Bei solchen Stimmungen stiegen auch jene finstern Bilder und Gedanken wieder auf, die ihn mehr als einmal bis zum Abgrunde des Wahnsinns hinzureißen gedroht hatten. Nicht gebannt waren die Furien, sie schliefen nur, jetzt erwachten sie, und jagten ihn von neuem in Angst und Entsetzen. Es steigerten sich diese Anfälle zu einer Höhe, daß seine Gefährten von Grausen erfüllt meinten, er sei wirklich wahnsinnig geworden.

Eifrig hatte er sich eine Zeit lang mit dem soeben erschienenen Spukromane von Große: „Der Genius“, beschäftigt. Mit seinem Stubengefährten Schmohl und einem andern Bekannten verabredete er daher, ihnen jenes Nachtstück vorzulesen. Um vier Uhr Nachmittags begann die Sitzung. Ohne sich einen Augenblick Erholung zu gönnen, las er das ganze Buch in einem Zuge durch. Es war zwei Uhr Morgens, als er es beendete. Längst waren seine Zuhörer eingeschlafen, während er mit steigendem Antheil las. Jetzt warfen sie sich in der anstoßenden Kammer auf das Bett.

Tieck konnte nicht schlafen. Er war überwacht, geistig und körperlich erschöpft. Er vergaß sich und seine Umgebung, seine Seele weilte noch in jener Welt, von der er gelesen hatte. Wunderliche Bilder wogten in ihm auf und ab, Traum und Wirklichkeit begannen ineinander zu verschwimmen. Plötzlich rüttelte ihn ein jäher Schrecken aus dieser Betäubung auf. Abgründe schienen sich zu öffnen, riesige Gestalten drohend auf ihn loszuschreiten, von der Decke des Zimmers, von den Wänden her streckte es grauenhaft die Arme nach ihm aus. Mit einem furchtbaren Schrei stürzte er auf die Kammer zu, in der die Gefährten schliefen. Er tobte, er schien von Sinnen. Mit dem Ausrufe: „Ich werde rasend!“ sank er fast ohnmächtig zu Boden. Voll Schreck fuhren die Schlafenden empor, mit Mühe bewältigten sie ihn, und legten ihn aufs Bett. Er verfiel in das heftigste Phantasiren. Er glaubte sich bereits gestorben, sein eigener Körper ward ihm fremd, er meinte eine Leiche zu berühren, wenn die eine Hand auf die andere traf. Dieser Zustand hielt mehrere Stunden an, man befürchtete ein Nervenfieber. Endlich kam er wieder zu sich, er fühlte sich matt an Leib und Seele. Von allen Schreckbildern aber blieb ihm eins, das furchtbarste, zurück, der Gedanke, daß er wahnsinnig werden könne, ja werden müsse, wenn sich solche Anfälle wiederholen sollten.

Lichtpunkte waren Wackenroder’s Briefe und die Erinnerung an seine Freundschaft. In den zärtlichsten Ausdrücken bat und flehte dieser, der Freund möge sich ermannen, er möge sich den finstern Mächten entwinden, und Herr seiner Kräfte werden. Es war ein Fest der Freundschaft, als er endlich auf einige Tage nach Halle kam, und sie auf einer gemeinsamen Reise nach Leipzig und Wörlitz sich aneinander stärken konnten. Auch durch andere kleine Ausflüge suchte sich Tieck zu zerstreuen. Er sah in Lauchstädt die weimarische Schauspielergesellschaft, oder er ging nach Coswig, wo man in dem Hause des befreundeten Amtmanns in Augenblicken der Heiterkeit das Theaterspiel hervorsuchte, für das er kleine Stücke und dramatische Scherze entwarf.

Dieser vorüberrauschenden Lust folgten um so trübere Stimmungen. Aber diese Gährung, diese erregten Zustände führten endlich zu einem entscheidenden Wendepunkte.

