Endlich brachen die Freunde von Berlin auf. Wackenroder, der Sohn des wohlhabenden und angesehenen Bürgermeisters, wohlausgerüstet mit allen Reisemitteln, und trefflichen Empfehlungen an gelehrte und ungelehrte Autoritäten des obern Deutschland. Minder günstig war Tieck versorgt, aber er durfte sich unter allen Umständen auf sich und seine Kraft, schnell und glücklich zu arbeiten, verlassen. Drakendorf bei Jena, wo der junge Prediger Schuderoff lebte, ein vertrauter Freund der Wackenroder’schen Familie, war das nächste Ziel. In ihm lernte Tieck einen eifrigen Kantianer kennen, und was ihm lieber war, einen freundlichen Mann, der sich bemühte, den Reisegefährten den Aufenthalt so angenehm als möglich zu machen. Dann ging es nach Jena. Hier wurde Schiller aufgesucht. Die Freunde waren in hohem Grade bestürzt, als sie ihn nicht fanden, und keine Zeit hatten, ihren Besuch zu wiederholen. Eine Entschädigung war es, daß sie die Bekanntschaft von Reinhold machten. Dann reisten sie nach Weimar und Erfurt, wo sie das erste Kloster betraten. Ueber Gotha und Koburg erreichten sie Erlangen.

Das Städtchen machte einen freundlichen Eindruck, und bald hatten sie sich in den vorsorglich von Berlin aus gemietheten Zimmern häuslich eingerichtet. Bei Harleß und Meusel fanden sie die beste Aufnahme. Die beiden gelehrten alten Herren suchten den jungen Aesthetikern gegenüber den tiefsten Ton der Leutseligkeit anzuschlagen. Man bat um ihren Besuch, machte einen Spaziergang mit ihnen, ließ sich über dies und jenes in ein Gespräch ein, und suchte ihnen in gelehrten Dingen gelegentlich auf den Zahn zu fühlen.

Harleß war ein freundlicher alter Herr, der trocken und zusammengeschrumpft, voll steifer Würde, in seinem gelben Sommerrock mit geblümtem Muster eine eigenthümliche Figur spielte. In seinen Vorlesungen wie im gewöhnlichen Leben war er der gelehrte Originalmann der ältern Zeit, dessen Worte und Bewegungen den Stempel wissenschaftlicher Hoheit an sich trugen. Eine Einführung in den Geist der alten Poesie vermochte auch dieser Philolog nicht zu gewähren, weder in seinen Collegien noch in dem Seminar, wo er griechische Dichter erklären ließ. Vielmehr kamen Dinge vor, die den Geschmack des Professors zweifelhaft erscheinen ließen. In einer Schilderung des Thales Tempe, die man las, war von den summenden Bienen das Wort συρίζειν gebraucht. Harleß legte darauf besondern Nachdruck; hier könne man zeigen, ob man treffend zu übersetzen verstehe. Die Studenten thaten ihr Bestes, und schlugen diesen und jenen Ausdruck vor. Der Eine meinte Summen. „Ei bewahre, das ist nichts!“ schnarrte ihn der Professor mit hartem fränkischem Accent an. Ein Anderer glaubte es mit Brummen, ein Dritter mit Säuseln zu treffen. „Warum nicht gar! Noch viel weniger!“ rief Harleß. Da der Vorrath endlich erschöpft war, begann er: „Ich begreife nicht, wie Ihnen das rechte Wort entgehen kann; es liegt ja so nahe! Hat denn Keiner von Ihnen an unser treffliches Schnürfeln gedacht?“

Hin und wieder begleitete Tieck den gelehrten Mann auf seinen Spaziergängen. Einst führte sie ihr Weg vor dem Thore bei einem Gartenhause vorbei, in welchem ein Mann wohnte, der mit der fixen Idee behaftet war, predigen zu müssen. Dieser stand in der Mitte des Gartens, und ließ sich voller Eifer folgendermaßen vernehmen: „Wie wir das, andächtige Zuhörer, in den neuesten Komödien gesehen, und durch die neuesten Komödienzettel erfahren haben!“ Diese laut herausgeschriene Anrede machte auf Tieck einen wunderlichen Eindruck, und ohne Umstände wollte er den gelehrten Professor im Stiche lassen, um den Redner näher zu sehen. Voll Schreck und Entrüstung hielt ihn Harleß zurück. „Ei bewahre, mein Lieber“, rief er; „das schickt sich nicht für Sie! Der Mensch dort ist ja ein Narr; da können Sie nichts profitiren!“

Ein Gegenbild zu Harleß war Meusel, das gelehrte Deutschland in Person, der in altfränkischer Höflichkeit nie unterließ, das Sammetkäppchen zu lüften, und mit einer Verbeugung zu antworten, wenn man ihn mit seinem Amtstitel anredete. Auch den Professor Breyer hatten die Freunde aufgesucht, und durch einige andere Studenten unterstützt, ihn in wohlgemeintem Eifer ersucht, eine besondere Vorlesung über Pindar zu halten, den sie nur aus Gedike’s Lehrstunden kannten. Nach den Versicherungen, die sie auf dem Gymnasium gehört hatten, daß Pindar in der That ein großer Dichter sei, hofften sie, jetzt werde ihnen auf der Universität das Verständniß eröffnet werden. Doch sie täuschten sich, auch hier hörten sie nur eine Wiederholung der alten Redensarten, die in der Regel mit dem näselnden Schlußsatz endeten: „Wie das der Herr Consistorialrath Gedike so trefflich gesagt hat!“ Was aber der zu sagen pflegte, wußten sie selbst am besten; daher löste sich das Collegium nach einigen Wochen auf.

