Lehrer und Schüler verkehrten bald auf gleichem Fuße miteinander. Ohnehin war dieser nur um fünf Jahre jünger als jener. Rambach erkannte Ludwig’s Gewandtheit und Gutmüthigkeit, und machte ihn zu seinem literarischen Vertrauten. Zunächst leitete er ihn zu allerlei Dienstleistungen an, die jenseit der Grenzen der Schule lagen. Rambach’s Schnellfertigkeit in schriftstellerischen Darstellungen, die er unter eigenem Namen, einem angenommenen, oder auch namenlos erscheinen ließ, erregte das Erstaunen seiner Bekannten. Auf die Frage, wie er es denn möglich mache, soviel zusammenzuschreiben, hatte er, wie man sich erzählte, geantwortet: „Wenn ich einmal stecken bleibe, knirsche ich nur mit den Zähnen, und es geht wieder frisch weiter!“ Bei diesen Arbeiten wurde Ludwig zuerst als Schreiber angestellt. Er mußte die schnellaufschießenden, oft dickleibigen Manuscripte ins Reine bringen. Manche Stunde des Tages, ja der Nacht verwandte er darauf. Es machte ihm schon Vergnügen, ein zierlich geschriebenes Heft dieses Inhalts herzustellen. Bald sah der Meister, daß er die Kräfte des Jüngers angemessener und vortheilhafter nutzen könne, wenn er ihn an seinen Arbeiten selbständig theilnehmen lasse.
Derbe, handfeste Stoffe liebte das große Publicum. Die Leser mußten sich gewaltig erregt, und ihre Nerven von Schrecken und Schauern aller Art durchbebt fühlen, wenn sie mit dem Beifall freigebig sein sollten. Je abenteuerlicher das Gräßliche auftrat, desto besser; nach dem Ganzen pflegte man nicht viel zu fragen. In diesen Verzerrungen wirkten die misverstandenen Vorbilder, der „Götz“, „Die Räuber“, „Der Geisterseher“ fort. Ritterromane verlangte man, die vom Sporngeklirr und dem Gepolter deutscher Kraft und Biederkeit widerhallten, in denen der mannhafte Ritter, wenn er nüchtern ist, in die Netze des Pfaffentrugs und der Weiberlist mit eiserner Faust hineinschlägt. Nicht minder waren Räubergeschichten beliebt, gleichviel ob erfunden, oder aus den Criminalacten entlehnt. Es erschien irgendein heruntergekommener und ausgestoßener Held, der wie Karl Moor sich berufen fühlte, die Menschheit an der Menschheit zu rächen. Hier gab es Beiträge zur Erfahrungsseelenkunde. Als merkwürdige psychologische Erscheinungen wurden Gauner und Spitzbuben studirt, und zu großen Männern gestempelt, denen die Verkehrtheit der bürgerlichen Einrichtungen keinen freien Spielraum gönne, und sie aus der Heldenbahn in die nah angrenzenden Diebeswege hinüberdränge. Nur wenig fehlte, und auch dieser Räuber wäre ein Alexander, ein Cäsar geworden. Nicht an ihm lag es, wenn er es nicht ward. Eine seicht moralisirende Pragmatik gefiel sich darin, die welthistorischen Personen als Räuber im Großen, und wirkliche Räuber als Helden im Kleinen darzustellen.