Es war im Juli des Jahres 1792, als er eine Reise nach dem Harze unternahm. Zum ersten Male wollte er das Gebirge betreten, um eine langgefühlte Sehnsucht zu stillen. Der reinste, herrlichste Sommerhimmel war über ihm, als er die Stadt verließ. Kaum hatte er sich jemals leichter und glücklicher gefühlt als in diesem Augenblicke; Sonne, Feld, Wald, Alles wirkte erfrischend. Er schlug den Weg nach Eisleben ein. In den Dörfern, durch die er kam, herrschte freudige Bewegung. Es war Johannistag, und Mädchen und Burschen banden den durchziehenden Wanderer unter üblichen Sprüchen an, der sich dann loskaufen mußte. Unfern Eisleben begegnete ihm ein Leichenzug. Ein Bergmann wurde zur Ruhe bestattet. Eine tiefe Rührung ergriff ihn; in seinen ersten und einfachsten Formen trat ihm das Leben entgegen. In vollem Mondenschein legte er den letzten Theil des Weges zurück.

In der Schenke, wo er übernachten wollte, ging es laut und fröhlich zu. Mit Spiel und Tanz wurde das Johannisfest gefeiert. Auf dem Hausflur, vor seinem Zimmer, lärmte und wogte es durcheinander. Halb träumend blickte er von seiner Lagerstätte auf das bunte Gewirr. Endlich ward es still, aber er fand keinen Schlaf. Alle Lebensgeister pulsirten, die Sehnsucht nach der Natur ließ ihm keine Ruhe. Im Morgengrauen wanderte er weiter. Noch war die Sonne nicht aufgegangen. Fahl und bleifarben, eine eben erglühende Kugel, stieg sie am Rande des Himmels empor. Da durchbrach sie den Dunstkreis, und plötzlich mit stechendem Glanze schossen die ersten einzelnen Strahlen über die Ebene daher. Sie trafen ihn unmittelbar; ihm war, als hätten sie bis in sein tiefstes Herz hineingeblitzt. In ihm zerriß es wie ein Schleier; eine innere Erleuchtung war es, die ihn erfüllte; Himmel und Erde sah er in nie geahntem Glanze verklärt. Ihm war, als träte Gott selbst auf ihn zu, als schaue er in sein Angesicht. „Das ist Gottes Erscheinung!“ so durchbebte es sein ganzes Wesen. Die Gewißheit Gottes, die höchste Seligkeit, ein himmlischer Schmerz durchströmte ihn. Aus seinem Herzen quoll das Gefühl unendlicher Gottesliebe. Ja, der ewige Gott liebte auch ihn! Er brach in lautes Weinen aus; es waren Thränen der Seligkeit, die unaufhaltsam flossen. „Ich habe keine Worte für diesen einzigen Zustand“, so erzählte der Greis Tieck voll tiefer Bewegung im hohen Alter. „Weder vorher noch nachher habe ich je Aehnliches erlebt; es war die unmittelbarste Gewißheit Gottes, das Gefühl, mit ihm eins zu sein; an meinem Herzen fühlte ich ihn. Es war eine Stätte der Offenbarung. Ein Patriarch des alten Testaments würde hier einen Denkstein errichtet haben!“

Nur einen Augenblick dauerte diese Entzückung. Aber die Gewißheit, Gottes Geist habe ihn durchschauert, blieb ihm, und wie ein Nachhall jener Seligkeit erfüllte der reinste Friede sein Herz. Lange noch flossen seine Thränen, er konnte ihrer nicht Meister werden. Nach mehrern Stunden warf er sich auf die Bank vor der Thür einer Dorfschenke. Der Wirth brachte ihm Frühstück, wies aber, als er ihn weinen sah, jede Bezahlung zurück. „Ich sehe ja“, meinte er, „Sie sind ohnehin unglücklich genug.“ Es war der Humor, der ihn wieder in das alltägliche Leben zurückrief. Halb lachend, halb weinend zog er weiter.

Als er um Mittag bei einem Wirthshause anlangte, schallte ihm wüster Lärm aus demselben entgegen. Eine Schar hallescher Studenten, die auch nach dem Harze wanderte, hatte sich einquartiert. In ihrer Mitte traf er den Mephistophelischen Wiesel. Er hatte das Gefühl der Entweihung, als er den rohen Kreis betrat. Auf die höchste Entzückung folgte die gemeine Ernüchterung. Er legte sich das Gelübde ab, die Offenbarung, die er heute erfahren, als sein heiligstes Geheimniß im Herzen zu verschließen, und Jahre sind vergangen, ehe er davon zu sprechen wagte.

Unter den Nachklängen jener Verzückung durchzog er das Gebirge. Er fühlte sich der Natur noch näher als sonst, und auf einsamen Pfaden emporklimmend, verlor er sich gern in jene Nebelwolken, die an den Felsenspitzen hingen.