Nie glaubten sie einen herrlicheren Baumwuchs und frischeres Grün gesehen zu haben. Da wanderten sie hin durch die Gründe, wo aus dem malerischen Gewirr düsterer Tannen hellschimmernd das junge Laubholz hervorblickte, und „dicht von Felsen eingeschlossen“, unter Stein und Moos die Bäche still und einsam gingen. Für einen der höchsten Punkte im Fichtelgebirge galt der Ochsenkopf; der sollte erstiegen werden. Kühn genug wollten die Freunde unter der Leitung eines Führers den schwierigen Weg zu Pferde machen. Anfangs ging Alles trefflich. Bald aber änderte sich die Scene. Man kam in den sogenannten Fichtelsee, einen morastigen Grund, wo auch im Sommer das Wasser in Lachen stand, von kriechenden Schlingpflanzen bedeckt, aus denen sich Buschwerk und niederes Baumgestrüpp erhob. Hervorragende Steine, Strauchwerk, hin und wieder ein Bret, bildeten den Weg, auf dem man sich mühselig und nicht ohne Gefahr fortarbeiten mußte. Es war kaum möglich, die Pferde ohne Schaden von der Stelle zu bringen, man mußte sie am Zügel hinter sich herziehen.
Als die Wanderer wieder festen Boden unter sich fühlten, hatten sie die Richtung des Weges verloren. Da standen sie zwischen hohen Felsenwänden und rauschenden Bäumen! Der Führer ward kleinlaut, dann still. Jetzt brach er unter Flüchen aus: „Ich muß verhext sein! Ich habe den Weg hundert mal gemacht und bin nie irregegangen. Ich muß verhext sein! Das kommt oft vor hier im Fichtelgebirge.“ Endlich schlug er vor, einen höhern Punkt zu ersteigen, von wo ein heller Lichtstreif durch den Wald blickte. Dort schien sich das Dickicht zu öffnen; vielleicht konnte man einen freien Ueberblick gewinnen. Aber hier galt es, neue Schwierigkeiten zu überwinden. Man mußte mit den Pferden einen schmalen Felsenweg emporklimmen, den Gießbäche ausgehöhlt hatten. Endlich war man oben angelangt. Es war eine kleine Hochebene, mit kurzem Grase bedeckt, von dunkeln Bäumen und engverwachsenem Gestrüpp eingeschlossen. Nirgends eine Aussicht ins Freie, nirgends ein Pfad; nur Bäume und Felsen, und über ihnen der Himmel. Fern ab schienen Welt und Menschen zu liegen; hier verhallte jeder Laut in der tiefsten Waldeinsamkeit.
Zurück konnte man mit den Pferden nicht, ebenso wenig vorwärts. Wieder begann der Führer seine Verwünschungen, daß er behext sei. Endlich versuchte er es mit einem Handbeil, das er bei sich trug, durch das Gestrüpp einen Weg zu bahnen. Auf gut Glück folgte man ihm. Zwischen krachenden Zweigen wanden sich die Verirrten mit Mühe hindurch. Jetzt kam man wieder auf einen Pfad; aber welcher Weg war das! Schmal und steinig zog er sich am Rand eines Bergrückens hinab. Ein falscher Tritt, und die Pferde sammt den zu Fuß wandernden Reitern stürzten in die Tiefe hinab. Mit steigender Angst setzten sie ihren unheimlichen Marsch fort. Zu ihrer nicht geringen Freude erreichten sie eine Glashütte, wo man ihren Berichten kaum trauen wollte, als sie erzählten, welchen halsbrechenden Weg sie mit den Pferden zurückgelegt hätten. Zugleich erfuhren sie, daß man erst von diesem Punkte aus den Ochsenkopf besteigen könne. Trotz aller Kämpfe beschlossen sie auch dieses Abenteuer zu bestehen, fanden aber nach ihren Erfahrungen das Ersteigen der Höhe weder so schwierig, noch so belohnend, als man es geschildert hatte.
Nach so schweren Mühen des Tages waren sie froh, am späten Abend eine gastfreie Aufnahme auf dem Eisenhammer des Commerzienraths Müller, an den sie empfohlen waren, unfern des Dorfes Bischofsgrün, zu finden. In einem Flügel des weitläufigen Fabrikgebäudes hatte man die ermatteten Reisenden untergebracht. Wackenroder, der Anstrengungen ungewohnt, warf sich sogleich auf das Bett. Tieck war zu bewegt, er konnte nach Allem, was er heut erlebt hatte, nicht schlafen. Die Naturgeister wachten auf. Er öffnete das Fenster. Es war die laueste, herrlichste Sommernacht. Das Mondenlicht floß in vollen Strahlen auf ihn nieder. Da lag sie vor ihm die mondbeglänzte Zaubernacht, die Natur mit ihren uralten und ewig jungen Märchen und Wundern! Wieder schwellte es sein ganzes Herz. Zu welchem fernen, unbekannten Ziele zog es ihn mit unwiderstehlicher Kraft? Mild und beruhigend klangen die schwebenden Töne eines Waldhorns durch die Nacht herüber. Er fühlte sich wehmüthig bewegt und doch unendlich glücklich.
So träumerisch er in solchen Augenblicken versinken konnte, so sehr dann die tiefe Natureinsamkeit seine Seele füllte, so trieb ihn doch die eigene Art seines Wesens aus dieser Stille hinaus, nach ganz entgegengesetzten Seiten hin. Es regte sich seine Theaterliebhaberei, die trotz ihrer kritischen Ansprüche, doch nicht ohne eine gewisse Selbstironie auch mit sehr Gewöhnlichem vorlieb nehmen konnte. Ihr zu Gefallen ließ er sich in ein seltsames Abenteuer verlocken, das leicht den unerfreulichsten Ausgang hätte haben können.
