Bei Buhle hatte Tieck die Freude, den geliebten Matthisson persönlich kennen zu lernen. Dieser war kürzlich aus Frankreich zurückgekehrt, und hielt sich einige Zeit in Göttingen auf. Philosoph und Dichter standen im Verhältnisse gegenseitiger Bewunderung. Jener hatte die Gedichte dieses, so behauptete er, auf seinem Arbeitstische stets aufgeschlagen vor sich, und ward nicht müde, zu versichern, daß er Matthisson für den ersten Dichter halte. Der Dichter war höflich genug, die Gegenversicherung zu geben, nur Buhle’s Philosophie könne er verständlich finden. Als Tieck dem Dichter voll Bewegung erzählte, er habe seine Mutter in Coswig kennen gelernt, wie rührend ihm der Ausdruck ihrer Liebe zu dem berühmten Sohne gewesen sei, nahm Matthisson das ziemlich kalt und gleichgültig hin, und der gefühlvolle und empfindsame Dichter erschien ihm in diesem Augenblicke herzlos, ja beinahe roh.

Lichtenberg’s beißender Spott und sein dennoch leichter und gefälliger Umgangston waren für ihn sehr anziehend. Sie machten ihn kühn genug, offen heraus zu sagen, wie wenig er von Hogarth und dessen Charakterbildern halte, deren Erklärungen Lichtenberg schon seit längerer Zeit alljährlich in dem „Göttingenschen Taschenkalender“ zu geben pflegte. Für Tieck’s eben erwachenden Kunstsinn waren diese Bilder abstoßend und grauenhaft. Lichtenberg mochte auf die kühne Kritik des jungen Studenten nicht viel geben; er begnügte sich mit der Gegenbemerkung, daß er die Sache anders ansehe.

Bürger, der gefeierte, volksthümliche Dichter, war kaum noch ein Schattenbild dessen, was er einst gewesen. An Geist und Körper durch Kummer und Leiden aller Art abgemattet und erschöpft, siechte er einem frühen Tode entgegen. Immer noch hatte sein Name neben dem Goethe’s und Schiller’s einen guten Klang. Wie hätte man seine „Lenore“ vergessen können? Noch kamen manche Studenten nach Göttingen, um den berühmten Dichter zu sehen, der als Lehrer wenig wirkte und wirken konnte. Der Katheder war nicht für den leidenschaftlichen Mann, und die strenggeregelte Thätigkeit, die er mit Mühe seinem Genius abgewann, konnte ihn nicht einmal von den drückendsten Nahrungssorgen befreien. Dazu nagte der verzehrende Gram häuslichen Elends am letzten Reste seiner Lebenskraft.

Als Tieck ihn kennen lernte, hatte er sich vor einiger Zeit von seiner dritten Frau getrennt. Er war hager, bleich, zusammengefallen, der Kummer sprach aus seinen Zügen. Die Stimme hatte den Klang verloren, er konnte nicht mehr auslauten und sich nur mit Anstrengung verständlich machen; und doch sollte und mußte er sprechen. Hin und wieder pflegte er auszureiten. Es hatte etwas Gespenstisches, den bleichen Mann zu sehen, wenn er auf seinem steifen, magern Schimmel durch die Straßen von Göttingen trabte. Man mochte dabei an den Todtenritt denken, von dem er so ergreifend gedichtet hatte. Hin und wieder fiel ein Sonnenstrahl in sein umdüstertes Gemüth, wenn es gelang, ihn wider seinen Willen in den alten Kreis guter Freunde hineinzuziehen, den er jetzt, wie allen Umgang mit Menschen, fast ängstlich vermied. Hier hatte auch Tieck Zutritt gewonnen. In günstigen Augenblicken konnte dann Bürger ungezwungen, theilnehmend, ja heiter erscheinen. Er hatte etwas gemüthlich Liebenswürdiges, Kindliches. Die Formen, in denen er sich am liebsten bewegte, waren rücksichtlos und gewöhnlich. Es lag in ihnen eine derbe Einfachheit; ein Mann der feinen Welt war er nicht. Eine zusammenhängende, scharfe Durchführung eines Gedankens war auch nicht seine Sache. Selten gingen seine Urtheile über Poesie und Literatur von höheren Gesichtspunkten aus; sie waren meistens hausbacken. Doch liebte ihn Tieck darum nicht weniger. Ihn gewann die Treuherzigkeit und Aufrichtigkeit, die aus seinem Wesen sprach.