Mehr als alle Vorlesungen versprach das Fichtelgebirge, das Mainthal, dann die alten Städte, wie Bamberg, und vor allen das kunstreiche Nürnberg. Hier stand man auf dem Boden des deutschen Reichs, im gesegneten Frankenlande. Da gab es Ruinen und Ritterburgen, und auf diesem Hintergrunde bewegten sich jene kraftvollen Gestalten des Götz und seiner Genossen, mit denen man seit den Kinderjahren vertraut war.

Nürnberg ward ein Hauptwallfahrtsort für die Freunde. Je öfter sie es sahen, mit um so größerer Theilnahme, ja Andacht kehrten sie dahin zurück. In seiner ganzen Fülle trat ihnen das alte deutsche Kunstleben entgegen. Was sie früher dunkel geahnt hatten, war hier längst zur lebendigen Wirklichkeit geworden. Wie reich an Denkmalen aller Künste war nicht diese Stadt, mit ihren Kirchen von St.-Sebald und St.-Lorenz, mit ihren Werken von Albrecht Dürer, von Vischer und Krafft! Hier war das Handwerk durch Kunstsinn und ämsigen Fleiß zur Kunst geadelt worden. Da war jedes Haus ein Denkmal der Vorzeit, jeder Brunnen, jede Bank ein Zeugniß für das stille, einfache und sinnvolle Leben der Väter. Noch hatte die blasse Kalktünche die Häuser nicht gleich gemacht. Stattlich prangten sie mit bunten Bildern, die aus der Sage und Poesie des Volkes entlehnt waren. Da sah man Ortnit und Siegenot, Dietrich und andere Helden als Schützer und Hüter über den Thüren. Es ruhte auf der alten, ehrenfesten Reichsstadt mit ihren Wundern und Wunderlichkeiten ein Duft der Poesie, den der Zugwind neuer Politik und Aufklärung an andern Orten längst verweht hatte.

In voller Kunsttrunkenheit durchsuchten die Freunde Kirchen und Kirchhöfe. Mit Rührung standen sie an den Gräbern Albrecht Dürer’s und Hans Sachs’, sie sahen die Burg, Bürgerhäuser und Sammlungen, was nur irgendeinen Namen hatte. Eine versunkene Welt stieg vor ihren Augen wieder empor, und unwillkürlich bevölkerten sie diese Straßen und Plätze mit den Gestalten ihrer Phantasie. Von selbst ward das Leben des alten Nürnberg zu einem Kunstroman. Da hätte man zugleich Gelegenheit gehabt, das Wesen der altdeutschen Kunst, die Vorzeit darzustellen, von deren Werth und tiefem Ernst die Gegenwart keine Ahnung hatte, und die Undankbarkeit eines spätgeborenen, klügelnden Geschlechts in ein helles Licht zu setzen. Hier tauchten die ersten Ideen zum „Sternbald“ auf, und jene innigen Klänge, welche die Herzensergießungen des Klosterbruders und die Schilderungen der deutschen Kunst und des stillen Schaffens der alten Meister durchziehen.

Doch auch Nürnbergs Gegenwart, seine Gelehrsamkeit und Alterthumsforscher mußten sie kennen lernen; besonders Wackenroder durfte sie nicht versäumen. Da folgte auf die Begeisterung die Abkühlung. In ihren Forschern nahm sich die Vergangenheit keineswegs poetisch aus. Als sie respectvoll den grundgelehrten Panzer besuchten, sagte dieser mit steifem Ernste zu ihnen: „Als eifrige Scholaren werden Sie Ihre kleinen Ferienreisen gewiß nicht machen, ohne den Horatium in der Tasche zu führen.“ Darauf kam der berühmte Alterthumsforscher Murr an die Reihe, der gelehrte Theolog Strobel, Mannert der Geograph, manche Kunstkenner und Händler, und Andere, darunter der junge Kant’sche Arzt Erhardt. An alle war Wackenroder bestens empfohlen. Dann ging es zu Pferde nach Pommersfelde, wo alle frühern künstlerischen Genüsse zurücktraten, als sie in der Gemäldegalerie zum ersten Male eine Madonna von Rafael, wie man damals glaubte, sahen. Später erlebten sie in Bamberg an einem Festtage ein katholisches Hochamt in vollem Glanze, Processionen mit Fahnen und Lichtern. Es vollendete die wunderbaren Eindrücke, die sie hier erhielten.

Wackenroder hatte nicht unterlassen, mit gläubigem Sinne die namhaften Gelehrten aufzusuchen, jetzt mußte er auch die Natur, Land und Leute kennen lernen. Er wußte wol, daß sein Vater mit der Strenge des Geschäftsmannes ein nachweisbares Ergebniß dieser Reisen verlangen werde. Er sollte als junger Mann, der sich bilden will, die Welt kennen lernen und mit Nutzen reisen, etwa wie Nicolai eine Anleitung dazu in seinen bekannten Reisen gegeben hatte. Darum machten sich die Freunde in den Pfingstferien auf den Weg in das Baireuthsche. Sie sahen Hüttenwerke und Zinngruben, fuhren in die Bergwerke, streiften in das böhmische Gebiet hinein, und verloren sich endlich auf den Waldpfaden des Fichtelgebirges.