Zum „Abdallah“ war er schon in Halle zurückgekehrt. Manches, was er dort erlebte, wirkte darauf ein. Die materialistische Philosophie des Genusses und der Sinnlichkeit, in der sich jener Wiesel gefiel, dessen frecher Hohn hatten einen so grauenvollen Eindruck zurückgelassen, daß es nicht zu verwundern war, wenn einzelne Anklänge in Omar’s teuflischer Weisheit wiederkehrten, mit der er das jugendlich unbefangene Opfer, welches er der Hölle bringen will, umgarnt. Im Spätherbst 1792 nahm er die Bearbeitung wieder auf. Das Ganze gestaltete sich jetzt anders; nun wollte er es zu Ende bringen. Es war kurz vor Weihnachten, als er seine grausige Erzählung schloß. Er hatte die Nacht hindurch gearbeitet, und das letzte Capitel, in dem alles früher geahnte Entsetzen zu gräßlicher Erfüllung kommt, vollendet. In steigender Erregung hatte er geschrieben. Als er die Feder niederlegte, dämmerte der Tag. Er trat an das Fenster. Ein Streif hellen, winterlichen Morgenlichtes leuchtete über die niedrigen Dächer herüber. Langsam und schläfrig begann sich das Alltagsleben auf der Straße zu regen. Bewegt blickte er in den Morgen hinaus. Dennoch fühlte er sich still und beruhigt, ja friedlich. Eine schwere Last war von seinem Herzen genommen. Im „Abdallah“ hatte er ausgesprochen, was ihn ängstigte. Nirgends vielleicht haben Schiller’s „Räuber“ einen furchtbareren Nachklang gefunden, als in dieser Dichtung. Mit dem schreiendsten Mislaute schloß sie ab. Die höllische Lügenkunst hatte gesiegt, mit furchtbarem Hohne wird jede bessere Kraft zu Boden getreten; der Mensch scheint nur geboren, um das Opfer dunkler Gewalten zu werden.

Aber in diesem Nachtstücke schienen sich nur die schwersten Wetterwolken entladen zu haben. Noch grollte der Donner in der Ferne. Kaum war der „Abdallah“ abgeschlossen, als die ersten Gestalten des „Lovell“, welche ihm schon länger ungewiß vor der Seele schwebten, sich festzustellen anfingen.

Nebenher waren einige minder bedeutende Kleinigkeiten entstanden. Auf Bernhardi’s Verlangen schrieb er ein Trauerspiel in zwei Acten „Der Abschied“ in kürzester Zeit nieder. Mit den geringsten Mitteln sollte eine tragische Wirkung erreicht werden. Im Kreise der berliner Freunde wollte man das Stück darstellen, und mit Selbstverleugnung ließ er es geschehen, daß Bernhardi es für sein Werk ausgab. Minder glimpflich nahmen die berliner Kritiker, Tieck’s Schwester und Wackenroder, eine kleine Erzählung auf, in welcher er den Sagenton Veit Weber’s anstimmte, „Das grüne Band“, oder wie es zuerst hieß „Adalbert und Emma“, eine leicht hingeworfene Arbeit. Dagegen hatten sie sich mit dem ersten Theile des „Abdallah“, den er ihnen zu Anfang des Jahres 1793 zusandte, einverstanden erklärt.

3. Erlangen. Abenteuer.

Ostern des Jahres 1793 war herangekommen. Es eröffnete für Tieck einen hellen Blick in die Zukunft. Das war nach manchen Entsagungen die Aussicht auf den lebensfrischen Genuß eines Sommers im Wald und Gebirge, in Natur und Kunst, an der Seite des Freundes, dem sein ganzes Herz gehörte. Wie oft hatte er seinen Wackenroder herbeigewünscht, um alle Zweifel und düstere Gedanken in seine treue Brust ausschütten zu können, neue Anschauungen und Entdeckungen unmittelbar mit ihm zu theilen. Ihr fortgesetzter Briefwechsel war für das Alles nur ein geringer Ersatz gewesen. Jetzt endlich sollte er den Freund zur Fortsetzung seiner Studien nach Erlangen begleiten.

