Der Sommer ging zu Ende. Man kannte Natur und Land; die Aussicht auf einen Winter in Erlangen war nicht gerade reizend, daher beschlossen die Freunde nach Göttingen zurückzukehren. Burgsdorff, der so Vieles von seinen Abenteuern zu erzählen wußte, hatte durch die Schilderungen der herrlichen Rheinlande den Freunden Lust erregt, auf diesem Wege nach Göttingen zu gehen. Er, der Menschen und Länder gesehen hatte, und es liebte, den dichterischen Freunden als der Mann des wirklichen Lebens entgegenzutreten, übernahm die Leitung der Reise. Kaum hatte man einen Tageweg zurückgelegt, als Tieck sich überzeugte, daß man stillschweigend die Richtung geändert habe. Offenbar ging es statt dem Rheine zu, nach Göttingen. Als er den Reisemarschall eindringlich zur Rede stellte, mußte der kluge Führer eingestehen, er habe die gemeinschaftliche Kasse theils verspielt, theils sonst verausgabt, es sei noch eben genug darin, um nach Göttingen zu kommen. Was half es? Zürnend und lachend fügten sich die Freunde in das Unabänderliche, suchten in Eilmärschen Göttingen zu erreichen, und trafen daselbst im Herbste ein, früher als sie gehofft und gewünscht hatten.
4. Lebensaufgaben und Pläne.
Nach manchen Erfahrungen waren die Freunde, reicher an Kenntnissen der Welt und Menschen, in die Heimat zurückgekehrt. Jene wenigen aber inhaltvollen Monate in Erlangen hatten sie wesentlich gefördert, und statt der nüchternen Gestalten des Nordens und der Schatten der Bücherwelt, hatten sie ein reiches Leben kennen gelernt, das manchen dichterischen Gedanken erweckte. Ein solcher Stoff wollte verarbeitet sein; dazu war das gelehrte und aufgeklärte Göttingen, das von dem Schauplatze der Weltbegebenheiten entfernt genug lag, mit seinen Vorlesungen, seiner Bibliothek und seinem wohlgeordneten Leben der geeignete Ort. Die Lieblingsstudien wurden wieder hervorgesucht, und bald gewannen sie die Gestalt einer gelehrten Aufgabe, an deren Lösung man die Kraft des Lebens zu setzen bereit ist.
Tieck kehrte zu seinem Helden Shakspeare zurück. Allmälig stand der Gedanke eines größern Werkes über den Dichter und seine Zeit in allen Theilen abgeschlossen da. Es sollte die Größe Shakspeare’s verkündigen, welche Deutschland, trotz Wieland’s Uebersetzung und Lessing’s und Goethe’s Hinweisung, nur sehr unvollkommen kannte, oder bezweifelte. Es war ihm zur Ueberzeugung geworden, der Weg, welchen man in Theater und Literatur zur Erkenntniß des Dichters eingeschlagen hatte, konnte niemals zum Ziele führen. Allzu sehr von dem Werthe der eigenen Bildung erfüllt, hofmeisterte man ihn überklug, man schalt ihn einen Barbaren, ein wildes Waldgenie, das gereinigt und geputzt werden müsse, um in der Gesellschaft anständiger und aufgeklärter Männer erscheinen zu können. Man verstümmelte barbarisch die Werke, welche man schon aus historischer Rücksicht hätte achten sollen, und auf deren Erkenntniß es eben ankam. Nicht minder flach erschien die unaufhörlich wiederholte Meinung, Shakspeare sei, trotz seiner Wildheit und Regellosigkeit, dennoch ein großes Genie. Worin anders aber hätte sich dieses zeigen sollen, als in seiner innern wahren Kunstvollendung?
Zu wiederholten Malen hatte er Shakspeare’s sämmtliche Dichtungen durchstudirt. Dann war er zu historisch-kritischen Forschungen über den Dichter, die Geschichte seines Lebens, seiner Zeit und Werke übergegangen. Hier ließ sich eine neue Wissenschaft aufbauen. Was die Bibliothek an Ausgaben und Commentaren besaß, war ihm bekannt und geläufig. Doch wenn die deutschen Kunstrichter ihm nicht Genüge thaten, so gaben die englischen Kritiker und Erklärer durch ihre Dürre und die übermäßige Nüchternheit, mit der sie nur bei dem Außenwerke stehen blieben, keinen geringern Anstoß. Neben Ben Jonson hatte er auch Beaumont und Fletcher, Massinger und Andere in den Kreis seiner Studien hineingezogen.