Oder endlich Magier und Zauberer, geheime mystische Orden, im Finstern schleichende Mächte mußten ihr räthselvolles Spiel entfalten. Je nach Umständen beschützen sie wie Sarastro in der „Zauberflöte“ die Tugend, und wirken in unterirdischen Kellern für Menschenwohl, oder mit sinnverwirrenden Spielen und trügerischen Künsten umgarnen sie ihr ahnungsloses Opfer von fernher. Hier spiegelten sich die Einwirkungen der Freimaurer, der Rosenkreuzer, Goldmacher und Geisterbeschwörer mit ihrer Geheimnißkrämerei wider, der Cagliostro, Schröpfer und Anderer, die mit kecker Stirn behaupteten, ihre Geheimlehren und Kräfte von den Pyramiden Aegyptens unmittelbar hergeholt zu haben. Hier, so träumte man, sollte sich eine uralte Mystik erhalten haben. Man schien der gepriesenen Aufklärung müde zu sein, und den Glauben abgethan zu haben, um sich einem plumpen Aberglauben kopfüber in die Arme zu werfen. Die Phantasie mußte aus einem Schrecken in den andern hineingehetzt werden, gleichviel ob durch Spuk oder Blut. Die zahmgewordenen Schrecken der Revolution schienen sich in der deutschen Unterhaltungsliteratur festgesetzt zu haben. Aber wenn eisige Schauer den Rücken des Lesers hinabglitten, dann fühlte er mit doppeltem Genusse das Glück bürgerlicher Ruhe und Sicherheit.
Außer Rambach arbeiteten in diesem Fache noch viele Schriftsteller, und mit mehr Erfolg als er. Da gab es die Rittergeschichten von Spieß und Schlenkert, von Veit Weber, Cramer und Feßler; die Spuk- und Schauergeschichten von Meißner und Große, der die grobe Täuschung so weit trieb, vor dem Publicum als spanischer Marquis Vargas oder gar Marquis Große, selbst den Geheimnißvollen zu spielen.
Auf diesen Geschmack war ein Buch berechnet, das 1790 im Himburg’schen Verlage unter dem Titel erschien: „Thaten und Feinheiten renommirter Kraft- und Kniffgenies.“ Es enthielt eine Auswahl von Lebensbeschreibungen bekannter Diebe und Räuber, zu der verschiedene Verfasser beitrugen, es aber gerathen fanden, sich nicht zu ihren Helden zu bekennen, und ihre Namen zu verschweigen. Rambach hatte es übernommen, die Geschichte des berüchtigten Wilddiebes und Räubers Matthias Klostermayer, genannt der Bairische Hiesel, zu bearbeiten. Dieser hatte nach dem Siebenjährigen Kriege in Baiern und den angrenzenden reichs- und stiftsländischen Gebieten ein vollkommen eingerichtetes Raubhandwerk getrieben. Als Rächer und Schützer gegen drückende Forstgesetze war er ein Liebling des Landvolks geworden. Die Geschichte seines Räuberlebens war als Volksbuch durch Deutschland gewandert, und hatte einen beliebten Stoff für die Puppentheater geliefert. Nun sollte für die Leser von Fach ein schmackhaftes Gericht daraus bereitet werden. Das nächste Vorbild, welches man hier hatte, war Schiller’s „Sonnenwirth“.
Rambach unterließ auch nicht, den Hiesel zu einem Helden zu stempeln. Er nahm den Mund nicht wenig voll. Er erklärte ihn für einen Wilddieb aus Grundsätzen, einen Verbrecher durch die Einrichtung des Staates, und naseweis hofmeisterte er die Vorsehung, daß sie aus diesem Stoff, der zu einem Alexander ausreichend gewesen wäre, nur einen Straßenräuber gemacht habe. Doch er selbst vermochte nur die ersten Capitel zu Stande zu bringen, die er Ludwig in die Feder gesagt hatte. Dann ward er der Arbeit müde, und fand es bequemer, die Fortsetzung seinem Gehülfen auf eigene Gefahr zu überlassen.
Dieser mußte nun dem weitschweifigen Volksbuche, das aus endlosen Berichten stets wiederkehrender Diebereien und Raufereien bestand, Schritt vor Schritt nachgehen, und lieferte eine Erzählung, welche die eintönige Weise des Vorbildes ziemlich getreu wiedergab. Da hier Geschichte geschrieben werden sollte, so war eine freie Bewegung nicht erlaubt. Mit großem Ernst hielt er bei diesen rohen und widerwärtigen Auftritten die Miene des Menschenkenners und psychologisirenden Geschichtschreibers fest. An einer Stelle suchte er gar durch eine kühne Vermuthung wahrscheinlich zu machen, daß Schiller’s Sonnenwirth seine ersten Studien unter dem Bairischen Hiesel gemacht habe.