In der Gegend von Fürth hatten Reichstruppen, die nach dem Rhein vorrücken sollten, ein offenes Lager bezogen, welches von Nürnberg, Erlangen und andern benachbarten Städten von Neugierigen und Reiselustigen besucht wurde. Dies hatte den Director einer wandernden Schauspielertruppe auf den Gedanken gebracht, es sei ein gutes Geschäft, im Lager selbst eine theatralische Vorstellung zu geben. Nachdem er die Erlaubniß des Generals erhalten hatte, glaubte er ganz seinem Vortheile und den Anforderungen des guten Geschmacks gemäß zu handeln, wenn er in der Mitte der Soldaten eines jener Soldatenstücke, welche seit „Minna von Barnhelm“ allgemein beliebt waren, zur Aufführung bringe. Er hatte dazu ein Hauptspectakelstück „Graf Waltron“ ausersehen. Der militärische Glanz des Lagers sollte ihm dabei zu Hülfe kommen, Zelte und Bäume die natürliche Decoration bilden, die große Masse der Reichssoldaten den belebten Hintergrund darstellen, und zugleich einen Theil des Publicums abgeben.
Für Tieck war dieses sonderbar angekündigte Schauspiel viel zu anziehend, als daß er nicht hätte nach Fürth hinüberreiten sollen. Im Lager fand er einen Platz abgesteckt, um den sich eilig zusammengeschlagene Bänke stufenweis erhoben. Die Zuschauer fingen an die hintern Plätze zu füllen, die vordern sollten für die noch zu erwartenden Honoratioren aufgespart werden. Einige Reichssoldaten waren beordert, die Polizei in diesem neuen Kunsttempel zu handhaben. Da indeß dieses Amt der kriegerischen Ehre Eintrag zu thun schien, so hatte man die Uniformen der dienstthuenden Soldaten an Kragen und Aermeln mit Streifen rothen Papiers besetzt, und so eine Art von phantastischer Uniform geschaffen. Tieck hatte seinen Sitz auf dem ersten Platze eingenommen, und sah vertrauensvoll und heiter dem wunderlichen Schauspiele entgegen, in dem in ungeschickter Weise Natur und Kunst verbunden werden sollten. Diese gab sich selbst auf, indem sie sich in kläglich verzerrter Gestalt unmittelbar neben jene stellte.
Inzwischen begann das Publicum voll Ungeduld und Erwartung ein eigenthümliches Vorspiel aufzuführen. Man drängte und lärmte durcheinander. Die entfernter Sitzenden versuchten es zuerst mit List, dann mit offenbarer Gewalt, ohne sonderliche Achtung vor der soldatischen Polizei, in die vordern Reihen der Honoratioren einzudringen. Einige waren sogar unverschämt genug, im Bühnenraume selbst sich niederzulassen. Unter diesen drohenden Anzeichen begann das Stück. Die Soldaten im Stücke, die den wirklichen gegenüber eine armselige Figur spielten, fingen an ihre Rollen herzusagen. Da aber bei der um sich greifenden Unordnung jede Kunsttäuschung vollends aufhörte, so wurden die Schauspieler durch die Eindringlinge unterbrochen und verhöhnt, und mußten endlich unter dem Jubel der barbarischen Kunstfeinde beschämt abziehen. Der Director rief in seiner Noth die bisher ziemlich unthätige Polizei zu Hülfe. Ein Reichssoldat versuchte unter Flüchen und Schimpfreden das Publicum in die Schranken zurückzutreiben, und schwang dabei seinen eisernen Ladestock, den er als Amtsstab in der Hand hatte, rücksichtlos über den Häuptern der Aufrührer, von denen er den einen und den andern unsanft berührte.
Mit Verdruß hatte Tieck diese Scene angesehen. Zuerst ärgerte ihn die Unverschämtheit des Publicums, das sich selbst den Spaß verdarb, dann die Fuchtel des Soldaten. Plötzlich fühlte auch er sich von dem Zauberstabe am Hute getroffen. Eine wahre Berserkerwuth ergriff ihn. Blindlings stürzte er über die Schranken fort, auf den züchtigenden Soldaten los. Als die erste Wuth von ihm gewichen war, sah er nicht ohne Verwunderung, daß er auf der Brust des Soldaten kniee, der dem unerwarteten Angriffe erlegen und sammt dem Angreifer zu Boden gestürzt war. Jetzt erst erfolgte der allgemeinste Aufruhr; mit Mühe trennten die herbeieilenden Wachen die Kämpfer, und führten den Hauptübelthäter vor den commandirenden General. Dieser empfing ihn mit zornigen Begrüßungen; er habe sich meuterisch an dem Reichssoldaten vergriffen, das sei ein Verbrechen gegen Kaiser und Reich, eine exemplarische Strafe und Satisfaction sei nothwendig.
Während dieses Unwetters hatte Tieck seine Besonnenheit wiedergefunden. Nach einigen Gegenreden riß er dem dabei stehenden Soldaten ein Stück des papiernen Uniformbesatzes ab mit der Frage, welcher Truppentheil denn eine solche Uniform trage, an der er sich vergriffen haben solle. Diese unerwartete Wendung machte den General stutzig. Er hieß ihn seiner Wege gehen, und ergoß den Rest der Zornesschale über den unglücklichen Director, der nun seinerseits Zuschauer dieses Schauspiels gewesen war.