Aber jetzt war er dem Leben zurückgegeben, wenn ihn die vernarbenden Wunden auch noch oft schmerzten. Die Lust am Leben war am Ende doch mächtiger als die Bande finstern Trübsinns, die ihn rückwärts zogen in die schwarze Höhle. Waren nicht Dichtung und Kunst sein? Breitete ihm nicht die Natur die Arme entgegen? Auch war er reich an wohlmeinenden Freunden. Der frische, unverwüstliche Muth der Jugend stieg in ihm empor.

Er konnte, er wollte leben, kämpfen, siegen. Jetzt verließ er das Vaterhaus, das ihn so lange treu geschirmt hatte. Verheißungsvoll lag die Ferne vor ihm, sie schien ihm zu winken, ihm glänzender als je zu zeigen, was er früher nur geahnt hatte. In ihr schien die Offenbarung des Geheimnisses, die Erfüllung der Wünsche zu liegen! Ihr eilte er voll Hoffnung und Jugendmuth entgegen, und wol mochte er mit seinem ausziehenden Sternbald rufen: „O Jugend! Du lieber Frühling, der du so sonnenbeschienen vorn im Anfange des Lebens liegst! wo mit zarten Aeuglein die Blumen umher, des Waldes neugrüne Blätter wie mit fröhlicher Stimme dir winken, dir zujauchzen! Du bist das Paradies, das jeder der spätgeborenen Menschen betritt, und — das für jeden immer wieder von neuem verloren geht!“

Zweites Buch.
Dichterleben.

1792–1800.

1. Halle. Katheder und Offenbarung.

Es war im Frühlinge des Jahres 1792, als sich Ludwig Tieck auf dem Wege nach Halle befand. Mancher Kampf hatte noch bestanden, mancher schwere Entschluß gefaßt werden müssen, bevor er zum Wanderstabe greifen konnte. Endlich war auch das überwunden. Er fühlte sich frei und leicht, und wie die Thürme der Vaterstadt hinter ihm am Horizonte verschwanden, schienen die letzten Wolken des Kummers zu versinken. Frisch und wohlgemuth eilte er der Akademie und ihrer goldenen Freiheit in Leben und Wissen entgegen.

Aber auch um der Freiheit zu genießen waren Beschränkung und Selbstverleugnung nothwendig, und nicht ohne Opfer war sie zu erkaufen gewesen. Um zu studiren ging Ludwig nach Halle. Wollte er akademischer Bürger werden und dessen Vorrechte ausüben, so mußte er sich für einen Beruf, für ein gediegenes Fachstudium entscheiden, er mußte eine Facultät wählen. Aber welche von allen vieren sollte es sein? Das war eine schwere Frage für ihn, der jeder äußern Bestimmung seiner geistigen Richtung widerstrebte, und sich stets ungehemmt, in eigenster Weise bewegen wollte. Seine Natur, das Persönliche wollte er frei ausbilden, und es nicht mit der Schere nach gewöhnlichem Maße zuschneiden lassen! Und nun sollte er studiren um des Brotes willen, um in einer fernliegenden Zeit leben zu können, sein Auskommen zu haben. Wußte er doch nicht einmal, ob er sie erleben werde! Wie kläglich erschien ihm ein solches Brotstudium! Wie grau und farblos war das Leben, wenn er an die alternden und verstaubten Candidaten dachte, die ihr kümmerliches Dasein durch das wissenschaftliche Handwerk fristeten, und armselig vom A-b-c lebten; oder an jene Geistlichen, die er kannte, welche ihr Amt wie eine Last trugen. Selbst wie mancher seiner Lehrer wäre am Ende lieber alles Andere gewesen als Schulmeister!

Und wenn er ehrlich gegen sich selbst sein wollte, stiegen nicht ganz andere Wünsche in seinem Herzen auf? Noch immer sehnte er sich nach jener bunten Welt der Breter, welche ihn schon als Kind unwiderstehlich anzog. Er hatte gewünscht, allen Fachstudien den Rücken für immer zu kehren, und dem Theater ausschließlich zu leben. Oft glaubte er allein dafür Beruf zu haben, und in Augenblicken der Begeisterung traute er sich Kraft genug zu, als darstellender Künstler das Bühnenwesen umschaffen zu können. Das waren keine leeren Träume, keine eiteln Einbildungen, wie sie dem Alter der erwachenden Kunstbegeisterung leicht zu kommen pflegen. Er hatte, wenn auch nur in kleinen Kreisen, manchen Erfolg für sich aufzuzeigen. Reichardt hatte ihn ermuntert, vielleicht mit Absicht auf die Bühne hingeleitet. Endlich hatte er es gewagt, dem Vater seine Wünsche anzudeuten. Soviel Theilnahme dieser aber dem Theater zuwendete, so sträubte sich doch der Stolz des Bürgers dagegen, seinen Sohn unter den unmoralischen Komödianten zu wissen, oder gar seinen Namen auf dem Theaterzettel an den Straßenecken zu lesen. Es kam zu heftigen Erörterungen, und je mehr der Vater widerstrebte, desto klarer schien es dem Sohne zu werden, daß ihn sein Beruf allein auf das Theater führen könne. Endlich sprach der Vater ein entscheidendes Wort. „Wenn du unter die Komödianten gehst, so gebe ich dir meinen Fluch!“

Also Ausstoßung aus der Familie war der Preis, um welchen er seine Wünsche erfüllt sehen konnte. Doch vor diesem letzten Schritte bebte er zurück. Er suchte seiner leidenschaftlichen Neigung Herr zu werden, und beschloß bei den Studien zu bleiben. Da man so viel von ihm erlangt hatte, ließ man ihm in ihrer Wahl und Art volle Freiheit. Auch war sein äußeres Leben durch ein städtisches Stipendium, welches man für ihn ausgewirkt hatte, hinreichend gesichert.