Für Halle, als die bedeutendste Landesuniversität, hatte er sich entschieden. Damals hatte es einen neuen Aufschwung genommen, den es der genialen Persönlichkeit F. A. Wolf’s verdankte. Mit Kühnheit führte er die Philologie ihre eigene Bahn, und seine Vorlesungen über den Homer hatten bereits Ruf gewonnen. Auch fand Tieck Reichardt auf seinem Landsitze in Giebichenstein wieder, und konnte das Haus betreten, welches ihm schon in Berlin eine heimische Stätte gewesen war.
Auf der Reise nach Halle begleitete ihn sein Schulgefährte Schmohl, der dort ebenfalls seine Studien beginnen wollte. In Belzig, wo der Vater desselben als begüterter Bauer wohnte, verlebten sie einige Tage ländlicher Idyllen. Dann gingen sie nach Coswig, wohin sie an den Amtmann Caletzki empfohlen worden waren. Dieser war ein braver, einfacher, wohldenkender Mann, der die jungen Studenten auf das gastlichste empfing. Als er hörte, sie seien auf dem Wege nach Halle, hielt er es für Pflicht, sie eindringlich zu ermahnen. Er zitterte für ihr Seelenheil, wenn er daran dachte, daß sie in die Hände Bahrdt’s gerathen, und zu Anhängern seiner gottlosen Lehren werden könnten. Er schloß sich mit den beiden fahrenden Schülern in ein abgelegenes Zimmer ein, und beschwur sie unter Thränen, auf ihrer Hut zu sein vor den Netzen der Verführer und falschen Propheten. Er endete seine Ermahnung mit einem Gebete voll Eifer und Salbung.
Auf Tieck machte diese wohlgemeinte Warnung einen rührenden und doch komischen Eindruck. Für ihn hätte es ihrer nicht bedurft, denn er wußte von Bahrdt’s bisheriger Laufbahn genug, um ihn zu verachten. Die plumpe Gemeinheit, mit welcher er in seinen letzten Schriften aufgetreten war, hatte ihm moralischen Ekel erregt. Das Böse konnte keine abschreckendere Gestalt annehmen, als diese der schmuzigen Roheit. Auch war Bahrdt selbst in den letzten Abschnitten seiner Irrfahrten. Er hauste auf seinem Weinberge bei Halle, wo auch Tieck den kaffeeschenkenden Professor später aus Neugier besuchte. Die ganze Erscheinung desselben bestärkte ihn im Widerwillen. Er hörte seine platten Prahlereien an, konnte sich aber nicht entschließen, mit ihm auch nur ein Wort zu wechseln.
Ein viel wichtigeres Ereigniß war es für ihn, in Coswig die Mutter Matthisson’s kennen zu lernen. Wer las und feierte nicht Matthisson, den zarten und gefühlvollen Dichter der Natur? Auch er war seiner Bewunderung voll; nun konnte er aus dem zuverlässigsten Munde hören, wie jener sich gebildet, wie er geworden, was er war. Die gesprächige alte Frau wurde nicht müde, allen Fragen Rede zu stehen. Stunden lang konnte sie von ihrem Sohne erzählen, von seiner Kindheit, seinen Gedichten, seiner Schwermuth. Weinend bat sie Tieck, er möge sich doch ja bewaffnen, daß er nicht in eine ähnliche Melancholie verfalle, offenbar habe er mit ihrem Sohne eine große Aehnlichkeit. Eine solche Anerkennung hatte er nicht erwartet, er war dadurch ebenso gerührt als gehoben. Einen Schattenriß Matthisson’s, den er geschenkt erhielt, hütete er so lange als einen theuern Schatz, bis er Gelegenheit hatte, ihn mit dem Original zu vergleichen und zu erkennen, daß dieses hinter dem Bilde, welches er sich gemacht hatte, zurückbleibe.
So traf Tieck mit einem doppelten Segen in Halle ein. Ueblicherweise ließ er sich in die theologische Facultät einschreiben, obgleich ihm die Theologie selbst sehr fern lag. Fürs erste wollte er Literatur und Alterthumswissenschaften studiren. Sobald er mit den Persönlichkeiten und Wirkungskreisen der Professoren vertrauter geworden war, fühlte er, nur F. A. Wolf mit seiner lebensvollen Auffassung der alten Welt habe für ihn Bedeutung und Anziehungskraft. Hier fand er, was er schon auf der Schule als wahre Bildung erkannt hatte. Wolf’s Ansichten über das Alterthum waren sein innerstes Eigenthum, er hatte es in sich durchlebt, und darum wirkte er auf das Leben.