Schon lange vorher hatten sie diesen herrlichen Plan in ihren Briefen ausführlich besprochen, und in jugendlicher Ueberschwänglichkeit mit der Hoffnung einen Theil der Wonne vorweggenommen. Das Leben, welches sie in Berlin miteinander geführt hatten, sollte nicht nur fortgesetzt, es sollte ein innigeres, und doch freieres, weiteres werden. Hier sollte endlich alles Große und Schöne in Erfüllung gehen, wovon sie in den Augenblicken kühnster Begeisterung geträumt hatten. Jetzt erst sollten sich die Schranken des Lebens öffnen.

Besonders Wackenroder seufzte nach dieser schönen Zeit; sie schien alles Glück, alle Freiheit einzuschließen. Noch immer hatte der sorgsame und strenge Vater an ihm gebildet und erzogen; vielleicht nur zu viel. In der Sorge für den einzigen Sohn konnte er sich nicht genug thun; sie ging am Ende in einen geistigen Druck über, der diesem die Freiheit eigener Bewegung raubte und ihn noch mehr einschüchterte. Nicht ohne den geheimen Wunsch der Selbständigkeit hatte Wackenroder es bisher getragen; umsomehr, da der Vater in der Strenge seiner Anforderungen schwer zufriedenzustellen war, und Alles auf seine Weise aufgefaßt wissen wollte. Ein volles Jahr später als Tieck beendete er seine Vorbereitung. Nun erst meinte der Vater ihn freigeben zu können, nun erst habe der Sohn die erforderliche Reife erlangt, um die Universität beziehen zu können. Nach Erlangen sollte er gehen, der neuerworbenen Landesuniversität, die mit den fränkischen Fürstenthümern an Preußen gefallen war, und sich dem Studium der Rechte widmen.

Als Sitz der Studien wollte Erlangen nicht viel bedeuten, doch wünschte es die neue Regierung zu heben. Unter den ältern Professoren waren Harleß und Meusel die namhaftesten, jener für Philologie, dieser für Geschichte und Literaturgeschichte. Für Aesthetik hatte Hardenberg, der Statthalter der neuen Provinzen, seinen ehemaligen Hofmeister Mehmel angestellt. Tieck konnte daher kaum in Versuchung kommen, das reiche Göttingen mit dem ärmlichen Erlangen zu vertauschen. Aber es lockte ihn die Natur des fränkischen Landes, der Name jener alten, ehrwürdigen Stätten deutscher Kunst und Art. Eine Fülle des Lebens versprach sich hier dem Norddeutschen zu eröffnen, der an eine karge und eintönige Natur, an das künstlich gemachte Wesen einer neuen, durchsichtigen und aufgeklärten Stadt gewöhnt war, und doch innerlich nach Natur und Kunst dürstete.

Zunächst wandte er sich nach Berlin, um den Freund zur frohen Fahrt abzuholen. Zum zweiten Male seit der ersten Trennung sah er die Seinen wieder. Vielleicht hatte Niemand seine Abwesenheit schmerzlicher empfunden, als seine Schwester. Der geistige Verkehr mit dem geliebten Bruder war ihr zum unentbehrlichen Bedürfniß geworden. Er hatte ihren Geist geweckt, durch Rath und Beispiel ihre Bildung geleitet, ihren Blick für Poesie und Literatur erschlossen. Manche Genüsse hatten sie in der Beschränkung ihres Lebens neben den Schmerzen desselben miteinander getheilt. Rasch, kühn, nicht ohne Eigenthümlichkeit war sie auf die Lehren des Bruders eingegangen. Schon übte sie nicht nur eine scharfe Kritik aus, die sich auch gegen ihn und seine Dichtungen wandte, sie fing selbst an zu dichten. Sie war über die Schranken der Bildung hinausgegangen, die ihr das väterliche Haus setzte. Sie fühlte sich gehemmt, beengt, und hatte mit der ganzen Kraft eines glühenden und liebebedürftigen Herzens den Bruder umfaßt, der ihr Alles ersetzen sollte, was ihr in diesem engen Kreise fehlte. Er war ihr Eins und Alles, mit Eifersucht hätte sie ihn für sich allein bewahren mögen. Sie lebte wieder auf, als sie jetzt in alter Weise einige Zeit mit ihm zusammen sein konnte.