Unter Shakspeare’s Dramen zog ihn wegen seines phantastisch-märchenhaften Charakters der „Sturm“ besonders an. Er vollendete um diese Zeit eine Bearbeitung, in welcher er noch die allgemein geltenden Gesichtspunkte festhielt, weil er an die Möglichkeit einer Darstellung auf der Bühne dachte. Zugleich sollte ihm dieses Stück Veranlassung geben, seine Ansichten über Shakspeare in einer Reihe von Abhandlungen darzulegen, und eine richtigere Auffassung des Dichters vorzubereiten. Zuerst beschränkte er sich auf die Behandlung des Wunderbaren und dessen Darstellung im „Sturm“. Diese Arbeit sandte er mit einer Probe seiner Uebersetzung an Schiller mit dem Wunsche, daß beides in die „Thalia“ aufgenommen werden möge. An das umfassende Werk über Shakspeare sollten sich dann mehrere Dramen anderer Dichter aus jener Zeit anschließen, namentlich der vier genannten. Die bedeutendsten dachte er zu übersetzen, die andern, um dem Publicum nicht zu viel zuzumuthen, im Auszuge oder in freier Bearbeitung zu geben; historische und kritische Anmerkungen sollten das Ganze begleiten. Schon sah er sich nach einem Verleger um, dem er sein kritisches Erstlingswerk übergeben könne. Wackenroder, der die Pläne des Freundes mit keinem geringern Eifer als die eigenen verfolgte, hatte sich deshalb bereits an seinen Lehrer, den Prediger Koch in Berlin gewandt, mit dem er noch in wissenschaftlichem Verkehre stand.
Hieran schloß sich eine verwandte Arbeit, die unter Fiorillo’s Augen entstanden war, dessen Vorlesungen über Malerei und Kunstgeschichte Tieck hörte. Es war eine Beurtheilung der in England herausgegebenen Sammlung von Kupferstichen nach der „Shakspeare-Galerie“. Bereits 1794 erschien sie auf Heyne’s Vermittelung in der „Bibliothek der schönen Wissenschaften“.
Zugleich eröffnete sich ihm um diese Zeit ein Weg in die Literatur. Von Göttingen aus kam er mit dem alten Nicolai, dem er in Berlin fern gestanden hatte, in nähere Berührung. Entscheidend war eine Reise, die er mit Wackenroder um Ostern 1794 nach Braunschweig und Wolfenbüttel machte, um die dortigen Bibliotheken und Sammlungen kennen zu lernen. Er erneuerte die Bekanntschaft Ebert’s, welcher ein behagliches wissenschaftliches Stillleben führte, und den jungen Dichter mit herzlichem, fast väterlichem Wohlwollen empfing. Ebenso entgegenkommend zeigte sich Eschenburg; er nahm besonders an Tieck’s Arbeiten über Shakspeare Antheil. Die beiden ältern Freunde überzeugten sich, daß hier eine Kraft sich Bahn zu brechen suche, die jede Unterstützung und Aufmunterung verdiene. Bei nächster Gelegenheit wiesen sie daher ihren Freund Nicolai auf seinen Landsmann hin. Nicolai war eine Macht in der deutschen Buchhändlerwelt, und unterstützte junge Talente gern in mäcenatischer Weise. Nachdem er sich von Tieck’s Arbeiten und literarischen Plänen unterrichtet hatte, erklärte er sich nicht nur bereit den „Abdallah“ und Anderes in Verlag zu nehmen, sondern er übersandte ihm sogar eine Abschlagssumme des verabredeten Honorars.
Endlich begann sich auch Anderes zu gestalten. Schon 1793 war im ersten Entwurf eine Tragödie „Karl von Berneck“ entstanden. Unter den fränkischen Burgen hatte keine einen tiefern Eindruck zurückgelassen als die Ruinen von Berneck, deren düsterer Anblick trefflich zu der Sage paßte, welche dort lebte. Ein Sohn sollte die Mutter ermordet haben, um den durch sie und ihren Verführer gefallenen Vater zu rächen. Es war ein deutscher Orest, der sich in die Mitte zwischen den griechischen Helden und den englischen Hamlet stellte. Der schon am Orte selbst gefaßte Gedanke, einen tragischen Helden aus ihm zu bilden, kam jetzt zur Ausführung. Die Sage, der Schauplatz des deutschen Mittelalters, Alles schien sich zu vereinen, um dem Dichter einen Stoff zu geben, der seiner Eigenthümlichkeit ganz zusagen mußte.