Auch mit der Philosophie konnte sich Tieck nicht befreunden. Voll Gefühl und Leidenschaft, überwiegend in der Welt der Phantasie lebend, und einem geheimen Zuge zum Unerklärlichen, Mystischen folgend, war ihm das strenge Urtheilen und Abschließen, das weitläufige Deduciren, die zuversichtliche Systematik gleich sehr zuwider. Nichts hatte ihn tiefer erschüttert, als jene Lebensfragen, welche die Philosophie behandelte, aber er fühlte, diese Weise sei geeignet, ihm den Gegenstand zu verleiden. Was die eifrigen Jünger der Wissenschaft als tiefen Aufschluß und Erklärung räthselvoller Fragen verkündeten, schien ihm höchstens nur eine andere Art sie auszusprechen, ohne sie dadurch der Lösung näherzubringen. Diese Lehrbegriffe waren ihm nur eine Beschränkung der Freiheit, ein Gefangennehmen des eigenen Denkens und Seins unter ein fremdes Gesetz. Es wurde bei ihm Ueberzeugung, wer sich der Dichtung, der Kunst mit ganzer Seele ergeben habe, müsse auch in ihren Offenbarungen die vollste Befriedigung finden, und könne dann der philosophischen Hülfen und Stützen gar wohl entbehren.
Schon in Berlin waren ihm Reichardt’s Versuche, die Musik mit dem Studium der Philosophie zu verbinden, bedenklich erschienen. „Welch ein großer Mann ist Kant!“ hatte dieser einst in seiner Gegenwart ausgerufen; „es gibt keinen Gegenstand, über den er uns in seinen Schriften nicht den Kopf zurechtsetzte!“ Tieck hatte dagegen eingewandt, ein Musiker, der von seiner Kunst ganz erfüllt sei, müsse an ihr vollständig genug haben, er werde die Zurechtweisungen der Philosophie weder vermissen noch aufsuchen.
Auch wollten ihm die Männer vom Fach, die Kantianer in Halle, gar nicht behagen. Ein philosophisches Collegium, welches er in der frühesten Morgenstunde bei Jacob zu hören anfing, ließ er bald im Stiche. Das Opfer an Schlaf, welches er bringen mußte, die Unbequemlichkeit, in aller Frühe mit einem wohlgewickelten Zopf in dem Philosophicum erscheinen zu müssen, wurde nicht aufgewogen durch den Gewinn, der ihm hier an Erkenntniß und Lebensweisheit versprochen wurde. Seine Genossen, die fast alle Kantisch philosophirten, fanden die Hartnäckigkeit, mit welcher er sich diesen Lehren verschloß, unverzeihlich, und ließen es an manchen Angriffen und Verspottungen nicht fehlen. Auch mit Eberhard, dem Apologeten des Sokrates, war er abgefunden, als er ihn in der Aesthetik auseinandersetzen hörte, Engel’s „Eid und Pflicht“ sei das vollendetste neue Drama, weil darin die drei Einheiten auf das genaueste beobachtet seien. Noch weniger zog ihn Knapp’s Exegese an; und so blieben denn schließlich Wolf’s Vorlesungen über die römischen Antiquitäten allein übrig, die einigen Ersatz gewährten.
In Reichardt’s gastfreiem Hause erhielt er Gelegenheit, in das Innere der gelehrten Welt Halles zu blicken. Wie in Berlin war es auch hier ein geistiger Mittelpunkt geworden. Er lernte die berühmtesten der Professoren kennen, und mancher von ihnen zeigte sich hier, wo er sich ungezwungen gehen lassen konnte, anziehender oder mindestens eigenthümlicher, als wenn er auf dem Lehrstuhle saß. Jedoch traten auch Härten, Eifersüchteleien und Feindschaften unverhohlener hervor, die dem angehenden Studenten diese ersten Größen der Wissenschaft bisweilen in zweifelhaftem Lichte erscheinen ließen. Namentlich sah er Reinhold Forster, Niemeyer und Matthias Sprengel.
Die beiden Letzten lebten fortwährend in offener Fehde, und gaben durch den Widerwillen, welchen sie bei jeder Gelegenheit laut gegeneinander aussprachen, zu manchen komischen Vorfällen Veranlassung. Niemeyer war würdig, gemessen und salbungsvoll, nicht ohne Süßlichkeit; stets wollte er der durchgebildete, der feine und humane Mann sein. Sprengel dagegen war kurz und sonderbar, schneidend, voll Spott, und häufig durchfahrend grob. Niemeyer’s wohlrednerischer Ton war ihm geradezu verhaßt. Einst war in einer Professorengesellschaft bei Reichardt von den Romanen des angeblichen Marquis Große die Rede, der behauptet hatte, in Spanien gebe es keine Windmühlen. Scherzend meinte Jemand, es scheine dem Don Quixote gelungen zu sein, sie auszurotten, als Sprengel dazwischenfuhr: „Es ist elendes, dummes Zeug!“ Niemeyer, dessen Humanität solche scharfe Urtheile nicht vertragen konnte, entgegnete einlenkend: „Aber, Herr College, sollte denn nicht etwas Gutes daran sein können?“ „Bewahre! Nichts, gar nichts, sage ich!“ schrie jener; „wenn Sie sich ein Jahr lang Mühe geben, können Sie auch dergleichen dummes Zeug schreiben!“