Ein anderes Mal traf Tieck mit den beiden Streitern in einer Tischgesellschaft zusammen. Sprengel nahm sogleich seinen Platz zwischen ihm und einem andern jungen Manne ein. Dieser, durch solchen Vorzug geschmeichelt, konnte als Mann von Welt einige höfliche Worte über die Ehre nicht unterdrücken, welche ihm widerfahre, neben einem so berühmten Gelehrten zu sitzen. „Ach was! dummes Zeug!“ unterbrach ihn Sprengel, „ist mir ganz gleich, neben welchem Narren ich sitze, wenn ich nur nicht neben dem Racker da sitzen soll!“ Bei diesen Worten zeigte er auf Niemeyer, der am andern Ende des Tisches seinen Platz hatte.
Auch war Tieck Zeuge jener bekannten Geschichte, die zwischen Sprengel und Ebert vorfiel. Dieser bewunderte Sprengel’s umfassende Belesenheit. „Wie Vieles müssen Sie nicht für Ihre gelehrten Werke lesen!“ sagte er. „Man gewinnt Methode!“ antwortete Sprengel. „Wenn ich z. B. ein Journal vor mir habe, so lese ich was mich interessirt. Kommt etwa mal eine Ode von Klopstock dazwischen, werden einige Seiten überschlagen. Fort mit dem Racker, heißt es da!“ Ebert erstarb vor Entsetzen das Wort im Munde. Endlich stammelte er zwischen Zorn und angeborener Höflichkeit schwankend: „Ach, Sie liebenswürdiger Barbar!“
Weder die Entdeckungen, welche Tieck in der gelehrten Welt machte, noch seine Erfahrungen in den geselligen Kreisen, waren geeignet ihn zu befriedigen. Auch Reichardt’s Haus wollte nicht ganz das wieder werden, was es ihm in Berlin gewesen war. Hatte sich doch so Manches seit jener Zeit geändert! Er fand in Halle Gelehrsamkeit, Reichthum an Kenntnissen, Lehrsätze und auch Wichtigthuerei. Vieles hörte er, was er in Gedike’s Schule bereits für immer abgethan zu haben meinte; aber vergebens suchte er nach dem, was seinem Herzen Befriedigung gegeben hätte. Abermals begann er mitten in dieser selbstzufriedenen und behaglichen Welt der Meister und Jünger der Wissenschaft sich unendlich einsam zu fühlen.
Zwar fand er unter den Studiengenossen einen alten Bekannten, selbst einen Freund wieder, aber keinen, der seinem Herzen so nahe gestanden hätte wie Wackenroder, nach dessen Anblick und Rede ihn oft eine heiße Sehnsucht ergriff. Es gab keinen, dem er sich so rücksichtlos hätte hingeben können, der ihn so ganz verstanden hätte. Ein zweideutiger Charakter, wie sein Stubengefährte Schmohl, hatte von dem, was sein Herz bewegte, keine Ahnung, und war offenbar unzuverlässig. Ein älterer Genosse, mit dem das frühere, freundschaftliche Verhältniß wieder angeknüpft wurde, war Wilhelm von Burgsdorff, der seit einem Jahre in Halle studirte. Soviel Anlagen, gewinnende Frische und Gutmüthigkeit dieser auch besaß, so traten doch manche Gegensätze hervor. Im geselligen Verkehr wie in wissenschaftlichen Fragen schlug er gern einen hohen und vornehmen Ton an, und reizte dadurch seine Freunde, die nur zu gut wußten, wie es im Grunde mit ihm stehe. Er hatte sich einem wilden Studentenleben ergeben, in dem er Genialität und den Ausdruck innerer Kraft sah, und gerieth in Verbindungen, in welche Tieck ihm nicht folgen mochte.
Schon früher hatte Burgsdorff eine Vorschule in diesem Sinne durchgemacht. Er war als Schüler in Berlin sich selbst überlassen gewesen, und in schlimme Hände gerathen. Ein älterer Gefährte, Namens Wiesel, der auf den ersten Blick anziehend und gewinnend erschien, hatte sich ihm angeschlossen. Mit Leichtigkeit bewegte sich dieser in den verschiedensten Lebensformen, er war heiter, entgegenkommend, witzig und sicher überall Beifall und Anhänger zu finden. Hinter dieser gefälligen Außenseite lauerte Herzlosigkeit, kalte Berechnung und ein schneidender Hohn, mit welchem sich in wahrhaft Mephistophelischer Weise eine sinnlich verzehrende Glut verband. Er war ein jugendlicher Anhänger jener sinnlichen Starkgeisterei, welche in der Literatur in Heinse und Goltz ihre Vertreter fand.
Dieses Treiben ward um so widerlicher, als Wiesel daraus eine Art von dämonischer Philosophie der Sinnlichkeit entwickelte, die von beschränkten Genossen als Tiefsinn angestaunt wurde. Zuweilen ließ er sich in orakelhaftem Tone vernehmen, welcher tiefe Sinn in diesen Orgien sei, in der sinnlichen Hingebung sollte die Offenbarung einer göttlichen Kraft liegen. Seiner falschen Weisheit gelang es, sie mit dem Schimmer einer mystischen Geheimlehre zu umgeben, die schwache Köpfe vollends in Verwirrung brachte. Hatten sich dann die Jünger im sinnlichen Taumel vollständig selbst verloren, so rüttelte der Meister sie schonungslos auf, und konnte ihnen mit schneidendem Spott ihre Schwäche und den Mangel an Selbstbeherrschung vorrücken. Wer dagegen bedenklich ward, dem schloß er den Mund mit bitterm Hohn über solche Engherzigkeit; nichts pflegte er mit seinen geifernden Reden zu verschonen.