Mit Selbstverleugnung führte er die lästige Aufgabe glücklich durch. Nur auf der letzten Seite konnte er es sich nicht versagen, hinter der steifen Maske ironisch lächelnd hervorzusehen. Er schloß mit der Versicherung, daß ihm mit der Beendigung dieser Hieseliade ein schwerer Stein vom Herzen falle, denn es sei ihm sauer genug geworden, diesen Kerl als Helden darzustellen. „Warum? Weil er nichts mehr und nichts weniger war als ein Spitzbube!“ Mit diesem Epigramm stieß er die gespreizten Reden Rambach’s über den Haufen, und übte eine scharfe Kritik des ganzen Buchs aus. Rambach war mit der gelieferten Arbeit zufrieden, dachte aber nicht daran, seinem Zöglinge das Honorar zu überlassen. Dagegen hatte Ludwig die Genugthuung, in einem kritischen Blatte zu lesen, daß dieser letzte Abschnitt des Buchs (der zweite Theil war 1791 erschienen) einen gewandten Schriftsteller verrathe.
Gleichzeitig schrieb Rambach einen Schauerroman: „Die eiserne Maske“, den er 1792 unter dem Namen Ottokar Sturm herausgab. Hier benutzte er noch einmal die schon erkaltende Vorliebe für Ossian, und verlegte die modernen Schreckensscenen in die Felsenthäler und Nebel Hochschottlands. Die eiserne Maske, eine Art Panzer, in den die Menschen wie in einen Kasten hineingesteckt werden, trieb unter Ossian’s Heldengestalten Toskar, Carno und Ullin ihr spukhaftes Wesen. Rambach’s Schreckensmaschinerien spielten bis zum letzten Capitel. Hier ermüdete er und überließ es Ludwig, den Schluß hinzuzufügen. Er sagte ihm: „Ich habe mich in Erfindung und Darstellung des Gräßlichen so erschöpft, daß ich nichts weiter zu sagen weiß. Mögen Sie einmal Ihr Heil versuchen.“ Ludwig setzte eine Nacht daran und beendete den Roman. Es galt Ryno, den Bösewicht, in den Folterqualen des Gewissens, und seinen verzweifelten Untergang zu schildern. Wie überflügelte hier der Schüler den Lehrer! Während sich dieser nur auf die gewöhnliche Decorationsmalerei des Schreckens verstand, die auf den groben Eindruck berechnet war, entfaltete jener eine Welt des Grausens, in die er selbst hineingeschaut hatte. Dieselbe Ueberlegenheit zeigte sich auch in einigen eingeschalteten lyrischen Gedichten, in denen er bis zur vollen Wirkung den Ton Ossian’s getroffen hatte.
In ähnlicher Weise suchte ein anderer jüngerer Lehrer, Seidel, sich Ludwig’s Kräfte dienstbar zu machen. Dieser, der ebenfalls als Seminarist am Werderschen Gymnasium unterrichtete, war sein Lehrer im Englischen gewesen. Die Sprache Shakspeare’s mußte Ludwig kennen lernen, das schien ihm Pflicht. Sobald als irgend thunlich, war man zum „Macbeth“ übergegangen. Diesen wußte er nach Eschenburg’s Uebersetzung fast auswendig, sodaß er zweifelhaft ward, ob er das Verständniß seinen Fortschritten, oder seinem Gedächtniß zu danken habe. Seidel übersetzte damals Middleton’s „Leben des Cicero“. Die beiden ersten Bände hatte er bearbeitet. Auch er ermüdete und überließ seinem Schüler die Vollendung, sobald er ihn sicherer geworden sah. Doch erschienen die letzten Bände erst 1793.