten gefallen war. Rambach hielt diesen Stoff für eine dramatische Bearbeitung sehr geeignet. Ob der Schluß versöhnend oder tragisch gewendet werden solle, überließ er der dichterischen Erfindungskraft seiner Schüler. Der Gegensatz natürlicher Unverdorbenheit und verfeinerter Bosheit und roher Glaubenswuth verfehlte seinen Eindruck nicht, und Ludwig brachte in kurzer Zeit sein dreiactiges Schauspiel „Allamoddin“ zu Stande. Im Sinne der Zeit, welche in dem Naturzustande wilder Völker das Urbild der Unschuld und Tugend fand, machte er den Häuptling zum Träger naturalistischer Ansichten in Religion und Politik, wie sie in Berlin galten, und ließ das ferne Suhlu in der Südsee als eine Freistatt vor europäischer Verderbtheit erscheinen. Rambach war durch die Sicherheit und Leichtigkeit der Behandlung überrascht. Geschmeichelt, unter seinen Schülern solche Talente zu haben, versprach er das Schauspiel an Schröder zu senden, und ihn für dessen Darstellung auf der Bühne zu gewinnen. Während diese Versprechungen vergessen wurden, hatte indeß die beginnende Freundschaft mit Rambach andere nicht unerhebliche Folgen.