Für Tieck hatte Wiesel’s Erscheinung etwas Feindseliges, Abschreckendes, ja Grausenhaftes; nicht ohne Schauder verweilte er in seiner Nähe. Ja vielleicht war dieser der Einzige, auf den er einen wahrhaften Haß geworfen hatte. Dennoch versuchte er es, diese Gesellschaft für höhere Dinge zu gewinnen, und hatte die Gutmüthigkeit, ihnen die Größe Shakspeare’s anzupreisen, ja fühlbar machen zu wollen. Er wagte es eines Abends, den „Sturm“ vorzulesen, und da das bunte Zauberspiel Beifall gefunden hatte, ließ er, dadurch ermuthigt, den „Sommernachtstraum“ folgen. Doch das war zu viel. Kaum hatte er die ersten Scenen gelesen, als man ihn dringend bat aufzuhören, das sei nicht zu ertragen. Wiesel meinte, er begreife nicht, wie ein vernünftiger Mensch, wie Tieck doch sonst sei, an diesen abgeschmackten Possen Gefallen finden könne. Seit dieser Erfahrung gab er dergleichen Bekehrungsversuche auf.
Außer Burgsdorff fand er auch seinen alten Schulgefährten Bothe in Halle wieder, dessen Starrsinn ihn früher so viel Thränen gekostet hatte. Aber nach jenen ersten schmerzlichen Erfahrungen erschien er ihm auch jetzt kalt und steif, und ein freundschaftlicher Verkehr ließ sich auch hier nicht erwarten. Es ward ihm klar, er werde wiederum seines Wegs allein gehen müssen, mochte er immerhin den Altverständigen für einen Träumer und Sonderling gelten, und mochten die Klugen selbstgefällig über ihn die Köpfe schütteln.
In dieser Vereinsamung kehrte er zur Natur zurück, die ja in den schwersten Augenblicken ihre heilende Kraft an ihm bewährt hatte. Ganz anders, voller, freundlicher trat sie ihm in dem grünen Saalethale entgegen, als in den flachen Haiden um Berlin. Mit doppelter Gewalt ergriff ihn jenes Gefühl unendlicher Sehnsucht, das bis zur schmerzlichsten Erregung sein Herz erfüllte, wenn er im Frühlinge durch den Wald streifte. Dann kehrte ihm jene Naturtrunkenheit wieder, eine geheimnißvolle Macht schien ihn vorwärtszutreiben. Nirgends weilte er lieber als auf der sogenannten Höltybank in der Nähe des Giebichensteins. Hier überblickte er Fluß und Thal. Wie oft sah er die Sonne hinter den Abendwolken versinken, den Mond in tausend goldenen Strahlen in den sanft bewegten Wellen sich widerspiegeln oder träumerisch durch Busch und Zweige blicken! Hier hatte er in verzückter Selbstvergessenheit in mancher Sommernacht gesessen und Natur getrunken in vollen Zügen. Er hörte es nicht, wie die Glocken der Stadt eine Stunde nach der andern anschlugen, er sah nicht, wie Alles um ihn her in tiefere Nacht versank. Endlich erhob er sich, durch dunkle Büsche, an einsamen Häusern vorüberstreifend, überließ er es dem Zufall, welcher Weg ihn nach der Stadt führen werde. Sah er ein Licht durch die Nacht blitzen, hallte der Laut einer menschlichen Stimme aus der Ferne zu ihm herüber, so erregte es wunderbar sein Gefühl. Wie fern, wie räthselhaft, wie unverstanden lag die Welt vor ihm, wie einsam fühlte er sich in ihr, und doch wieder wie nah und verwandt! Ihre Leiden und Freuden, waren sie nicht auch die seinen?
Die Gefährten wollten diese nächtlichen Fahrten, auf denen er bisweilen Einen und den Andern durch Naß und Trocken mit sich zog, nicht sonderlich rühmen. Einst hatte er mit Bothe bis nach Mitternacht auf der Höltybank gesessen, als ein ferner Donner Beide aus ihren Träumen weckte. Ein Gewitter war im Anzuge. Eilig, in tiefer Finsterniß, drängten sie sich durch Busch und Strauch, und retteten sich endlich in den Garten von Giebichenstein, wo sie einen Zufluchtsort vor dem strömenden Regen zu finden hofften. Sie tappten nach dem Wege suchend umher, als plötzlich der Boden unter ihnen schwand, und sie in eine Tiefe von mehrern Fußen hinunterstürzten. Nicht ohne Gefahr, aber doch auf dem kürzesten Wege erreichten sie eine schützende Stelle. Es war eine ihnen sonst wohlbekannte künstliche Grotte, die sie aber so nahe nicht vermuthet hatten. Bothe schalt und zürnte über solche Thorheiten. Aber was war zu thun? Man mußte froh sein, ein Obdach gefunden zu haben, und ausharren, bis das Gewitter ausgetobt hatte und der Morgen anbrach.