Beschämt eilte Tieck, der plötzlich zum Haupthelden des Tages geworden war, durch die gaffende Menge nach Fürth zurück, in den Gasthof, wo er sein Pferd eingestellt hatte. Er dachte sich nach diesem unangenehmen Handel durch ein Glas Wein zu stärken, bevor er nach Hause eilte. Aber neue Beschämungen warteten seiner. Als er in dem Saale Platz nahm, war die Unterhaltung über die Rolle, die er heute gespielt hatte, bereits in vollem Gange. Nur scheu wagte er umherzublicken, und bemerkte in einiger Entfernung einen ihm wohlbekannten Buchhändler aus Erlangen mit seiner jungen, hübschen Frau. Diese pflegte er zierlich und nicht ohne huldigenden Eifer zu grüßen, so oft er sie am Fenster sah, was eben nicht selten der Fall war. Der Mann in der Voraussetzung, daß Tieck ihn nicht verstehe, sagte auf Englisch zu seiner Frau: „Das ist der junge Mensch, der sich draußen auf dem Naturtheater in so sonderbarer Weise bemerklich zu machen suchte.“ Das war zu viel! In welch lächerlichem Lichte mußte er nicht vor der Schönen erscheinen! In verbissenem Ingrimm über seine Heftigkeit eilte er, unter dem kaum verhaltenen Lachen der Umhersitzenden, zur Thür hinaus. Er warf sich aufs Pferd, und jagte verhängten Zügels, ohne rechts und links zu sehen, in das Abenddunkel hinaus.
Doch das Abenteuer war noch nicht zu Ende. Er hatte gewähnt, auf dem Wege nach Erlangen zu sein; als er sich abzukühlen anfing, erkannte er, daß er in seinem Zorn die Richtung verloren hatte. Es war Nacht geworden; er befand sich in einem Gehölze, in dem er sich nicht erinnerte, gewesen zu sein. Umsonst suchte er in der Dunkelheit nach einem Wege. Es blieb nichts übrig, als über Stock und Stein auf gut Glück durch das Dickicht zu dringen. Da öffnete sich ihm unvermuthet eine malerische, aber doch besorgliche Scene. Um ein lustig loderndes Feuer hatte sich ein Zigeuner- und Kesselflickervölkchen gelagert, das unter dem Schutze der milden Reichspolizei auf den sich durchkreuzenden Gebieten ungestört sein Wesen trieb. Schon hatte die unheimliche Gesellschaft den Reiter bemerkt, und forderte ihn gastfrei auf, vorlieb zu nehmen und sich wahrsagen zu lassen. Es war ihm bei dieser unerwarteten Einladung nicht wohl zu Muthe. Indeß mit unbefangener Miene suchte er ihr zu folgen, um nicht aus einem Ehrengaste ein Gefangener zu werden. Man bot ihm zu essen; er mußte seine Hand hinreichen, und sich große Dinge verkünden lassen. Er war froh, als man ihn endlich ziehen ließ, ohne sein Pferd zurückzubehalten, und ihn sogar auf den rechten Weg geleitete. Doch hatte er die genossene Gastfreundschaft reichlich bezahlen müssen. Gegen Morgen kam er in Erlangen an.
So wechselte in dieser heitern und bewegten Zeit studentischer Ungebundenheit ein wunderliches Abenteuer mit dem andern. Die buntesten und sonderbarsten Gestalten drängten sich an ihm vorüber, die verschiedensten Eindrücke machten sich geltend. Wie oft hatte er nicht von solchen und ähnlichen Vorfällen gelesen, oder sie beschrieben. Bisweilen schienen seine Phantasien zur Wirklichkeit zu werden, und in einer nüchternen Zeit stand er plötzlich mitten in Abenteuern, und ward gar zum Haupthelden. Kunst, Natur und Menschen zeigten sich ihm in den verschiedensten und zum Theil grellsten Beleuchtungen. Es waren auch Studien, die er in Erlangen machte. Freilich ganz andere als in Göttingen.
Endlich ward er noch aus der Ferne Zuschauer, und mittelbar auch Theilnehmer eines andern Abenteuers, das minder harmloser Natur war, und einer rauhern Welt als der deutscher Dichterträume angehörte.
Die Revolution jenseit des Rheins hatte unterdessen ihren blutigen Gang vollendet. Das Haupt Ludwig’s XVI. war gefallen. Es gab manche jugendliche Schwärmer, welche meinten, mit diesen dämonischen Mächten, deren zerstörende Gewalt sie nicht kannten, spielen zu können.
Schon in Göttingen hatte man sich in Parteien getheilt. Man stritt, zankte und erhitzte sich aneinander. Brandes’ und Rehberg’s Namen wurden fast als Ekelnamen behandelt, die Siege der Franzosen nicht ohne Theilnahme verfolgt. Auch Tieck hatte sich wol einen Demokraten genannt, und von Freiheit und Menschenrechten gesprochen, ohne zu ahnen, in welchem Gegensatze das, was er hier zu vertheidigen schien, zu seinem Wesen stand. Bei den Meisten ging die Neigung für die Revolution überhaupt nicht tief. Thatsächlich beschränkte sie sich nur auf polizeiliche Plackereien und einige gesellige Unbequemlichkeiten in dem steifen Verkehr der Stände untereinander. Andere, heftiger und unbesonnener, wurden freilich tiefer in den Strudel hineingezogen. Zu diesen gehörte Burgsdorff.