Auch Bürger’s Arzt und spätern Lebensbeschreiber, den Professor Althoff, lernte er in diesen Kreisen kennen, einen gebildeten und liebenswürdigen Mann, der ihm selbst in viel späterer Zeit in Dresden als Freund und ärztlicher Rathgeber zur Seite stehen sollte.

An Verkehr mit Studenten fehlte es ebenso wenig. Seiner eigenen feinen Bildung sagte ihr geselliges Leben bei weitem mehr zu, als der hallesche Burschencomment. Es war mehr wissenschaftliches Leben und Eifer für allgemeine Durchbildung, der gelehrte Handwerkssinn trat minder unangenehm hervor. Bald wurde eine literarische Gesellschaft gestiftet, an der außer Tieck und Burgsdorff eine Anzahl anderer Studenten Theil nahmen. Man las Abhandlungen, ästhetisirte, stritt und übte die jugendliche Kraft an Allem, was vorkam.

Nicht nur Menschen, auch Bücher lernte er kennen, und das war ihm mindestens ebenso viel werth. Die Bibliothek öffnete sich ihm und ward sein Lieblingsaufenthalt. Mit Vergnügen hatte der gelehrte Bibliothekar Schönemann seinen literarischen Eifer bemerkt. Freundlich beantwortete er seine vielfältigen Fragen, unterstützte seine beginnenden Studien, und gab ihm endlich die Erlaubniß, die Büchersäle selbst zu betreten, und die Gebiete der Gelehrsamkeit nach Herzenslust zu durchstreifen, und sich in ihnen zu verirren.

Besonders zog ihn die englische Literatur an, für deren Kenntniß er die trefflichsten Hülfsmittel fand. In ihr war das ältere Drama der Mittelpunkt seiner Studien, und als letztes, höchstes Ziel stand Shakspeare da. Ihn zu erforschen, ganz zu kennen, in den Dichter aller Dichter sich zu versenken, war der Arbeit eines Lebens werth. Hier verband sich die innerste Neigung mit den gelehrten Studien; auf diesem Felde, das fühlte er, konnte er mit ungetheilter Kraft arbeiten. Schon war er der allgemeinen Entwickelung um einen Schritt voraus, denn jetzt erst begann man in Deutschland Shakspeare’s Größe zu ahnen, die für ihn hell und klar leuchtete, wie die Sonne am Himmel. Wollte er seinen Dichter erkennen, so mußte er in der Geschichte der Zeit und der gleichzeitigen Literatur heimisch werden. Vor Andern war Ben Jonson merkwürdig wegen seines vollendeten Gegensatzes gegen Shakspeare. Ben Jonson hatte nichts von Allem, was diesen groß machte, und dennoch waren seine Dichtungen sehr achtungswerth. Vornehmlich erregte der „Volpone“ seine Aufmerksamkeit, den er noch in Göttingen unter dem Titel „Die Fuchsprelle“ übersetzte. Auf manchen andern bedeutenden Stoff sah er sich hingewiesen. Durch Webster’s Drama lernte er die Geschichte der Vittoria Accorombona kennen, und faßte den Gedanken, sie dichterisch zu bearbeiten.

In das Spanische führte ihn Tychsen ein, der eine Vorlesung über diese in Deutschland wenig gekannte Literatur hielt. Außer ihm und Burgsdorff, der durch ihn bestimmt worden war, fanden sich dazu nur wenig lernbegierige Jünger. Tieck selbst wollte den Cervantes, den „Don Quixote“ in der Ursprache lesen. Sobald es seine Kräfte irgend erlaubten, machte er sich an diesen, und lange Zeit war er sein täglicher Begleiter.

Eine mehr nach außen gewandte, geordnete Thätigkeit dieser Art mußte läuternd und regelnd auf sein Inneres und seine dichterischen Versuche zurückwirken. In Halle hatte er noch unter Rambach’s Einfluß gestanden, und auf dessen Betrieb Manches zu bearbeiten unternommen. Sogar den knabenhaften Plan, eine Tragödie „Anna Boleyn“ im Verein mit seinem Freunde Piesker zu schreiben, hatte er wieder hervorgesucht. Unleugbar hatte er seitdem an Durchbildung, an innerer Freiheit und Selbständigkeit, an Gleichgewicht der Kräfte gewonnen. Jene dämonischen Anwandlungen, wie er sie in Halle gehabt, kamen seltener und in minderer Stärke. Verstummten gleich die Zweifel und das Entsetzen, das sie mit sich führten, keineswegs ganz, so war er doch seiner Phantasien und schmerzlichen Bewegungen so weit Herr geworden, um auf einzelne Punkte derselben ruhigen Auges zurückblicken und ihre Darstellung versuchen zu können.