Wie manche junge Edelleute jener Zeit, hatte er sich für die Grundsätze der Freiheit und Gleichheit begeistert. Von ganzem Herzen meinte er die heimische Tyrannei zu hassen, und mit lautem und herausforderndem Trotze gegen die eigenen Verhältnisse pflegte er seine Ansichten auszusprechen. Endlich ward es ihm zu eng in Göttingen. Im Frühjahre 1793, während Tieck sich anschickte, nach Berlin und Erlangen zu gehen, beschloß er nach Strasburg zu eilen, um die großen Bewegungen, von denen er das Heil der Welt erwartete, in der Nähe zu studiren. Doch hatte er nicht den günstigsten Augenblick gewählt. Er traf das französische Heer unter Custine in vollem Rückzuge vor den Preußen begriffen, und schon in Speier bekam seine Reise eine unerwartete Wendung. Hier traf er eine Berlinerin, die an einen Deutschen verheirathet war, der als Offizier bei den Franzosen stand. Sie begrüßte den alten Bekannten, und machte sich sogleich anheischig, ihm durch ihren Mann den gewünschten Paß zu verschaffen, ohne den es unmöglich war, die französische Grenze zu überschreiten. Doch als Burgsdorff sich bei dem Landsmann meldete, ließ ihn dieser, statt ihm den Paß auszustellen, ohne weiteres verhaften. Er hielt den eifrigen Demokraten für einen preußischen Spion, und da er sich in geläufigem Französisch zu vertheidigen begann, witterte man gar einen verkappten Emigranten in ihm. So ward der Freiheitsmann unvermuthet zum Gefangenen.
Mit andern wurde er darauf im Gefolge der zurückgehenden Armee nach Landau abgeführt. Hier verhörte ihn Custine persönlich, und ließ ihn ohne eine Entscheidung zu treffen, einstweilen zu weiterer Haft nach Strasburg bringen. Auf dem Wege ward er als Aristokrat verhöhnt, man drohte mit dem Laternenpfahl, der Guillotine und Abführung nach Paris. Das keck begonnene Abenteuer schien den schlimmsten Ausgang nehmen zu wollen. Da Burgsdorff, aus Rücksicht auf seine Familie, Namen und Absicht verschwieg, damit man nicht in Berlin auf irgendeinem Umwege erfahre, wo er sei, ward seine Haltung immer verdächtiger, und seine Lage mit jedem Tage gefährlicher. Endlich beschloß man ihn nach dem Fort Belfort bei Basel abzuführen. Auch jetzt noch war er keck genug, mehrere Briefe, die man ihm heimlich für französische Emigranten in der Schweiz zugesteckt hatte, mitzunehmen. Er glaubte das einigen Leuten, deren Bekanntschaft er in Strasburg gemacht hatte, schuldig zu sein. Im Augenblicke des Abganges wickelte er unbefangen eine Anzahl von Buttersemmeln, mit denen er sich versah, in die gefährlichen Papiere, und brachte sie ohne Verdacht zu erregen in Sicherheit.
Solange das Geld vorhielt, führte er auch in Belfort ein leidliches Leben. Unbekümmert um die Gefahr, in welcher er schwebte, machte er leichten Blutes lustige Gesellschaft mit den übrigen Gefangenen, fand in den Schildwachen ganz andere Leute, als er sie in der Heimat gekannt, und meinte selbst im Gefängnisse die Luft der Freiheit zu athmen. Doch die Verlegenheit wuchs, als das Geld ausging. An seine Familie konnte und wollte er sich nicht wenden; er beschloß die Hülfe seines Freundes Tieck in Anspruch zu nehmen. Er entdeckte ihm brieflich seine Lage, forderte ihn auf Geld, soviel und so schnell als möglich, zu senden, und machte ihm das tiefste Geheimniß in der ganzen Sache zur Pflicht. Da er in der Haft allein zurückgeblieben war, suchte er sich die Zeit so gut als möglich zu kürzen, bis die Antwort aus Erlangen eingetroffen sein würde. Er warf sich aufs Lesen, und begann endlich ein Trauerspiel zu schreiben, mit dem er sich schon lange getragen hatte.
Aber auch für Tieck war guter Rath theuer. Woher sollte er jene Summen nehmen, da er selbst des Geldes bedurfte? Auf diesem Wege würde kaum zu helfen gewesen sein, wenn er nicht einen einflußreichen Freund Burgsdorff’s auf dessen Verlangen in das Geheimniß gezogen hätte, den Herrn von Bielfeld, der bei der preußischen Gesandtschaft im Haag stand. Die Schritte, welche dieser that, hatten endlich Burgsdorff’s Freilassung zur Folge. Durch solche Widerwärtigkeiten in seiner neufränkischen Begeisterung noch nicht abgekühlt, durchwanderte er ohne Geld einen Theil der Schweiz und Süddeutschlands, und traf endlich in unerschütterlich guter Laune Anfangs August in Erlangen ein.